G20-Gipfel in Buenos Aires Was Merkel wegen der Panne verpasst

Die Ukraine-Krise, der Handelskrieg und die Khashoggi-Affäre überschatten den G20-Gipfel in Buenos Aires. Kanzlerin Merkel kommt zu spät.

In Köln gestrandeter Regierungs-Airbus "Konrad Adenauer"
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In Köln gestrandeter Regierungs-Airbus "Konrad Adenauer"


Kanzlerin Angela Merkel musste wegen eines technischen Defekts am Regierungs-Airbus nur eine Stunde nach dem Start in Berlin ihren Flug abbrechen und in Köln landen - sie kann nun erst am Freitagmorgen weiterreisen. Wegen des Zwischenfalls wird Merkel fast den gesamten ersten Gipfeltag in der argentinischen Hauptstadt verpassen, der von der Eskalation in der Ukraine, Handelskonflikten und der Khashoggi-Affäre überschattet wird.

Merkel war gemeinsam mit Vizekanzler und Finanzminister Olaf Scholz (SPD) auf dem Weg nach Argentinien, als die Maschine vom Typ A340-300 über den Niederlanden umkehren musste (mehr zu den technischen Problemen erfahren Sie hier).

Während eines der üblichen Hintergrundgespräche mit den Journalisten im Tross war die Kanzlerin um kurz vor 20 Uhr mit den Worten "Es ist wichtig" von einer Stewardess aus dem Besprechungsraum des Flugzeugs geholt worden. Der Flugkapitän teilte der Kanzlerin mit, dass man sich nicht mehr auf dem Weg nach Buenos Aires befinde. Wegen eines technischen Problems könne man nicht auf den Atlantik hinaus fliegen. Der Plan sei nun, in Köln zu landen, weil dort die einzige in Frage kommende Ersatzmaschine stehe.

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Die deutschen Pannen-Flieger: Diese Politiker mussten zwischenlanden

Auf dem Flughafen Köln erwarteten Feuerlöschfahrzeuge Merkels Flugzeug, das eine harte Landung hinlegte, da beim Flug nach Köln nicht ausreichend Treibstoff abgelassen werden konnte. Aber damit waren die Probleme noch nicht überstanden: Ein direkter Weiterflug mit einem Ersatz-Airbus sei leider doch nicht möglich, erklärte Regierungssprecher Steffen Seibert. Dies liege unter anderem an den Dienstzeiten und Verfügbarkeiten von Besatzungen und Flugkapitänen.

Merkel verbringt die Nacht nun in einem Bonner Hotel. Am frühen Freitagmorgen fliegt sie mit einer Regierungsmaschine von Köln nach Madrid. Von dort aus fliegt sie dann gegen 9 Uhr mit einer Linienmaschine nach Buenos Aires und wird gegen 17.55 Uhr Ortszeit in der Stadt erwartet. Merkel wird von einer 15-köpfigen Delegation begleitet, zu der auch Scholz gehört. Ihr Ehemann Joachim Sauer und auch die Journalisten bleiben in Deutschland.

Scholz übernachtet ebenfalls in Bonn. Im Hotel erzählte er, wie ständig Läster-SMS von seinen Kollegen eingingen: "Sollen wir Dir einen Flug mit der KLM besorgen?"

Unter den Gestrandeten in Köln war auch der Leiter des SPIEGEL-Hauptstadtbüros, René Pfister. Er twitterte wenig später:

Mit der Panne beginnt das zehnjährige Jubiläum dieser Gipfel am Freitag erstmal ohne die Kanzlerin - praktisch als "G20 minus 1". Auch zu dem bisher für den Nachmittag geplanten Treffen mit US-Präsident Donald Trump dürfte sie es wohl nicht schaffen.

Die "Gruppe der 20" aus 19 Ländern und der Europäischen Union repräsentiert zwei Drittel der Weltbevölkerung und 85 Prozent der weltweiten Wirtschaftsleistung. Seit der globalen Finanzkrise 2008 tagen sie auch auf der Ebene der Staats- und Regierungschefs. In Buenos Aires gab es aber schon vor dem Start heftige Verstimmung.

Problemfall Ukraine - Trump sagt Putin ab

So sagte US-Präsident Trump wegen der Eskalation zwischen der Ukraine und Russland ein Treffen mit dem russischen Präsidenten Wladimir Putin kurzerhand ab. Er begründete den Schritt damit, dass die von Russland festgenommenen ukrainischen Seeleute bisher nicht freigelassen und ihre Schiffe nicht zurückgegeben worden seien. Der Sprecher des US-Außenministeriums nannte Trumps Absage "ziemlich klar": "Die Aggression, die wir diese Woche erlebt haben, ist nicht akzeptabel, und eine starke Botschaft wurde übermittelt." Auf die Frage, was die Botschaft sei, antwortete der Sprecher: "Isolation."

Trotzdem will die Kanzlerin am Samstag mit Putin über den Konflikt sprechen. Der ukrainische Präsident Petro Poroschenko setzt auf ihre Hilfe. Eine Lösung des Konflikts werde es nur im Gespräch geben, sagte Merkel in Berlin. "Es gibt keine militärische Lösung." Die Ukraine mahnte sie, "klug zu sein". Am Sonntag hatte die russische Küstenwache Patrouillenbooten der ukrainischen Marine die Durchfahrt in der Meerenge von Kertsch verweigert. Die Gewässer sind seit der Annektierung der Krim durch Russland zwischen beiden Staaten umstritten. Die ukrainischen Schiffe wurden in russische Gewalt genommen. Es fielen Schüsse. 24 Matrosen wurden festgesetzt.

Problemfall Khashoggi - Sanktionen gegen Saudi-Arabien

Auch die Khashoggi-Affäre lastet auf dem Gipfel der Staats- und Regierungschefs. Spannend wird ihr Umgang mit dem saudischen Kronprinz Mohammed bin Salman, der am Mittwoch als erster eingetroffen war. Wegen des Mordes am regierungskritischen Journalisten Jamal Khashoggi im saudi-arabischen Konsulat in Istanbul steht der Kronprinz weltweit in der Kritik. Ihm wird vorgeworfen, den Mord in Auftrag gegeben oder zumindest davon gewusst zu haben. Während ihm Kanzlerin Merkel aus dem Weg gehen wird, will sich Frankreichs Präsident Emmanuel Macron mit dem Kronprinz treffen. Trump sagte, er habe nicht genug Zeit für ein Treffen mit Salman.

Zehntausende Demonstranten wollen zum Auftakt des zweitägigen Gipfels am Freitag gegen die Wirtschaftskrise in Argentinien und die Staatsführer protestieren, die aus ihrer Sicht nicht genug gegen soziale Ungerechtigkeit in der Welt tun. Ein massives Aufgebot von 25.000 Sicherheitskräften schützt die Staats- und Regierungschefs. Rund 3000 Journalisten aus aller Welt sind angereist. Das Pressezentrum erlebte am Donnerstag auch einige Pannen, weil das Internet mehrmals ausfiel - einmal für rund eine Stunde.

Bei diesem Gipfel ist es wegen der Differenzen in Handels- oder Klimafragen besonders schwierig, eine gemeinsame Abschlusserklärung zu finden, hieß es aus deutschen Regierungskreisen. Die Unterhändler haben schon zwei Nächte durchverhandelt. Es wäre beispiellos in der Geschichte der G20, wenn es keine Einigung auf ein Kommuniqué gäbe.

Problemfall Welthandel - Showdown Trump vs. Xi

Die größte Gefahr für die Weltwirtschaft und die Finanzmärkte ist der Handelskrieg, den Trump mit China angezettelt hat. Vor seinem "Showdown" mit Staats- und Parteichef Xi Jinping am Samstagabend in Buenos Aires erhöhte Trump den Druck. "Ich denke, dass wir sehr nahe dran sind, etwas mit China zu tun, aber ich weiß nicht, ob es das ist, was ich tun möchte", sagte Trump vor der Abreise. Derzeit flössen Milliarden Dollar an Strafzöllen in die Staatskasse.

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G20 in Buenos Aires: Einer gegen alle

Trump wirft China unfaire Handelspraktiken, mangelnden Marktzugang, zwangsweisen Technologietransfer und Produktpiraterie vor. Bietet China nicht ausreichende Konzessionen, droht Trump mit einer Erhöhung der Zölle und einer Ausweitung auf alle Einfuhren aus China im Wert von mehr als 500 Milliarden US-Dollar. "Es ist unmöglich zu sagen, ob es beim G20-Gipfel einen Waffenstillstand oder einen Durchbruch gibt", sagte ein Beamter des Pekinger Außenministeriums. "Es kann in zwei Stunden gelöst werden - oder in zehn Tagen Verhandlungen nicht."

oka/rp/dpa



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