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Kanzlerin auf Energiereise: Merkel macht Wind

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Angela Merkel galt mal als Klimakanzlerin, sie posierte vor Gletschern und begeisterte die Weltpolitik. Auf ihrer Energiereise will sie dieses Image jetzt zurückgewinnen - und der leidigen Atomdebatte entkommen. Erste Station ihrer Rundfahrt: natürlich ein Windpark.

Merkel auf Energiereise: Der Wind hat sich gedreht Fotos
AP

Hamburg - Der Himmel über Krempin ist grau, wirklich gut sieht das nicht auf den Bildern aus. Die Kanzlerin posiert für die Kameras, jemand reicht ihr eine Sonnenblume. Immerhin weht Wind, das wiederum trifft sich gut. Denn Angela Merkel besucht einen Windpark in Mecklenburg-Vorpommern.

Dann klart es doch noch auf, sogar die Sonne scheint. Das Bild ist perfekt.

Es ist der erste Termin auf Merkels viertägiger Energiereise. Sie wolle sich informieren, "wo wir stark sind und was noch zu tun ist", hatte ihr Regierungssprecher angekündigt. Eine "Lernreise" soll diese Rundfahrt zu diversen Wind-, Wasser- und Atomkraftwerken sein.

Hinter der charmanten Formulierung steckt auch ein klares Kalkül: Die Kanzlerin will zeigen, dass das Thema Energie wieder Chefsache ist. Und sie möchte der leidigen Debatte um Atomkraftwerke, die sich um so sperrige Begriffe wie Laufzeitverlängerung und Brennelementesteuer dreht, entkommen. Die Bilder der strahlenden Kanzlerin sollen die negativen Schlagzeilen verdrängen.

Dafür ist der Windpark in Krempin im Carinerland, den Merkel als erstes besucht, perfekt. An diesem sogenannten Bürgerwindpark sind die Anwohner beteiligt. Sie haben ein weißes Festzelt aufgestellt, Kinder reichen der Regierungschefin kleine Windräder aus Plastik. Eine "Show", kritisieren die Grünen. Aber es ist eine Show, die ihren Zweck erfüllt. Wind ist für die Bundesregierung die wichtigste erneuerbare Ressource der Zukunft, 2050 soll die Hälfte der deutschen Stromproduktion aus Windkraft erzeugt werden.

Ein Hauch von Klimakanzlerin

Nicht zufällig erschien am Mittwoch auch ein Beitrag der Kanzlerin im "Greenpeace Magazin", in dem sie die Arbeit der Umweltorganisation lobte. "Uns eint das gemeinsame Anliegen, die natürlichen Lebensgrundlagen zu bewahren, insbesondere beim Kampf gegen den Klimawandel", schrieb sie.

Da ist sie plötzlich wieder, die Klimakanzlerin von einst. Vor drei Jahren verblüffte Angela Merkel Deutschland und die Welt mit ihren ehrgeizigen Zielen zum Klimaschutz. Sie trieb die Europäische Union an, sie sprach von einer "wichtigen Weggabelung" und dass "Ökonomie und Ökologie miteinander versöhnt werden können". Sie rang dem damaligen US-Präsidenten George W. Bush zumindest kleine Zugeständnisse ab und ließ sich in roter Windjacke vor den Gletschern Grönlands fotografieren.

Doch dann kam die Wirtschaftskrise, und die vermeintliche Visionärin knickte ein. Plötzlich durften keine Beschlüsse zum Klimaschutz mehr gefällt werden, die in "Deutschland Arbeitsplätze oder Investitionen gefährden". Das sagte Merkel 2008. Seither hält sie sich mit mutigen Klimaschutzkonzepten zurück.

Die Deutschen sind atomkritisch - und Merkel weiß das

Schlimmer noch: In der Öffentlichkeit wird beim Thema Energie seit einem halben Jahr vor allem über Atomkraft diskutiert. Nachdem Umweltminister Norbert Röttgen (CDU) im Februar verkündet hatte, acht Jahre Laufzeitverlängerung für Atomkraftwerke seien genug, entbrannte eine hitzige Debatte in der Koalition, vor allem aber in Merkels eigener Partei.

Ende September muss die Bundesregierung ihr Energiekonzept präsentieren, und vor dem Termin versucht die Kanzlerin, die Initiative zurückzugewinnen. Atomkraft sei nur ein Teil des Energiekonzeptes, stellte ihr Sprecher klar. Der Schwerpunkt liege vielmehr auf dem Ausbau der Erneuerbaren Energien. So steht es im Koalitionsvertrag, so lautet auch unter den Windrädern Mecklenburg-Vorpommerns die Botschaft der Kanzlerin.

Die Mehrheit der atomkritischen Deutschen hält eben nichts vom verzögerten Atomausstieg. 48 Prozent der Bürger wollen die Laufzeiten überhaupt nicht verlängern, ergab jüngst eine Emnid-Umfrage für die "Zeit". 29 Prozent wären für eine Verlängerung um höchstens zehn Jahre, 77 Prozent sind gegen eine Laufzeitverlängerung von 15 Jahren oder mehr.

Der Debatte wird Angela Merkel nicht entkommen, auch wenn sie ihre Besuche bei Wind- und Wasserkraftwerken, einer Bioenergie-Heizkraftanlage und einem Energiespar-Haus noch so gekonnt inszeniert.

Schließlich reist sie kommende Woche auch zum Atomkraftwerk Emsland in Niedersachsen. Die Bilder werden wohl weniger schön sein, es darf bezweifelt werden, dass Kinder ihr kleine Atomkraftwerke überreichen. Auch die Gesprächspartner dürften weniger angenehm sein. Vor Ort soll sie die Chefs von E.on und RWE treffen, jene Energiekonzerne, die zuletzt gedroht hatten, Atommeiler sofort abzuschalten, sollte die Bundesregierung eine Brennelementesteuer einführen. Wenig hilfreiche "Drohgebärden" seien das, konterte die Kanzlerin.

Verwirrung um Brennelementesteuer

Unklar ist aber, wann die Bundesregierung über die Brennelementesteuer entscheiden wird, die jährlich 2,3 Milliarden Euro einbringen soll. Die umstrittene Steuer war ursprünglich Teil eines Gesetzentwurfs für das schwarz-gelbe Sparpaket, den das Kabinett am 1. September beschließen will.

Eine Entscheidung verzögere sich um einige Wochen, gab Umweltminister Röttgen am Mittwoch bekannt - doch das Finanzministerium widersprach ihm umgehend. Man gehe weiter davon aus, dass Anfang September auch die Brennelementesteuer verabschiedet werde.

In jedem Fall bleibt viel Zeit zum Diskutieren - vor allem über Atomkraft.

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Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 49 Beiträge
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1. ++
saul7 18.08.2010
Zitat von sysopAngela Merkel galt mal als Klimakanzlerin, sie posierte vor Gletschern und begeisterte die Weltpolitik. Auf ihrer Energiereise will sie dieses Image jetzt zurückgewinnen - und der leidigen Atom-Debatte entkommen. Erste Station ihrer Rundfahrt: natürlich ein Windpark. http://www.spiegel.de/politik/deutschland/0,1518,712449,00.html
Hoffentlich steht die Reise angesichts der derzeitigen politischen Befindlichkeit der Regierung nicht unter dem Motto "Wer Wind sät wird Sturm ernten...."
2. Windiges
crocman, 18.08.2010
Zitat von sysopAngela Merkel galt mal als Klimakanzlerin, sie posierte vor Gletschern und begeisterte die Weltpolitik. Auf ihrer Energiereise will sie dieses Image jetzt zurückgewinnen - und der leidigen Atom-Debatte entkommen. Erste Station ihrer Rundfahrt: natürlich ein Windpark. http://www.spiegel.de/politik/deutschland/0,1518,712449,00.html
Die Dame sollte besser Entscheidungen treffen, anstatt selbst heisse Luft zu produzieren.Die AKW-Laufzeit kann mn auch ohne Promotion-Tour entscheiden!
3. wenn sie sich da mal nicht eine machtoption verbaut...
holbein85@gmx.de 18.08.2010
özdemir hats ja gesagt...wenn die atomkraft von der cdu weiter so forciert wird, ausgenommen röttgen, dann verbaut sich die angie eine weitere machtoption...ob sie das wirklich will? habe hier mal eine interessante dabette im netz gefunden zum thema akw und und die union: http://www.theeuropean.de/debatte/3837-atomausstieg für meien begriffe sehr lesenswert..wer zeit und muße hat, dem sei es empfohlen..ich bin gespannt, wie das weitergeht und wie stark die atomlobby schlussendlich ist..
4. aw
kdshp 18.08.2010
Zitat von sysopAngela Merkel galt mal als Klimakanzlerin, sie posierte vor Gletschern und begeisterte die Weltpolitik. Auf ihrer Energiereise will sie dieses Image jetzt zurückgewinnen - und der leidigen Atom-Debatte entkommen. Erste Station ihrer Rundfahrt: natürlich ein Windpark. http://www.spiegel.de/politik/deutschland/0,1518,712449,00.html
Hallo, das ist doch typisch für frau merkel erst die förderung von windrädern kürzen sich dann aber in deren guten image baden.
5. Wenigstens...
sappelkopp 18.08.2010
...etwas! Dann wird ja wohl der Umweltminister dafür sorgen, dass immer eine Windkraftanlage in ihrer Nähe ist. Dann ist sie wenigstens dafür zu gebrauchen, wenn es schon mit dem Regieren so schwierig ist.
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Angela Merkel: Fünf Jahre deutsche Kanzlerin
Vor-/Nachteile der Energieträger
Die Energiewirtschaft befindet sich im Umbruch - SPIEGEL ONLINE zeigt die Vor- und Nachteile der unterschiedlichen Energieträger.
Erdöl
Plus: Erdöl ist der Schmierstoff industrieller Volkswirtschaften. In Deutschland deckt Öl rund 35 Prozent des Energiebedarfs - so viel wie kein anderer Rohstoff. Im Verkehrssektor gibt es momentan kaum Alternativen zu Öl: Das bestehende Tankstellennetz ist auf Benzin und Diesel ausgerichtet, die heute gängigen Motoren fahren fast nur mit diesen beiden Treibstoffen.

Minus: Der Ölpreis ist in den vergangenen Jahren rasant gestiegen - und mit ihm der Spritpreis. Autofahrer mussten zeitweise mehr als 1,50 Euro für Benzin zahlen. Die deutsche Volkswirtschaft verliert dadurch Milliardenbeträge, denn das Land ist fast völlig von Importen abhängig. Weltweit liegen die meisten Ölvorkommen in politisch heiklen Regionen wie dem Nahen Osten, Russland, Venezuela oder Nigeria. Versorgungskrisen kann man daher nicht ausschließen. Darüber hinaus ist Erdöl ein endlicher Rohstoff: Die bekannten Vorkommen gehen langsam zur Neige. Große neue Felder wurden in den vergangenen Jahren kaum entdeckt - und wenn, dann nur in schwierig zu erschließenden Gebieten wie der Arktis. Hinzu kommt die CO2-Problematik: Wenn Öl verbrannt wird, entsteht das Klimagas Kohlendioxid .
Erdgas
Plus: Erdgas ist der klimafreundlichste fossile Energieträger - bei der Verbrennung entsteht weniger CO2 als bei Kohle oder Öl. Außerdem halten die Vorräte noch eine Weile: Die Reichweite der Gasvorkommen wird auf rund 60 Jahre geschätzt, bei Öl sind es nur 40 Jahre. Verfeinerte Fördertechniken machen zudem den Zugriff auf große neue Gas-Reservoirs möglich. Ein weiterer Vorteil: Gas kann einen wichtigen Beitrag zur Stromerzeugung leisten. Denn Gaskraftwerke lassen sich schnell hoch- und runterfahren - diese Flexibilität hilft, die Schwankungen beim Windstrom auszugleichen.

Minus: Weltweit verfügen nur wenige Länder über Gasvorkommen. Entsprechend groß sind die Abhängigkeiten - Deutschland bezieht rund 40 Prozent seines Erdgases aus Russland. Problematisch ist außerdem die noch immer weit verbreitete Bindung an den Ölpreis: Je teurer Erdöl wird, desto teurer wird auch Gas. Stromkonzerne klagen bereits, dass sich Gaskraftwerke kaum mehr rentieren. Private Haushalte kennen dasselbe Problem beim Heizen - Gas ist kaum günstiger als Öl. Auch beim Autofahren stellt Erdgas keine Alternative dar: Der aktuelle Preisvorteil gegenüber Benzin und Diesel liegt nur an der steuerlichen Begünstigung.
Kohle
Plus: Kohle gibt es fast überall auf der Welt - einseitige Importabhängigkeiten wie beim Gas sind deshalb nicht zu befürchten. Auch Deutschland verfügt über nennenswerte Ressourcen: Braunkohle lässt sich ohne Subventionen fördern, für Steinkohle ist dies bei weiter steigenden Preisen zumindest denkbar. Außerdem reichen die Vorräte so lange wie bei keinem anderen fossilen Energieträger: Schätzungen gehen von rund 200 Jahren aus. Kohle eignet sich vor allem zur Stromerzeugung in der Grundlast - rund 50 Prozent des deutschen Stroms stammen aus Kohlekraftwerken .

Minus: Kein Energieträger ist so klimaschädlich wie Kohle. Bei der Verbrennung entsteht rund doppelt so viel CO2 wie bei Gas. Problematisch könnte dies vor allem dann werden, wenn man bestehende Atomkraftwerke durch neue Kohlekraftwerke ersetzt - oder wenn Elektroautos künftig in großem Stil Kohlestrom tanken. Bedenklich sind außerdem die Arbeitsbedingungen, unter denen Kohle gefördert wird : Zu den größten Produzenten zählen China, Russland und Südafrika - Länder, in denen immer wieder Bergleute ums Leben kommen.
Atomenergie
Plus: Kernkraftwerke produzieren - wenn sie einmal gebaut sind - günstigen Strom. Der Rohstoff Uran wird nur in geringen Mengen verbraucht, so dass die laufenden Betriebskosten gering sind. Atomstrom kann in der Grundlast eingesetzt werden, also unabhängig von kurzfristigen Wetterschwankungen. In Frankreich wird Atomstrom auch zum Heizen verwendet, langfristig könnten so auch Elektroautos betrieben werden. Bei der Kernenergie wird kaum CO2 freigesetzt. Sie ist damit klimafreundlicher als Kohle oder Gas.

Minus: Der größte Nachteil der Atomenergie ist das Risiko eines GAUs. Selbst wenn man dafür eine geringe Wahrscheinlichkeit unterstellt - der Schaden wäre enorm. Die Katastrophe in Tschernobyl war nur ein Vorgeschmack dessen, was im dicht besiedelten Mitteleuropa passieren würde: Tausende Opfer, auf ewig verseuchte Landstriche, Vermögensverluste in zigfacher Milliardenhöhe. Hinzu kommt die ungelöste Frage der Endlagerung : Obwohl die Kernenergie seit rund 50 Jahren genutzt wird, gibt es bis heute keine dauerhafte Deponie für die verstrahlten Abfälle. Ob es überhaupt ein sicheres Endlager geben kann, ist umstritten: Der Atommüll strahlt zum Teil mehr als 100.000 Jahre lang - was in dieser Zeit alles passiert, kann niemand vorhersagen. In jüngster Zeit wird ein weiteres Problem immer häufiger diskutiert: Was geschieht, wenn Terroristen einen Anschlag auf ein Kernkraftwerk verüben? Oder wenn sie in den Besitz von spaltbarem Material gelangen? Sicherheitsexperten haben auf diese Fragen keine abschließende Antwort.
Wasser
Plus: Die Wasserkraft ist sehr umweltfreundlich - mit geringem Eingriff in die Natur lässt sich günstig Energie gewinnen. Rund fünf Prozent des deutschen Stroms stammen aus Wasserkraftwerken. Außerdem lässt sich in Stauseen sehr gut Energie speichern: Bei einem Überangebot an Strom wird Wasser nach oben gepumpt. Bei Bedarf wird es dann abgelassen, um die Turbinen anzutreiben.

Minus: In Deutschland ist das Potential der Wasserkraft so gut wie ausgeschöpft. Fast jeder Fluss hat ein Kraftwerk, ebenso fast jeder See. Im Ausland wiederum ist die Wasserkraft zum Teil in Verruf geraten: Riesenprojekte wie der Jangtse-Staudamm in China zerstören die Natur in großem Stil.
Wind
Plus: Von allen erneuerbaren Energien ist die Windkraft in den vergangenen Jahren am stärksten gewachsen. Mittlerweile beziehen die Deutschen deutlich mehr Strom aus Windrädern als aus Wasserkraftwerken. Auch in Zukunft hat die Branche großes Wachstumspotential - vor allem offshore, also in Windparks auf dem Meer . Ein weiterer Vorteil: Die Windkraft ist verhältnismäßig günstig. Die Betreiber der Anlagen bekommen über das Erneuerbare-Energien-Gesetz nur wenig mehr Förderung als der Preis für konventionellen Strom an der Energiebörse hoch ist. Zum Vergleich: Solarstrom wird weit höher vergütet.

Minus: Kritiker halten Windräder für eine Verschandelung der Landschaft. Außerdem weht der Wind sehr unzuverlässig: Bei einer starken Brise wird das deutsche Stromnetz überlastet, bei Flaute muss Strom aus dem Ausland hinzugekauft werden. Praktikable Speicher für Windenergie gibt es bisher nicht. Ein weiterer Nachteil: Starker Wind bläst vor allem in Norddeutschland, die großen Verbrauchszentren liegen aber im Süden und Westen. Um den Strom abzutransportieren, sind zahlreiche neue Leitungen nötig .
Sonne
Plus: Die Sonne ist nach menschlichen Maßstäben eine ewige Energiequelle , und sie scheint für jeden umsonst. Hätten alle Dächer Deutschlands eine Solaranlage, könnte so ein großer Teil des hiesigen Strombedarfs gedeckt werden - klimaschonend und unabhängig von Importen. Darüber hinaus lässt sich das Sonnenlicht auch zur Warmwasserbereitung nutzen: Mit Solarkollektoren kann man herkömmliche Heizungen ergänzen und so die Energiekosten drücken.

Minus: Die Sonne hat den gleichen Nachteil wie der Wind - ihre Energie lässt sich nicht zu jeder Uhrzeit nutzen. Das größte Problem ist jedoch der Preis: Solarstrom kostet viel mehr als konventioneller Strom. Und trotz milliardenschwerer Subventionen leistet Sonnenenergie bislang nur einen geringen Beitrag zur deutschen Stromversorgung: Schätzungen schwanken zwischen einem um zwei Prozent. Damit die Photovoltaik in Mitteleuropa wettbewerbsfähig wird, müsste es eine technische Revolution geben - oder die Preise für konventionelle Energie müssten dramatisch steigen.
Biomasse
Plus: Holz, Stroh, Mais - beim Verbrennen dieser Stoffe wird nur so viel CO2 freigesetzt, wie die Pflanzen vorher der Atmosphäre entzogen haben. Biomasse lässt sich in vielen Bereichen einsetzen: zum Heizen (beispielsweise mit Holzpellets), zum Autofahren (mit Biodiesel oder Bioethanol ) oder zur Stromerzeugung (mit Biogas). Der große Vorteil: Biomasse ist gespeicherte Energie. Man kann also frei entscheiden, wann man sie nutzen möchte - anders als bei Wind- oder Solarkraft. Ein weiterer Pluspunkt: Energiepflanzen, die in Deutschland wachsen, reduzieren die Abhängigkeit von Importen.

Minus: In jüngster Zeit gerät die Bioenergie massiv in die Kritik. Denn die Pflanzen benötigen enorme Anbauflächen - und treten damit in direkte Konkurrenz zur Nahrungsmittelproduktion. Gerade bei Biotreibstoffen wird das zum Problem: Lässt es sich moralisch rechtfertigen, dass die Reichen Mais tanken - während die Armen hungern? Hinzu kommt ein gigantisches Mengenproblem: Wollte Deutschland seinen gesamten Benzin- und Dieselbedarf mit Biokraftstoffen decken, wäre dafür eine Fläche nötig, die größer ist als die gesamte Bundesrepublik. Das Gleiche gilt fürs Heizen: Sollten alle Bundesbürger auf Holzpellets umsteigen, würde der deutsche Wald dafür nicht reichen - erneut wären Energie-Importe nötig.
Erdwärme
Plus: Die Wärme im Erdinneren steht rund um die Uhr zur Verfügung. Sie lässt sich sowohl zum Heizen als auch zur Stromerzeugung nutzen. Gäbe es keine Probleme mit der Bohrtechnik, könnte die Geothermie den gesamten deutschen Energiebedarf decken.

Minus: In Deutschland muss man Hunderte oder gar Tausende Meter tief bohren, um ein ausreichendes Temperaturniveau zu erreichen. Die Kosten der Geothermie sind deshalb sehr hoch. Mancherorts gibt es außerdem Probleme mit dem Grundwasser. Andere Länder sind hier aus geologischen Gründen in einer besseren Position: Island zum Beispiel deckt seinen Energiebedarf zum Großteil mit der Wärme aus dem Erdinneren.

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Atomkraftwerke in Deutschland
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Grafiken: Der deutsche Energiemarkt

Koalitionsvertrag zur Atomenergie
Brückentechnologie
"Die Kernenergie ist eine Brückentechnologie, bis sie durch erneuerbare Energien verlässlich ersetzt werden kann. Andernfalls werden wir unsere Klimaziele erträgliche Energiepreise und weniger Abhängigkeit vom Ausland nicht erreichen. Dazu sind wir bereit, die Laufzeiten deutscher Kernkraftwerke unter Einhaltung der strengen deutschen und internationalen Sicherheitsstandards zu verlängern. Das Neubauverbot im Atomgesetz bleibt bestehen."
Laufzeitverlängerung
"In einer möglichst schnell zu erzielenden Vereinbarung mit den Betreibern werden zu den Voraussetzungen einer Laufzeitverlängerung nähere Regelungen getroffen (u. a. Betriebszeiten der Kraftwerke, Sicherheitsniveau, Höhe und Zeitpunkt eines Vorteilsausgleichs, Mittelverwendung zur Erforschung vor allem von erneuerbaren Energien, insb. von Speichertechnologien). Die Vereinbarung muss für alle Beteiligten Planungssicherheit gewährleisten."
Gewinnabschöpfung
"Der wesentliche Teil der zusätzlich generierten Gewinne aus der Laufzeitverlängerung der Kernenergie soll von der öffentlichen Hand vereinnahmt werden. Mit diesen Einnahmen wollen wir auch eine zukunftsfähige und nachhaltige Energieversorgung und -nutzung, z. B. die Erforschung von Speichertechnologien für erneuerbare Energien, oder stärkere Energieeffizienz fördern. Unabhängig davon streben wir eine angemessene Beteiligung der Betreiber an den Sanierungskosten für die Schachtanlage Asse II an."
Endlagerung
"Eine verantwortungsvolle Nutzung der Kernenergie bedingt auch die sichere Endlagerung radioaktiver Abfälle. Wir werden deshalb das Moratorium zur Erkundung des Salzstockes Gorleben unverzüglich aufheben, um ergebnisoffen die Erkundungsarbeiten fortzusetzen. Wir wollen, dass eine International Peer Review Group begleitend prüft, ob Gorleben den neuesten internationalen Standards genügt.

Der gesamte Prozess wird öffentlich und transparent gestaltet.

Die Endlager Asse II und Morsleben sind in einem zügigen und transparenten Verfahren zu schließen. Dabei hat die Sicherheit von Mensch und Umwelt höchste Priorität. Die Energieversorger sind an den Kosten der Schließung der Asse II zu beteiligen.

Mit Blick auf Endlagerstandorte setzen wir uns für einen gerechten Ausgleich für die betroffenen Regionen ein, die eine im nationalen Interesse bedeutsame Entsorgungseinrichtung übernehmen."
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SPIEGEL-Umfrage: Die Deutschen und der Klimawandel

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