Kanzler-Souffleure Der Verschleiß der Macht

Blankenhorn, Hallstein, Globke, Lenz, von Eckardt, Krone – so lauteten die mittlerweile weithin vergessenen Namen der Berater des ersten Kanzlers. Die entscheidenden Grauen Eminenzen waren Globke und Krone. Doch ganz eindeutig war die Hierarchie im Küchenkabinett nicht. Das ließ der gerissene Taktiker Adenauer nicht zu.

Von Franz Walter


Selbst Globke, der Unverzichtbare, sah sich hin und wieder dem Tadel seines Herrn ausgesetzt. Das gehörte zur Herrschaftstechnik Adenauers. Er verteilte die Gunst an seine Mitarbeiter von Zeit zu Zeit neu. So schürte er Rivalität und Konkurrenz, stachelte den Ehrgeiz untereinander an - und zog den Mehrwert daraus. Denn jeder aus seiner Gefolgschaft wollte sich besonders exponieren, durch exklusive Leistungen hervorstechen, besser sein als jeder andere, dadurch in der Sonne des Meisters stehen, zum Primus avancieren. Entdeckt und kreiert hatte Adenauer diese Machtmethodik nicht. Etliche Führungskräfte spielten machiavellistisch auf dieser Klaviatur, jedenfalls in früheren Zeiten. Adenauer schielte auf die Schwächen der Menschen, sah scharf ihre Labilitäten, ihre Geltungssucht, ihre Gier, ihre Doppelzüngigkeit, zog das alles kalt in sein politisches Kalkül mit ein und nutzte es, wann immer es ihm opportun erschien. Boshaftigkeiten auszuteilen, Indiskretionen im Bedarfsfall zu lancieren, gezielt Zwietracht zu säen, all das war Adenauer eigen. Es war ihm auch nicht fremd, langjährige gute Mitarbeiter ohne jede Sentimentalität fallen zu lassen, wenn er sie nicht mehr gebrauchen konnte oder er ihrer Loyalität nicht mehr recht traute. Sonderlich zimperlich ging Adenauer nie zu Werke. Er liebte es, in kleiner Runde zu lästern - seinen giftigen Spott goss er bei besonders gern über Mitarbeiter aus, die gerade durch Abwesenheit glänzten.

Krone (l.) und Adenauer: Der Kanzler war misstrauisch
Konrad-Adernauer-Stiftung

Krone (l.) und Adenauer: Der Kanzler war misstrauisch

Und: Adenauer war misstrauisch. Das war neben dem Pessimismus ein prägender Zug seines Wesens. Insofern neigte Adenauer auch dazu, Informationen nicht freimütig zirkulieren zu lassen, sondern in erster Linie bei sich zu behalten. Seine Ratgeber stöhnten regelmäßig, dass der Kanzler sich oft um Kleinigkeiten kümmerte, dabei dann gerne kleinlich und rechthaberisch auftrat. Adenauer fürchtete, dass andernfalls andere aus seiner Umgebung besser informiert sein könnten als er selbst. Das nahm Adenauer regelrecht als Bedrohung wahr, deshalb hortete er Informationen, zentralisierte das Expertenwissen bei sich. Eifersucht und Argwohn charakterisierten den ersten deutschen Bundeskanzler.

Klügere Menschen konnte Adenauer infolgedessen nicht ausstehen und ertragen. Schwafler und Schönredner goutierte er aber ebenso wenig. Dieser Typus wurde im Kanzleramt nicht alt. Wer sich als unfähig erwies, eine schriftliche Expertise auf ein bis zwei Seiten zu verdichten, wem die Begabung abging, seine Gedanken präzise, prägnant und pointiert vorzutragen, bekam den Zorn Adenauers rasch zu spüren. Willy Brandt später hatte eine Passion für das Schweifende, Räsonierende, das mitunter unentschiedene oder auch dialektische "Sowohl als auch"; Adenauer präferierte Logik und Stringenz, das dichotomische "Entweder - oder". Brandt erfreute sich an Sprachartistik, an metapherreichen Formulierungen, an expressiven Wortspielen; Adenauer zog die Einfachheit dürrer Sprachprosa vor. Wolkiges Pathos und gefühlsschwangeres Epos waren ihm im politischen Tagesgeschäft verhasst.

Allesamt intelligente, gebildete, auch selbständige Personen

Es hatte seinen Grund, dass die beiden Männer im Zentrum des Souffleurensystems, Heinrich Krone und Hans Globke, eher wortkarge Männer waren. Kein Zufall war sicher auch, dass beide fest im katholischen Glauben wurzelten. Auf diesem stabilen normativen Fundament standen sie gemeinsam verbunden mit ihrem Kanzler. Die Souffleure der Macht waren allesamt intelligente, gebildete, auch selbständige Personen. Dabei stach ihre exquisite fachliche Qualifikation hervor, während sie politisch - im genuinen und öffentlichen Sinne - weit geringer ambitioniert waren. Sie waren leistungsstark, hochbelastbar, aber politisch doch weitgehend ohne eigene Ansprüche, stattdessen ganz und gar auf den Primat des Kanzlers fixiert. Insofern waren sie Techniker der Politik, Maschinisten des Regierungsgeschäfts, Advokaten der Macht, nicht so sehr Politiker mit großen Entwürfen oder auch ehrgeizigen Karriereplänen. Der politische Eros ihrer Tätigkeit lag gleichsam im Körperkontakt, in der unmittelbaren sinnlichen Nähe zur Kanzlermacht. Sie hatten jederzeit Zugang zum Regierungschef, waren von Beginn an in die großen staatspolitischen Vorgänge und Entscheidungen einbezogen. Souffleure im Schatten der Macht waren zwar nicht prominent, sie blieben in Restaurants, an Tankstellen, auf Marktplätzen unerkannt; aber auf ihren Rat hörte der Kanzler der deutschen Bundesrepublik.

Vor allem tat er das Face to Face. Für die Souffleure war das jedenfalls die günstigste Konsultationssituation. Auch der regelmäßigen Nachmittagsspaziergang durch den Garten des Palais Schaumburg in der Bonner Kapitale mit dem Kanzleramtschef Globke und dem Unionsfraktionsvorsitzenden Krone war in der Adenauerschen Kanzlerdemokratie ein zentrales Medium politischer Entscheidungsvorbereitung. In größeren Personenkreisen dagegen reagierte der Kanzler empfindlich, oft erbost und beleidigt auf Kritik. Im Vieraugengespräch hingegen war er zugänglicher und großzügiger. Hier durfte man Einsprüche riskieren, hier konnten zuweilen auch Korrekturen am bisherigen Weltbild des Kanzlers gelingen. Dieser gute Draht zum Kanzler und so zur politischen Macht lieferte gleichsam die Endorphine für die Grauen Eminenzen. Deshalb opferten sie viel an Familienleben, Privatheit, Freizeit. Im Grunde blieb für dergleichen kaum noch etwas übrig.

Dank und innige Zuneigung ernteten sie für ihre entsagungsvolle Zuarbeit indes nicht. Selbst nach den famosen Wahlsiegen 1953 und 1957 hielt Adenauer zu seinen engsten Getreuen kühle Distanz. Keinem bot er jemals das "Du" an. Selbst für dem Chef der Regierungszentrale, Hans Globke, der sich für vollständig für Adenauer aufrieb, blieb der Regierungschef in jeder Situation, ob nun förmlich im Amt oder zwangloser im Urlaub, stets der "Herr Bundeskanzler".

Außer Globke hielt kein Berater durch

Mit Ausnahme von Globke stand niemand sonst aus der engsten Umgebung Adenauer die ganze Amtszeit des ersten deutschen Bundeskanzlers als Ratgeber durch. Der Druck war einfach zu gewaltig. Und das galt für alle Souffleure der Macht während sämtlicher Kanzlerschaften: Es ging an die Substanz, nahezu Tag und Nacht für einen Bundeskanzler verfügbar sein zu müssen. Die Macht-Souffleure waren in der Regel alle hochintelligent, mussten oft genug elementare Entscheidungen treffen, zumindest weichenstellende Ratschläge für die Zukunft der Nation erteilen, aber sie waren und blieben doch stets und immer subalterne Figuren in der Hierarchie der Macht. Dies alles zusammen belastete enorm die Physis wie die Psyche. Viele Machtsouffleure trugen und schleppten Krankheiten mit sich herum.

Irgendwann war das Limit der Belastbarkeit erreicht. Der erste ging; andere folgten dann bald. Der Kreis der Vertrauten um den Kanzler schrumpfte. An neue Leute im engsten Umkreis aber konnten sich die meisten Regierungschefs - die eben keineswegs nur kalte Exekutoren ihres beträchtlichen Machtwillens waren - schlecht gewöhnen. Es wurde daher irgendwann einsam um sie. Der Kontakt zur Außenwelt verzerrte sich, wurde peu a peu selektiver, unrealistischer. Es ging dann politisch unweigerlich zu Ende mit den Kanzlerschaften - so verhielt es sich konstant von Adenauer bis Schröder. Und irgendwann werden wir es unzweifelhaft auch am Hofe der Angela Merkel erleben.



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