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Kanzlerin Merkel: Ich bin dann auch mal weg

Von Christoph Schwennicke

Die Kanzlerin erholt sich vom Regieren - an ihre Abwesenheit sollten sich die Deutschen langsam gewöhnen. Denn in Berlin beginnt das Nachdenken über die Zeit nach Merkel. Eine mögliche Nachfolgerin steht bereit: Ursula von der Leyen.

Angela Merkel: Kanzlerin ade? Fotos
AP

Wir dürften, hat uns unsere Kanzlerin vor ihrem Aufbruch in den Urlaub wissen lassen, fest davon ausgehen, dass wir sie in drei Wochen wiedersehen würden. Das war irgendwie mütterlich und beruhigend, wie sie das so gesagt hat, nachdem sich doch gerade erst eine erkleckliche Anzahl von Spitzenpolitikern der CDU in den ewigen Urlaub verabschiedet hatte.

Zwei dieser drei Wochen sind nun vorbei. Angela Merkel, 56, war wandern in Reinhold Messners Dolomiten, um die "Gehirnregionen zu durchlüften", wie sie das bei früherer Gelegenheit einmal so unnachahmlich merkelig genannt hat. Die letzte Woche ihrer kleinen Auszeit nimmt sie sich dem Vernehmen nach in ihrer Datsche in Hohenwalde. Urlaub zu Hause ist nicht das Schlechteste. Es könnte gut sein, dass die ersten Steinpilze im Garten ihre prallen Kappen schon durch den uckermärkischen Sand geschoben haben. Die kommen eigentlich jedes Jahr mit schöner Regelmäßigkeit da hinten bei den Kiefern.

Angela Merkel bleibt uns also erhalten, und das ist ein heimeliges Gefühl, jetzt, da man sich nach gut fünf Jahren doch sehr an sie gewöhnt hat, an ihren politischen Minimalismus, ihre Fähigkeit, Erwartungen ebenso wie innerparteiliche Wallungen herunterzudimmen, bis von beidem fast nichts mehr übrig bleibt.

Dennoch sollten wir uns allmählich mit dem Gedanken vertraut machen, dass es eines Tages auch ein Leben ohne Angela Merkel geben könnte. Dabei ist nur zum Teil von Bedeutung, was die Umfrage-Barometer anzeigen. Die Union liegt nunmehr gleichauf mit der SPD, welche die meisten vor wenigen Monaten noch im Koma sahen, und manche sehen bereits eine Art Wasserscheide erreicht, wie man sie von Höhenzügen in den Bergen kennt: Wenn man sie passiert hat, dann fließt das Wasser von hieran nicht mehr in diese, sondern in die andere Richtung.

Kuriose Mischung aus Intelligenz und Bodenständigkeit

Nein, der eigentliche Grund für die vorbeugende Gewöhnung an den undenkbaren Gedanken liegt in Merkels Naturell. Sie wird immer beschrieben als überaus machtbewusste Politikerin. Das ist sie auch.

Aber wenn man ganz genau hinschaut, dann sieht man, dass sie das Macht-Schachspiel anders betreibt als andere. Sie achtet sehr genau darauf, nicht eine der Figuren auf dem Brett zu sein.

Sie versucht immer, eine Spielerin zu bleiben, die die Figuren bewegt.

Das ist gewissermaßen Machtpolitik zweiter Ordnung. Sie beherrscht dieses Spiel, aber sie wird nicht zwangsläufig Teil davon. Diese Gabe macht sie neben einer kuriosen Mischung aus außergewöhnlicher Intelligenz und einer uckermärkischen Bodenständigkeit immuner gegen die Droge Macht als andere Spitzenpolitiker. Das heißt: Am Ende könnte sie dem Polit-Betrieb womöglich auch leichter Adieu sagen.

Mit von der Leyen hat Merkel Größeres vor

Angela Merkel weiß, dass der deutsche Wähler seinen Regierungschefs im Normalfall zwei Legislaturen zubilligt, es sei denn, ein Kometeneinschlag oder eine Wiedervereinigung kommen dazwischen. Also befindet sie sich statistisch auf dem Weg ins letzte Drittel ihrer Kanzlerschaft. Wenn die Dinge so bleiben, wie sie sind, dann wird sie sich schwertun gegen einen Kanzlerkandidaten einer erfrischten SPD. Wenn die Genossen den Mut hätten, 2013 zum Beispiel mit einem Peer Steinbrück bei der Wahl anzutreten, würde Merkel mit einiger Wahrscheinlichkeit verlieren.

In ihrer CDU, die sie über die Jahre mehr reformiert hat als Deutschland und vor allem mehr, als weiten Teilen der Parteiorthodoxie lieb ist, wartet die Konterrevolution auf ihre Stunde. Wenn also Merkel ihr Fußabdruck in der CDU etwas wert ist, wenn sie die Frau sein möchte, die die Konservativen in Deutschland unwiderruflich aus ihrem unmodernen Gestern geholt hat, dann muss sie ihre Nachfolge so absichern, dass ein modernes Frauenbild, eine Marktwirtschaft mit sozialem Antlitz und die Rücksicht auf die Umwelt erhalten bleiben.

Merkels Nachfolger könnte also eher eine Frau als ein Mann sein. Hört man sich in Berlin um, so fällt in diesem Zusammenhang immer wieder ein Name: Ursula von der Leyen. Echte Bescheidwisser sagen sogar, die Kanzlerin habe die 51-Jährige deshalb nicht zur Bundespräsidentin wählen lassen, weil sie sie nicht aus der operativen Politik herauskatapultieren wollte. Mit von der Leyen hat Merkel demnach Größeres vor. Sie könnte ihre Nachfolgerin werden.

Die Dame überrascht gerne

Wenn Merkel diesen Prozess des Übergangs selbst bestimmen möchte, dann muss sie das aus dem Amt als Kanzlerin heraus tun. Es war der Anfang vom Ende des Gerhard Schröder, als dieser seinen Parteivorsitz der SPD gleichsam wie Sandsäcke von einem sinkenden Ballon abwarf. Damit rettet man nichts, man verzögert nur. Der Sinkflug geht danach unvermindert weiter. Am Ende hatte Schröder beides verloren: erst den Parteivorsitz und dann noch vor Ablauf seiner zweiten Legislaturperiode seine Kanzlerschaft.

Ein kühnes Gedankenspiel? Eher eine plausible Spekulation, die in der Sommerpause erlaubt sein muss. Wenn Merkel Ursula von der Leyen als diejenige implantieren möchte, die ihre Politik in die nächste Generation trägt, dann muss sie ihr die Kanzlerschaft in der laufenden Legislatur übergeben. Idealerweise im Herbst nächsten Jahres, spätestens aber ein Jahr vor der Bundestagswahl. Im Besitz der Kanzlerschaft kann sich die Partei dann nicht dagegen wehren, sich von Merkel eine Parteichefin nach ihrem Bilde formen zu lassen.

Umgekehrt würde Merkel sich an der CDU die Zähne ausbeißen und scheitern. Sie würde eine Parteivorsitzende Ursula von der Leyen kaum bei einem Parteitag durchsetzen. Es sei denn, diese ist zum Zeitpunkt des Parteitages schon Kanzlerin. Im Bundestag bliebe der Unionsfraktion wenig übrig, als die neue Kanzlerin zu wählen - und also müsste hinterher auch ein CDU-Parteitag die neue Kanzlerin zur Parteichefin wählen.

Es spricht übrigens noch etwas dafür, dass es so kommen könnte. Bisher hat es Angela Merkel vermocht, noch jede entscheidende Personalentscheidung zu einer Überraschung zu machen, zu einer Personalie, die so vorher keiner auf dem Schirm hatte. Zuletzt wieder im Falle ihres neuen Regierungssprechers.

Es ist also sehr gut möglich, dass sie uns eines Tages in eigener Sache komplett überraschen wird.

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Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 219 Beiträge
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1. Merkelmurks
Baikal 10.08.2010
Zitat von sysopDie Kanzlerin erholt sich vom Regieren - an ihre Abwesenheit sollten sich die Deutschen langsam gewöhnen. Denn in Berlin beginnt das Nachdenken über die Zeit nach Merkel. Eine mögliche Nachfolgerin steht bereit: Ursula von der Leyen. http://www.spiegel.de/politik/deutschland/0,1518,710859,00.html
JA! Kanzlerin Merkel: Ich bin dann auch mal weg Am besten auf immer und ganz weit weg! Je weiter das Merkel, desto besser für's Land.
2. Ich kapiere es nicht...
gehlhajo, 10.08.2010
Zitat von sysopDie Kanzlerin erholt sich vom Regieren - an ihre Abwesenheit sollten sich die Deutschen langsam gewöhnen. Denn in Berlin beginnt das Nachdenken über die Zeit nach Merkel. Eine mögliche Nachfolgerin steht bereit: Ursula von der Leyen. http://www.spiegel.de/politik/deutschland/0,1518,710859,00.html
.. warum nur wird die Uschi so hochgejazzt ?
3. re
Subtuppel 10.08.2010
Da ist man ja schon geneigt religiös zu werden nur um "Oh Gott" zu seufzen... "Mutti" erholt sich davon abzuwarten was man tun kann wenn die Richtung schon von Bild, Spiegel und Co. diktiert wurde und das zweit-inkompetenteste Geschöpf der deutschen Nachkriegsgeschichte steht schon als Nachfolger parat. Na dann gute Nacht, ich geh mich hinter 'nem Stopschild verstecken.
4. Bitte, bitte
newliberal 10.08.2010
nicht. Zensursula, auch Krippenulla genannt muss wirklich nicht sein. Aber einmal ganz davon ab, in zehn Jahren wird es die CDU in ihrer jetztigen Form ohnehin nicht mehr geben. Die Auflösungserscheinungen sind unübersehbar. Das letzte Bundestagswahlergebnis war das schlechteste aller Zeiten ! Deswegen: Netter Versuchsballon im Sommerloch, alledings sinnlos. BTW: Führende Unionspolitiker haben in den letzten Monaten das sinkende Schiff bereits verlassen und sich anderswo eine Zukunft gesucht. Warum wohl ?
5.
Walter Sobchak 10.08.2010
Man glaubt nach der Kanzlerette kann es nicht schlimmer kommen, da kommt eine andere Vorzeigemutti aus der Gruft: vdL. Irgendwie wuenscht man sich da fast wieder den Bimbeskanzler zurueck.
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