Vom Kanzleramt beauftragt BND spionierte bei Verbündeten

Abhören unter Freunden, das fand die Bundesregierung in früheren Zeiten überhaupt nicht verwerflich. Nach Informationen des SPIEGEL gab das Kanzleramt in den Sechzigerjahren dem BND das Go für Spionage in Washington und Paris.

Bundeskanzler Adenauer (1957): "Außerordentlich interessiert"
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Bundeskanzler Adenauer (1957): "Außerordentlich interessiert"


Der Bundesnachrichtendienst (BND) hat im Auftrag des Kanzleramts jahrzehntelang bei Nato-Verbündeten spioniert. Das geht nach Informationen des SPIEGEL aus BND-Akten hervor. So führte der Geheimdienst 1968 die "Nato-Länder, vorrangig USA, Frankreich" an vierter Stelle auf einer Spionage-Wunschliste, die das Kanzleramt absegnete. Davor rangierten nur Ostblockstaaten. Aufklärungsschwerpunkt sollte bei den Alliierten "Nato und andere Bündnisfragen" sein. (Lesen Sie die ganze Geschichte im neuen SPIEGEL.)

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Auch in der Regierungszeit Helmut Schmidts wurden die USA, Frankreich und Großbritannien beim BND der "Interessenstufe 2" ("hohes Interesse") zugeordnet. Der Geheimdienst besorgte nach SPIEGEL-Informationen zum Beispiel vertrauliche Unterlagen aus den Verhandlungen, die die Briten 1959 mit anderen europäischen Ländern über die Freihandelszone Efta führten. Ein Jahr darauf beschaffte der BND auf Wunsch des Kanzleramts "Material" aus Italien über den Spitzenmanager Enrico Mattei.

1961 zeigte sich Kanzler Konrad Adenauer "außerordentlich daran interessiert", vom BND Genaueres zu Äußerungen des stellvertretenden US-Außenministers Chester Bowles zu erfahren. Bowles hatte zuvor intern erklärt, eine Kampagne Adenauers gegen den damaligen SPD-Chef Willy Brandt habe der US-Regierung "gar nicht gefallen". Der Dienst besorgte "weitere Einzelheiten".

Nach Angaben von BND-Veteranen werden die westlichen Verbündeten inzwischen nicht mehr als Spionageziel geführt.

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insgesamt 23 Beiträge
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Bueckstueck 06.06.2015
1. Tja
Und ab wann, so fragt man sich, ist diese gesunde Einstellung verloren gegangen? Während die Freunde damals wie heute Deutschland nachrichtendienstlich behandelt haben, tut das Deutschland nicht mehr - und wundert sich. Ja, Spionae unter Partnern fühlt sich nicht schön an, aber es gibt nichts (usser Spionageabwehr) was man tun könnte um es zu verhindern. Also sollte man das Spiel mitspielen und ebenfalls spionieren was das Zeug hält.
räbbi 06.06.2015
2.
Natürlich ist es ganz normal, auch bei Freunden zu lauschen. Verwerflich ist es, sich abhören zu lassen - noch viel verwerflicher, dem Freund dabei auch noch zur Hand zu gehen.
ackergold 06.06.2015
3.
Was soll daran verwerflich gewesen sein? Bekannt ist ja vor allem, dass die USA massenhaft Altnazis als Spione beschäftigt haben. Es würde mich schwer wundern, wenn die tatsächlich alle umgedreht wurden - während Gehlen in Deutschland schalten und walten konnte wie er wollte. Die Spionagetätigkeit zur Abwehr von US-Spionageangriffen sollte dringend wieder aufgenommen werden. Alles andere wäre staatsgefährdend. Dann kann man den BND gleich auflösen. Er wird nicht mehr benötigt, wenn man selbst machtlos dastehen will.
pejoachim 06.06.2015
4. Geheimdienst und Freundschaft
Das Wesen der Geheimdienste ist es, geheim zu sein und den Interessen des eigenen Volkes zu dienen. Freundschaft gibt es nur unter Menschen. Verbündete haben ein gemeinsames Ziel, aber sie sind keine Freunde. Von daher ist es natürlich, den Geheimdienst auch bei verbündeten Staaten forschen zu lassen. Denn eines sollte man NIE außer acht lassen: Auch mit verbündeten Staaten gibt es Interessenkonflikte und je besser die eigene Regierung informiert ist, um so besser ist es für uns Bürger. Wer glaubt, dass Frankreich, Großbritannien oder Italien in Deutschland keine Geheimdienstarbeit leisten, der glaubt auch, dass Schneewittchen mit sieben Männern zusammenlebt und immer noch Jungfrau ist.
hwdtrier 06.06.2015
5. Aufgabe des
Geheimdienstes ist Spionage. Und Spionage bei Freunden ist oft wichtiger und effizienter als bei Feinden.
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