Kanzleramtschef in der Kritik Pofalla wird Merkels Problemfall

Vom Krisenmanager zum Krisenminister: Kanzleramtschef Ronald Pofalla muss sich nach seinem Ausraster gegenüber Euro-Abweichler Wolfgang Bosbach öffentlich entschuldigen. Reicht das? An der Basis wächst die Wut auf den Merkel-Vertrauten.

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Kanzlerin Merkel, Kanzleramtsminister Pofalla: Reicht die Entschuldigung aus?
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Kanzlerin Merkel, Kanzleramtsminister Pofalla: Reicht die Entschuldigung aus?


Berlin - Die Presselage fällt am Dienstag wenig schmeichelhaft aus für Ronald Pofalla. Vom "Pöbel-Pofalla" ist da zu lesen, die "Welt" findet seine Wortwahl "vulgär und ehrverletzend", die "Süddeutsche Zeitung" fühlt sich an einen wilhelminischen Kasernenhof erinnert, die "Berliner Zeitung" karikiert Pofalla als neuen Syrien-Beauftragten der EU, der Diktator Baschar al-Assad seine Rücktrittsforderung ins Gesicht brüllt: "Ich kann Ihre Fresse nicht mehr sehen!"

Es ist dieser Satz, der den Kanzleramtsminister in ernsthafte Bedrängnis gebracht hat - nur einen Tick persönlicher artikuliert, schließlich war er im realen Leben an einen langjährigen Parteifreund gerichtet, und da duzt man sich natürlich. "Ich kann deine Fresse nicht mehr sehen", so soll es Pofalla dem Euro-Abweichler Wolfgang Bosbach in der vergangenen Woche am Rande einer Sitzung der CDU-Bundestagsabgeordneten aus Nordrhein-Westfalen entgegengeschleudert haben - und noch ein paar Nettigkeiten mehr.

Nun folgt die öffentliche Reue. In der Mittwochsausgabe der "Bild"-Zeitung lässt der Chef des Bundeskanzleramtes wissen: "Ich ärgere mich selbst sehr über das, was vorgefallen ist, und es tut mir außerordentlich leid."

Die Frage ist nur: Reicht das? Ist ein solcher Ausraster entschuldbar? Ist jemand als Leiter der Regierungszentrale weiter tragbar, der so die Beherrschung verliert und einen Kollegen in Gossensprache aufs Übelste beschimpft?

Bundesregierung und CDU-Spitze versuchen, die Debatte zu ersticken. Pofalla sei ein "bisschen über das Ziel hinausgeschossen", findet etwa Unionsfraktionsvize Michael Fuchs. "Aber das darf man auch nicht überbewerten." Wirtschaftsstaatssekretär und NRW-Landesgruppenchef Peter Hintze hält die Sache "für abgeschlossen", schließlich hätten sich Pofalla und Bosbach ausgesprochen. Auch Kanzlerin Angela Merkel ließ über ihren Regierungssprecher ausrichten, sie betrachte die Angelegenheit als erledigt.

Nicht die erste Rüpelei

Doch so einfach wird sich der Verbalausfall nicht vergessen machen lassen. Die Irritationen in der Fraktion über den rüpelhaften Ton des Merkel-Vertrauten sind groß - bis in die Spitze der Unionsfraktion hinein. Gerade Fraktionschef Volker Kauder und sein Parlamentarischer Geschäftsführer Peter Altmaier (beide CDU) hatten sich in den vergangenen Wochen nach Kräften bemüht, bei der schwarz-gelben Mehrheitssicherung jeden Anschein zu vermeiden, auf potentielle Gegner des reformierten Euro-Rettungsschirms werde Druck ausgeübt. Mit Erfolg: Keiner der Euro-Rebellen beklagte sich, er werde bedrängt, stets wurden "Fairness" und "offene Gespräche" gelobt.

Ausgerechnet der "ChefBK", wie der Kanzleramtsminister intern genannt wird, scheint da einen anderen Umgang zu pflegen. Und das nicht erst seit der wichtigen Euro-Abstimmung in der vergangenen Woche. Denn Pofalla, der studierte Sozialpädagoge, kommt auf den ersten Blick harmlos daher, gilt aber als aufbrausend. Den früheren Verteidigungsminister Karl-Theodor zu Guttenberg ( CSU) soll Pofalla im Streit über dessen Bundeswehrreform einst als "Rumpelstilzchen" verspottet haben. Seinen Kabinettskollegen Norbert Röttgen (CDU) wollte er angeblich unbedingt als Chef der NRW-CDU verhindern.

Nicht wenige im schwarz-gelben Regierungsbündnis machen Pofalla dafür entscheidend verantwortlich, dass es im schwarz-gelben Regierungsbündnis von Anfang an nicht rund läuft. "Pofallas Arroganz steht in umgekehrtem Verhältnis zu seiner Management-Fähigkeit", ätzte schon im ersten Regierungsjahr ein Unionsmann. Jetzt konstatierte Lasse Becker, der Chef der Jugendorganisation des Koalitionspartners FDP: "Herr Pofalla leistet schon lange keine gute Arbeit. Daraus sollten langsam Konsequenzen gezogen werden." Die liberale Bundespartei wies die Forderung des Parteinachwuchses zurück - allerdings nicht, ohne süffisant auf Defizite des Kanzleramtchefs hinzuweisen. Es gebe keinen Anlass zur Kritik, hieß es aus der FDP-Spitze. "Die Zusammenarbeit mit Herrn Pofalla hat sich in den vergangenen Monaten deutlich verbessert."

Unmut an der Basis

In bundespolitischen Kreisen der CDU hält man sich mit offener Kritik lieber zurück. Schließlich ist Pofalla einer der wichtigsten Verbündeten der Kanzlerin. Solange Merkel öffentlich zu ihrem Vertrauten hält, wird nur hinter vorgehaltener Hand gelästert. Die Basis hat da weniger Hemmungen. Ein Brandenburger Kreisverband der Jungen Union forderte Merkel auf zu überdenken, "ob Pofalla der richtige Mann für das Kanzleramt ist". Der niedersächsische CDU-Landtagsabgeordnete Frank Oesterhelweg schrieb sich in einer Erklärung den Frust über das "peinliche und abstoßende Kaspertheater der Bundes-CDU" von der Seele. Pofallas Umgang mit Bosbach sei eine "Frechheit", in der Unionsspitze müssten dringend personelle Veränderungen vorgenommen werden.

CDU-Chefin Merkel wird den Ärger der Parteimitglieder am Abend wohl noch einmal zu spüren bekommen und um ein persönliches Wort zur Causa Pofalla nicht herumkommen. Dann steht in Magdeburg die letzte von sechs Regionalkonferenzen vor dem Bundesparteitag im November an. Auf dem ersten Treffen dieser Art im hessischen Alsfeld hatte die Kanzlerin bereits eingeräumt, dass ihr der "Umgangston" in der Koalition nicht immer gefalle. Daran muss sie nun auch ihren Kanzleramtsminister messen. In ihrem Umfeld geht man auf Verteidigungsposition. CDU-Generalsekretär Hermann Gröhe sagte: "Für mich ist entscheidend, dass Ronald Pofalla sich entschuldigt hat, bevor das ganze Thema öffentlich wurde, und er jetzt noch einmal öffentlich erklärt hat, wie sehr ihm das leid tut und dass er sich selbst wahnsinnig über die völlig unangemessene Wortwahl ärgert." Pofalla, so der Merkel-Vertraute im Sender "Phoenix", leiste ganz wichtige Arbeit. "Er hat es auch nicht verdient, auf einen Wutausbruch reduziert zu werden", so Gröhe über den Chef des Bundeskanzleramtes.

Der Beschimpfte selbst will einstweilen kein weiteres Öl ins Feuer gießen. "Die Sache ist damit für mich endgültig erledigt", sagte Bosbach nach Pofallas Entschuldigung der "Bild"-Zeitung. "Für mich bleiben weder politisch noch persönlich Differenzen zurück." Dass ihm das Vergessen nicht leichtfällt, zeigen jedoch seine Überlegungen, bei der nächsten Wahl entgegen seiner ursprünglichen Pläne nicht wieder für den Bundestag zu kandidieren.

Bosbach-Freunde wollen den CDU-Politiker vom Abschied abhalten. Auf Facebook haben sich bereits erste Unterstützergruppen unter den Namen "Solidarität mit WoBo" und "Gegen den Politikrückzug von Wolfgang Bosbach" gegründet. Am Dienstagnachmittag hatten sie zusammen rund 2000 Mitglieder.

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insgesamt 171 Beiträge
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Björn Borg 04.10.2011
1. Prollfalla for Dschungelkönig!
Zitat von sysopVom Krisenmanager zum Krisenminister: Kanzleramtschef Ronald Pofalla muss sich nach seinem Ausraster gegenüber Euro-Abweichler Wolfgang Bosbach öffentlich entschuldigen. Reicht das? An der Basis wächst die Wut auf den Merkel-Vertrauten. http://www.spiegel.de/politik/deutschland/0,1518,789748,00.html
RTL II sucht zurzeit noch Kandidaten für das nächste Dschungelcamp. Koffer packen, Prollfalla!
burgundy 04.10.2011
2. Es wäre ein Zeichen politischer Kultur,
wenn man Herrn Pofalla gepflegt zurücktreten liesse. Seine Schäfchen hat er sowieso schon im trockenen, und ersetzbar ist er in jedem Fall. Männer und Frauen mit seiner "Kompetenz" gibt es etliche.
Bowhunter 04.10.2011
3. ...
Es wächst nicht nur die Wut auf H. Pofalla. Eher die Wut auf das, wie gewöhnlich, aussitzen der Kanzlerin. Das schlimme daran, sie merkt nicht mal, dass dieses áussitzen die Grenze der Peinlichkeit schon lange überschritten hat.
tafkar, 04.10.2011
4. Danke Ronald!
Das mußte Mal gesagt werden.
altefrau99 04.10.2011
5. Pofalla zum Kot........
als generalsekretär war er mehr, als farblos. er wurde mit einem ministeramt von seiner herrin beschenkt (was macht er eigentlich?)und jetzt zeigt er sich als gute grüne, von der pöbelpartei die manieren übernommen. pfui
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