Kanzlerin im Umfragetief "Merkel hat ihre Wähler enttäuscht"

Zum ersten Mal seit ihrer Wahl rutschte Angela Merkel in einer Umfrage zur Kanzlerpräferenz unter die 40-Prozent-Marke. Dabei könnte es noch schlimmer kommen für die CDU-Chefin, glaubt Forsa-Chef Manfred Güllner. Aber der SPD fehle zurzeit ein Kontrahent vom Schlage Gerhard Schröders.

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Hamburg - Nur noch einen Punkt liegt die Union in der jüngsten Forsa-Umfrage für RTL und "Stern" vor der SPD. Während 31 Prozent CDU und CSU ihre Stimme geben würden, konnten sich die Sozialdemokraten auf 30 Prozent verbessern. Dabei hatte der Vorsprung der Union in den ersten Monaten dieses Jahres noch 14 Punkte betragen.

Noch drastischer fällt aber in der Befragung der Sturz von Angela Merkel aus. Sie verlor massiv an Rückhalt in der Bevölkerung. Nur noch 37 Prozent würden sich erneut für die CDU-Vorsitzende als Kanzlerin entscheiden, ergab die Umfrage des Meinungsforschungsinstituts. Merkel fiel damit erstmals seit ihrer Wahl ins Kanzleramt unter die 40-Prozent-Marke. Ende Januar hatte ihre Unterstützung noch bei 55 Prozent gelegen. In anderen Umfragen kommt Merkel längst nicht so schlecht davon.

Vor allem bei den eigenen Wählern habe Merkel deutlich verloren, erklärt Forsa-Chef Güllner den Absturz der Kanzlerin bei den Befragungen seines Instituts. Ein Grund sei, dass sie im unionsinternen Richtungsstreit wochenlang geschwiegen habe. "Damit wird sie nicht als identitätsstiftend empfunden, was die Anhänger aber von ihr erwarten."

Schon vor der Bundestagswahl sei ein Viertel der Unions-Anhänger skeptisch gegenüber einer Kanzlerin Merkel gewesen, meint Güllner. Doch die Euphorie nach der Machtübernahme in Berlin habe auch ihr dann zu den tollen Werten verholfen. Aber nun falle die Kanzlerin auf diese Werte zurück. "Merkel hat die Erwartungen ihrer Wähler enttäuscht", sagte Güllner SPIEGEL ONLINE. "Sie konnte diese Euphorie inhaltlich nicht halten." Die Politik der Union werde bei ihrer Klientel immer mehr als sozialdemokratisch empfunden. Versprochene Reformen seien ausgebliebenen. "Es gab für sie keine Veränderungen."

Bei Merkels Vorgänger Gerhard Schröder fiel der Absturz nach dessen Wiederwahl im Jahre 2002 übrigens ähnlich dramatisch aus. Damals lag der SPD-Mann bei der Frage nach der Kanzlerpräferenz in den Forsa-Umfragen unmittelbar nach der Wahl bei 45 Prozent. Er fiel in den darauffolgenden Monaten auf 35 Prozent als Tiefstwert ab. Doch Schröder erholte sich schnell wieder und lag im Sommer 2003 wieder bei 40 Prozent, ehe er im Herbst erneut abrutschte.

Güllner glaubt, dass die Werte für Merkel noch schlechter aussähen, wenn die SPD als Gegenpol nicht von Kurt Beck, sondern immer noch von einem politischen Schwergewicht wie Schröder geführt würde. "Beck hat sich bei den Wählern noch nicht profilieren können", sagt der Forsa-Chef. "Davon profitiert Merkel."



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