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Kanzlerin in Baden-Württemberg: Merkel schwört Basis auf Stuttgart 21 ein

Von , Heilbronn

Die Kanzlerin trommelt für Stuttgart 21: Bei einem Auftritt im Ländle hat Angela Merkel CDU-Mitglieder auf das umstrittene Bahnhofsprojekt eingeschworen - längst hängt auch ihr eigenes politisches Schicksal daran. In Stuttgart startet Schlichter Geißler heute einen neuen Anlauf zur Vermittlung.

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DPA

Merkel in Heilbronn: "Ich erwarte Beifall"

Es ist nur ein winziger Moment, eine Sekunde vielleicht, aber er ist vielsagend. Ob man das noch hinkriege, fragt Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU). "Ich glaube: ja", fügt sie die Antwort auch gleich inbrünstig hinzu. Nichts passiert. Es geht um Stuttgart 21. "Ich erwarte Beifall", geht Merkel mit humorvollem Unterton über die peinliche Stille hinweg. Erst da klatschen die rund 2000 CDU-Mitglieder. Zögerlich. Dabei lief anfangs alles so wunderbar, man hätte den Ärger um den Bahnhof in Stuttgart glatt vergessen können.

Es ist die fünfte von sieben sogenannten Regionalkonferenzen, die Merkel derzeit deutschlandweit veranstaltet. In Heilbronn kommt die Kanzlerin im braunen Sakko und gemeinsam mit dem baden-württembergischen Ministerpräsidenten Stefan Mappus (CDU) in den Saal. Als sie auf dem Podium den Arm hochreißt, brandet lauter Applaus auf. Und als Mappus wenig später locker in den Saal ruft: "Herzlich willkommen beim deutschen Meister im Wirtschaftswachstum", hört sich das Klatschen geradezu begeistert an. Doch wer einmal in den hinteren Reihen des riesigen Veranstaltungssaales nachfragt, hört vieles, was die Kanzlerin und auch den baden-württembergischen Ministerpräsidenten nicht gerade aufmuntern dürfte.

Denn im März 2011 sind Wahlen im Ländle, und das verdirbt vielen an der CDU-Basis schlagartig die Laune. Eine Physiotherapeutin bekennt, sie habe "sehr große Bauchschmerzen" deswegen. Den Umfragen zufolge droht der CDU zum ersten Mal seit mehr als 50 Jahren der Machtverlust im Süden - auch wegen des gewaltigen Zoffs um den neuen Bahnhof in der Landeshauptstadt. Ein Regierungswechsel wäre nicht nur für die Union in Baden-Württemberg ein Debakel, sondern auch für Merkel selbst: Der Termin im Frühjahr könnte für die Regierungschefin zur Schicksalswahl werden - eine ähnliche Ausgangsposition wie 2005 in Nordrhein-Westfalen, als die Landtagswahl für den damaligen Kanzler Gerhard Schröder (SPD) der Anfang vom Ende war.

"Vermissen eine klare Linie"

Insofern kommt die lang anberaumte Werbetour durch Deutschland, bei der sich Merkel auf riesigen Events den Fragen der Basis stellt, gerade recht. Die Kanzlerin will die Reihen in der eigenen Partei wieder schließen. Sie will eine neue Merkel zeigen. Statt der oft kritisierten, lavierenden Moderatorin gibt sie seit kurzem die Meinungsstarke. Plötzlich lässt die Kanzlerin eine Schlagzeile nach der anderen heraus. Sie redet viel vom "Herbst der Entscheidungen". Sie polarisiert und provoziert. Doch gerade ihr Umgang mit Stuttgart 21 zeigt, wie schwer sie sich mit dieser neuen Rolle tut.

Dabei sind klare Worte genau das, was die Partei sich so sehnlich wünscht. Auch in Heilbronn. "Wir vermissen eine klare Linie", sagt ein Winzer. Eigentlich sagen es fast alle, die man fragt, in diesen oder ähnlichen Worten. Und Merkel versucht, zu liefern.

Mit lauter Stimme erklärt sie, wie schon so oft in den letzten Tagen, dass das Multikulti-Konzept gescheitert sei. Oder dass Hartz IV kein "Zustand für das ganze Leben ist", und dass deshalb bei der Reform der Stütze Zigaretten und Alkohol aus den Sätzen herausgerechnet worden seien. Es sind Parolen, mit denen man auf CDU-Veranstaltungen wie in Heilbronn kurzen Applaus generieren kann. Aber es ist ein riskantes Spiel. Denn gesagt ist gesagt.

Das gilt vor allem für das Thema Stuttgart 21. Der Protest um das Projekt hat derartige Dimensionen angenommen, dass Merkel sich kürzlich genötigt fühlte, sich zu äußern. Also forderte sie im Bundestag Standhaftigkeit, erklärte den Fall Stuttgart 21 als symptomatisch für den Umgang mit Großprojekten überhaupt. Das Motto: Man muss auch mal Gegenwind aushalten. Wenn sie nichts gemacht hätte, hätte man ihr wieder Entscheidungsschwäche vorgeworfen, witzelt sie in Heilbronn. Aber jetzt ist Stuttgart 21 auch Kanzlersache. Merkel hat ihr eigenes Schicksal an einen Bahnhof im fernen Stuttgart gebunden, dessen Bau durchaus als gefährdet gelten kann.

In Stuttgart werden sich am Freitag Kritiker und Befürworter des Bahnprojekts an einen Tisch setzen. Schlichter Heiner Geißler eröffnet die Debatte im Stuttgarter Rathaus, die Veranstaltung wird im Fernsehen und im Internet übertragen. Thema der ersten Runde: die Leistungsfähigkeit der geplanten unterirdischen Durchgangsstation anstelle des bisherigen Kopfbahnhofs.

"Ich hätte es nicht gemacht, aber ich finde es gut"

In Heilbronn gibt es am Abend nicht wenige, denen Merkels Stuttgart-21-Kurs gefällt. "Ich hätte es nicht gemacht, aber ich finde es gut", fasst der Winzer die Meinung zusammen, die viele im Saale teilen dürften. Schließlich sitzt hier so mancher Kleinunternehmer, der vielleicht am Ende selbst von dem riesigen Infrastrukturprojekt profitiert.

Doch dann will einer nach Merkels Rede in der Fragerunde doch noch wissen, warum der Kopfbahnhof in Frankfurt funktioniere und in Stuttgart nicht. Merkel sagt knapp, sie könne ihm die Antwort schriftlich nachreichen, wenn er wolle. Sie sei auf diese Frage "nicht 100-prozentig vorbereitet."

Was man an dem Abend von Merkels Worten zu dem Thema hängenbleibt, ist, dass es das Land sicherlich gut meine mit dem Projekt, und dass es den Bahnhof brauche, um die Region zu stärken. Und dass es hilfreich wäre, wenn die angesetzten Kosten für Großprojekte künftig mal "einigermaßen stimmen" würden. Hier in Heilbronn kriegt sie mit solchen Sätzen wohlwollenden Applaus. Aber es klingt nach zusammengeklaubten Argumenten, die nicht so ganz zueinanderpassen.

Man fragt sich in solchen Momenten, wie sie es eigentlich besser machen soll. Und ob Karl-Theodor zu Guttenberg (CSU) mit Detailfragen zu Kopfbahnhöfen nicht auch überfordert wäre. Der Verteidigungsminister wird schließlich derzeit als charismatischer Gegenentwurf zur drögen Kanzlerin gefeiert.

"Frau Bundeskanzlerin - ein Zeichen, bitte"

Doch fest steht nur, dass selbst in Heilbronn viele Anwesende mit verklärtem Gesicht sofort "super" oder "klasse" rufen, wenn man sie nach ihrer Meinung zu Guttenberg fragt. Und dass derart emotional auf Merkel keiner reagiert, auch wenn man ihr durchaus "große Leistungen für das Land" attestiert.

Natürlich hat auch Merkel gelernt, wie man schneidige Sachen sagt. Wie man mit den Händen in die Luft sticht beim Reden, lauter wird und mit der Stimme nach unten geht, wenn man Beifall heischen will. Aber wenn sie sich dann wieder einmal verhaspelt, ist der Zauber schnell verflogen, so zielgruppennah die Argumente auch sein mögen. Es sei nicht gut, wenn Kinder von Migranten "doppelt mal so viel wie deutsche Kinder" in der Schule scheiterten, sagt sie.

Es gibt noch so eine vielsagende Szene an diesem Abend. "Ich bin 77 Jahre alt, habe Zeit meines Lebens CDU gewählt und bin ein Merkel-Fan", sagt ein Herr in grauem Sakko mit wackeliger Stimme. Er hat sich seine Sätze extra auf Papier notiert. Sein Vertrauen habe in letzter Zeit sehr gelitten, liest er vor: "Frau Bundeskanzlerin, ich lebe in der Hoffnung, dass sie mir ein Zeichen und eine glaubwürdige Antwort geben, damit ich den Rest meines Lebens CDU wählen kann." Merkel antwortet, sie wolle auch weiter eine Politikerin sein, "die die richtigen Entscheidungen fällt und die Sorgen der Menschen ernst nimmt." Das ist alles.

Wenn Baden-Württemberg tatsächlich verloren gehen würde, dürfte das nicht ausreichen. Für diesen Abend aber reicht es offenbar. Der Applaus zum Schluss ist laut, und Merkel zufrieden. Toll sei es gewesen, sagt sie, eine "super Veranstaltung". Dann fügt sie noch hinzu: "Von meiner Seite aus."

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1. Politische Instinktlosigkeit Merkels
Schwede2 22.10.2010
Zitat von sysopDie Kanzlerin trommelt für "Stuttgart 21": Bei einem Auftritt im Ländle hat Angela Merkel CDU-Mitglieder auf das umstrittene Bahnhofsprojekt eingeschworen - längst hängt auch ihr eigenes politisches Schicksal daran. In* Stuttgart startet Schlichter Geißler heute einen neuen Anlauf zur Vermittlung. http://www.spiegel.de/politik/deutschland/0,1518,724567,00.html
Als ehemaliger Merkel-Fan bin ich über den totalen Mangel an politischem Instinkt der Angela Merkel schwer enttäuscht. Sie hat nicht nur ihre Klimapolitik ab absurdum geführt, sondern auch den Dauerkonflikt um die Kernkraft-Laufzeit ohne Not neu entfacht. Nun die Basta-Politik um S21?! Immerhin hat sie bereits realisiert, das die Berechnungen zu S21 vollkommen geschönt sind und die Bürger hinter die Fichte führen sollten. Dumm gelaufen, die Bürger haben diesen Braten gerochen. Da haben wohl einige am Rande Beteiligten ihre Klappe nicht halten können; -gut so!! Die Würfel sind gefallen. Mit der Verknüpfung ihrer eigenen Zukunft mit der von S21 hat sich Merkel ihr politisches Grab selbst gegraben. Auch gut so! Ach ja, ein Innenminister, der den Bürgern "Aus der Reihe Tanzen" vorwirft, gehört in Bausch und Bogen aus dem Amt gejagt. Was erwartet der denn? - Blinden Obrigkeitsgehorsam?
2. Isch schwöör..
shatreng 22.10.2010
Bevor Frau Merkel irgendetwas schwört, sollte sie der Bevölkerung erstmal erklären, wie man bezahlte "Krawallpolizisten" mit dem "Rechtsstaat", vereinbaren soll. Das es diese Provokateure bei "Chaostagen", "Maikrawallen", "Anti-AKW-Demos", "Heiligendamm" etc. schon immer gab, war ja in Ordnung; Schließlich wurden dort dann nur böse "Linke" und "Ökos" verprügelt. Nun trifft es eine breitere Schicht der Bevölkerung.Ich bin gespannt, was der Untersuchungsausschuss alles zu Tage befördert. Danach schwört dann wieder die gesamte CDU von nichts gewusst zu haben und alles "brutalstmöglich aufzuklären". Das Vertrauen in die Politik, Polizei und Rechtsstaatlichkeit nimmt stark ab - wen wunderts? http://taz.de/1/zukunft/umwelt/artikel/1/wie-scharfe-kampfhunde/ http://www.taz.de/1/zukunft/schwerpunkt-stuttgart-21/artikel/1/polizisten-gegen-polizeigewalt/
3. S21 ist keine politische Entscheidung
vofr 22.10.2010
Es würde der Bundeskanzlerin anstehenden, den laufenden Schlichtungsprozess von außen zu beobachten und nach Ende der Schlichtung ihre Wertung abzugeben. Nein, wieder will sie an einer ggf. fragwürdigen politischen Entscheidung für S21 festhalten ohne dass in der SACHE bisher eine öffentliche Diskussion stattgefunden hat. Endlich besteht die Möglichkeit, sich als Bürger ohne Vorbehalte zu einem Großprojekt eine Meinung zu bilden. Danach sollte ihm die Möglichkeit gegeben werden, aufgrund der Rede und Widerrede von S21 Befürwortern und Gegnern, sich seine eigene Meinung zu bilden um in einer Wahl sein Kreuz an der Stelle zu setzen, was seiner Überzeugung am nächsten kommt.
4. da ist alles
sitiwati 22.10.2010
gesagt, http://www.sueddeutsche.de/politik/deutsche-bahn-und-stuttgart-der-irrsinn-deutscher-verkehrspolitik-1.1014749-2
5. aw
kdshp 22.10.2010
Zitat von sysopDie Kanzlerin trommelt für "Stuttgart 21": Bei einem Auftritt im Ländle hat Angela Merkel CDU-Mitglieder auf das umstrittene Bahnhofsprojekt eingeschworen - längst hängt auch ihr eigenes politisches Schicksal daran. In* Stuttgart startet Schlichter Geißler heute einen neuen Anlauf zur Vermittlung. http://www.spiegel.de/politik/deutschland/0,1518,724567,00.html
BASTA! Hallo, irgendwie fällt sie herrn geißler ja in den rücken denn wenn frau merkel (CDU) sagt das es da nix dran zu rütteln gibt was soll denn herr geißler (CDU) da noch was schlichten. Oder gehts frau merkel (CDU) nur ums beschlichtigen sprich aussitzen und dann einfach so weiter bauen als wenn nix gewesen wäre. Hier noch ein neuster bericht (ARD Monitor von gestern) zur polizei gewalt in stuttgart: http://www.youtube.com/watch?v=FA8_Iv6yKII
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Stuttgart 21 in Zahlen
Außer dem Projekt Deutsche Einheit mit dem Aus- und Neubau der Strecke Nürnberg-Berlin ist Stuttgart 21 samt der Trasse nach Ulm das größte Bauvorhaben der Bahn AG. Die Kennzahlen:
Höchstgeschwindigkeit
250 Stundenkilometer Höchstgeschwindigkeit auf der Strecke
Schienen
117 Kilometer neue Strecke, davon 60 Kilometer Hochgeschwindigkeitstrasse von Wendlingen (Kreis Esslingen) nach Ulm und 57 Kilometer für einen neuen Ring in Stuttgart, die Talquerung und die Anbindung über die Filderebene an die Strecke nach Ulm
Stuttgart
100 Hektar freie Fläche in der Stuttgarter Innenstadt durch die Verlegung des Bahnhofs unter die Erde
Tunnel
63 Kilometer Tunnel, von denen 33 Kilometer Stuttgart 21 und 30 Kilometer der Neubaustrecke nach Ulm zuzuordnen sind. 26 Tunnel, davon 16 bei "Stuttgart 21" und zehn auf der Neubaustrecke
Brücken
55 Brücken, davon 18 bei Stuttgart 21, 37 auf der Neubaustrecke
Fahrzeiten
- 41 statt 61 Minuten Fahrzeit zwischen Stuttgart und Tübingen
- 28 statt 54 Minuten Fahrzeit zwischen Stuttgart und Ulm
Kosten
Mehr als sechs Milliarden Euro Kosten, wovon gut 4,1 Milliarden auf Stuttgart 21 und mehr als zwei Milliarden auf die Neubautrasse entfallen
Bahnhöfe
Drei neue Bahnhöfe: der unterirdische Hauptbahnhof in Stuttgart, ein ICE-Halt an der Messe und am Flughafen und die S-Bahnstation Mittnachtstraße zur Erschließung des geplanten Rosensteinviertels
Fotostrecke
Proteste: Rentner auf den Straßen

Chronik
Im April stellt Bahn-Chef Heinz Dürr das Projekt Stuttgart 21 mit der Tieferlegung des Stuttgarter Hauptbahnhofes vor.
Im Januar bescheinigt eine Studie die technische Machbarkeit von Stuttgart 21. Umweltschützer und Grüne protestieren.
Im November unterzeichnen Bahn, Bund, Land und Stadt eine Rahmenvereinbarung, in der auch die Finanzierung des auf fünf Milliarden D-Mark veranschlagten Projekts festgelegt wird.
Im November erhält das Düsseldorfer Architektenbüro von Christoph Ingenhoven den Zuschlag für den Umbau in einen Durchgangsbahnhof mit Lichtaugen.
Im Februar erteilt das Eisenbahn-Bundesamt die Baugenehmigung für die Umwandlung des Bahnhofs.
Im April weist das oberste Verwaltungsgericht Baden-Württembergs drei Klagen gegen den geplanten Umbau des Hauptbahnhofs ab.
Im Oktober vertagt der Bund die Entscheidung über seine Beteiligung an dem 2,8 Milliarden Euro teuren Bahnhofsvorhaben.
Im November verlautet aus Bahn-Kreisen, der Umbau des Bahnhofs und dessen Anbindung an die Neubaustrecke nach Ulm könne wegen Baukostenrisiken bis zu eine Milliarde Euro teurer werden.
Im Februar weist der Verwaltungsgerichtshof Baden-Württemberg vier Klagen gegen den Fildertunnel ab.
Am 19. Juli verständigen sich Bund, Bahn, Land und Stadt in Berlin auf die Finanzierung - eine bindende Finanzierungsvereinbarung steht noch aus.
Am 11. November präsentieren Naturschützer, Bürgerinitiativen und Grüne das Ergebnis einer Abstimmung: 67.000 Menschen stimmten für einen Bürgerentscheid über Stuttgart 21.
Am 20. Dezember lehnt der Stuttgarter Gemeinderat einen Bürgerentscheid über das Milliardenprojekt mit großer Mehrheit ab. Die grundsätzlichen Beschlüsse seien schon vor Jahren gefallen.
Am 19. August räumt die Landesregierung Mehrkosten ein. Das Vorhaben soll nicht wie geplant 2,8 Milliarden Euro kosten, sondern 3,076 Milliarden Euro.
Am 3. November prophezeit der Bundesrechnungshof Mehrkosten von über zwei Milliarden Euro.
Am 28. November macht der Bundestag mit der Verabschiedung des Haushaltes den Weg frei für Stuttgart 21.
Am 2. April unterzeichnen Bundesverkehrsminister Wolfgang Tiefensee (SPD), Ministerpräsident Günther Oettinger (CDU) und Bahn-Vorstand Stefan Garber die Finanzierungsvereinbarung.
Am 7. Juni profitieren die Grünen von ihrem jahrelangen Widerstand gegen Stuttgart 21 und werden bei der Kommunalwahl die stärkste Fraktion im Rathaus der Landeshauptstadt.
Am 17. Juli entscheidet das Verwaltungsgericht Stuttgart: Der Gemeinderat hat den Bürgerentscheid 2007 zu Recht abgelehnt.
Am 26. Oktober findet die erste Montagsdemonstration gegen den neuen Bahnhof statt - mit vier Teilnehmern. Eine Woche später sind es 20.
Am 8. November räumt Bahn-Chef Rüdiger Grube erstmals ein, dass das Projekt teurer wird als 3,076 Milliarden Euro.
Am 25. November fordern Architekturliebhaber die Aufnahme des Bahnhofsgebäudes in das Unesco-Weltkulturerbe. Beide Seitenflügel des Gebäudes von 1922 sollen den Umbauplänen zum Opfer fallen.
Am 9. Dezember geht Bahn-Chef Rüdiger Grube mit einer Kostenschätzung von 4,1 Milliarden Euro in den Bahn-Aufsichtsrat. Dieser billigt trotz der Kostensteigerung von einer Milliarde Euro das Vorhaben.
Am 10. Dezember stellen nach der Bahn alle anderen Geldgeber die Weichen für das Milliardenvorhaben.

Am 2. Februar beginnen die Bauarbeiten.
Am 20. Mai unterliegt Peter Dübbers, Enkel des Bahnhofsarchitekten Paul Bonatz, vor dem Landgericht Stuttgart im Urheberrechtsstreit gegen die Bauherrin Bahn. Er wehrt sich gegen den Abriss der Seitenflügel des Bahnhofs und geht in Berufung.
Am 7. Juli wird eine bisher nicht veröffentlichte Studie der Zürcher Firma SMA bekannt, die Probleme mit dem Regionalverkehr vorhersieht.
Am 27. Juli gibt Bahn-Chef Grube eine Kostensteigerung um 865 Millionen Euro auf 2,9 Milliarden Euro für die Schnellbahntrasse nach Ulm bekannt.
Am 30. Juli werden die Abrissarbeiten am Nordflügel vorbereitet: Ein erster Bagger rollt an, ein Bauzaun wird errichtet.
Am 7. August demonstrieren mehr als 10.000 Menschen und fordern einen Baustopp.
Am 11. August wird ein Gutachten für das Umweltbundesamt bekannt, das eine weitere Kostenexplosion auf bis zu elf Milliarden Euro für Stuttgart 21 und erhebliche Verkehrsprobleme vorhersagt.
Am 13. August wird das Bahnhofsgebäude erstmals sichtbar beschädigt: Ein Vordach am Nordflügel wird abgerissen. Am Abend bilden 20.000 Menschen eine Kette um Teile des Bahnhofs und fordern einen Baustopp.
Am 14. August berichtet der SPIEGEL, dass die Landesregierung mit einem Großauftrag an die Bahn deren Zustimmung zu Stuttgart 21 erkauft hat. Das Verkehrsministerium dementiert.
Am 23. August verteidigt Bahnhofsarchitekt Christoph Ingenhoven seinen - in einigen Punkten optimierten - Entwurf. Er weist Aussagen zurück, der Tiefbahnhof könne auch mit Erhalt der Seitenflügel gebaut werden.
Am 25. August stoppen sieben Aktivisten die Baggerarbeiten am Nordflügel. Sie besetzen das Dach für 22 Stunden, ehe ein Spezialkommando der Polizei das Dach räumt.
Am 6. September lässt das Aktionsbündnis gegen Stuttgart 21 ein Spitzengespräch zu dem Projekt platzen. Zu dem Treffen hatten Ministerpräsident Stefan Mappus (CDU) und der Grünen-Fraktionschef in Baden-Württemberg, Winfried Kretschmann, geladen. Gegner und Befürworter des Projekts sollten diskutieren. Doch das Aktionsbündnis forderte zuvor einen Baustopp - Mappus lehnte ab.
Am 8. September warnt ein neues Gutachten vor einer Kostenexplosion bei Stuttgart 21. Das Münchner Ingenieurbüro Vieregg & Rößler hat im Auftrag der Grünen ausgerechnet, dass sich die Ausgaben für die neue ICE-Trasse nach Ulm auf mindestens 5,3 Milliarden Euro belaufen werden und nicht - wie von der Bahn berechnet - auf 2,9 Milliarden Euro. Im ungünstigsten Fall könne die Strecke sogar zehn Milliarden Euro kosten.
Am 9. September sagt Bahnchef Rüdiger Grube dazu in der "Wirtschaftswoche": "Bei Infrastrukturprojekten kann man nie sagen, was am Ende auf Heller und Pfennig herauskommt."
Am 17. September verteidigt Bundesverkehrsminister Peter Ramsauer (CSU) das umstrittene Bauprojekt: Es gebe keinerlei Zweifel an dessen Legitimation, sagt er im Bundestag. Stuttgart 21 sei "über 15 bis 20 Jahre nach allen Regeln rechtsstaatlicher Kunst" zustande gekommen. Die Bundestagsfraktionen von SPD, Linke und Grüne fordern mit unterschiedlichen Anträgen dagegen einen Baustopp. Die SPD setzt sich für einen Volksentscheid ein.
Am 30. September eskaliert die Situation. Die Polizei geht mit Wasserwerfern gegen Demonstranten vor, die das Fällen von Bäumen im Schlossgarten verhindern wollen. Noch am späten Nachmittag versucht der BUND, die Rodung per Eilantrag beim Verwaltungsgericht zu stoppen. Die Organisation befürchtet Verstöße gegen den Artenschutz: So gilt unter anderem der Lebensraum des seltenen Juchtenkäfers als gefährdet. Eine entsprechendes Verbot der Rodung durch das Eisenbahnbundesamt (EBA) liegt der Bahn vor - nicht aber dem Gericht. Bahn und EBA einigen sich eigenen Angaben zufolge noch am selben Abend, das Gericht entscheidet: nichts.
In der Nacht auf den 1. Oktober werden im Schlossgarten die ersten Bäume gefällt - nur wenige Meter von Tausenden Demonstranten entfernt.
Am 2. Oktober steigt der bislang größte Protest im Schlossgarten: Über 100.000 Menschen demonstrieren nach Veranstalterangaben gegen Stuttgart 21 und Ministerpräsident Mappus. Die Polizei spricht von 50.000 Teilnehmern.
Am 6. Oktober stimmt Heiner Geißler zu, den Posten des Schlichters zu übernehmen - darum war er zuvor von Mappus gebeten worden. Am selben Tag bestätigt das OLG die Entscheidung des Landgerichts, nach der das Abtragen der Bahnhofs-Seitenflügel rechtens ist.
Am 7. Oktober verbietet das Eisenbahnbundesamt der Bahn vorerst, weitere Bäume im Schlossgarten zu fällen. Bevor die Arbeiten fortgesetzt werden, muss das Unternehmen Pläne zum Schutz des gefährdeten Juchtenkäfers vorlegen. Allerdings sind vorerst ohnehin keine weiteren Rodungen vorgesehen.
Am 11. Oktober lehnt Bahn-Chef Grube einen kompletten Baustopp kategorisch ab - auch für die Zeit der Schlichtungsgespräche.
Am 14. Oktober gibt das Verwaltungsgericht bekannt, es hätte dem BUND-Antrag zum Stopp der Rodung mit "großer Wahrscheinlichkeit" stattgegeben - wenn die Bahn nicht wichtige Unterlagen vorenthalten hätte.
Am 18. Oktober räumt Grube ein, er habe in der Kommunikation zu Stuttgart 21 "vielleicht den einen oder anderen Fehler gemacht".
Am 22. Oktober beginnt unter Leitung von Heiner Geißler die Schlichtung. Die Gespräche werden live im Fernsehen übertragen, Phoenix meldet die zweitbeste Quote in der Geschichte des Senders. Gegner und Befürworter des Projekts kommen sich in den Gesprächen allerdings nicht näher - auch in den kommenden Wochen nicht.
Am 27. Oktober setzt der Landtag einen Untersuchungsausschuss ein, der die Hintergründe des Polizeieinsatzes vom 30. September klären soll.
Am 28. Oktober lehnt die schwarz-gelbe Koalition mit ihrer Mehrheit im Landtag einen Volksentscheid über Stuttgart 21 ab. Einen entsprechenden Antrag hatte die SPD gestellt. Unabhängig davon reichen vier Demonstranten Klage beim Verwaltungsgericht ein - sie hatten bei dem Polizeieinsatz am 30. September schwere Augenverletzungen erlitten.
Am 2. November löst die Polizei eine Sitzblockade am Bahnhof auf - trotz der Schlichtungsgespräche gehen die Protestaktionen weiter.
Am 11. November räumt die Polizei Pannen beim umstrittenen Einsatz im Schlossgarten ein. Aufgrund von Missverständnissen seien die Beamten zu spät eingetroffen und hätten deshalb Absperrungen nicht rechtzeitig aufstellen können; der Widerstand der Demonstranten sei unterschätzt worden.
17. November: Nach einem Bericht des "Stern" hat das Eisenbahnbundesamt im September die Baufreigabe für die Strecke von Wendlingen nach Ulm verweigert.
Am 19. November sagt Bahn-Vorstand Volker Kefer im Schlichtungsgespräch, die Freigabe für die 60 Kilometer lange Trasse werde erfolgen, wenn die Bahn die Nachweise für die höheren Kosten vorgelegt habe. Grünes Licht erwarte er Ende des Jahres.
Am 30. November verkündet Heiner Geißler seinen Schlichterspruch. Er spricht sich für Stuttgart 21 aus, fordert aber in mehreren Punkten Korrekturen an den Bahn-Plänen. Die Gegner des Projekts sind trotzdem unzufrieden.

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