Merkel und Fußball: Wenn die Kanzlerin in Ekstase gerät

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Merkel in der Kabine, Merkel im Trainingslager, Merkel auf der Tribüne: Zum Fußball hat die Kanzlerin im Verlauf ihrer Amtszeit ein recht inniges Verhältnis entwickelt. Fotos ihrer Jubelposen im Stadion sind Kult. Warum eigentlich?

Fußball: Merkel und die Nationalmannschaft Fotos
AP

Berlin - Es gibt da dieses Foto. Es stammt vom 8. Oktober 2010. Das Europameisterschafts-Qualifikationsspiel gegen die Türkei ist gerade beendet, da steht die Kanzlerin in der Kabine der deutschen Nationalmannschaft und schüttelt Mesut Özil die Hand. Sie im grünen Blazer. Der Mittelfeldregisseur und seine Kollegen halbnackt, nur in Shorts oder mit Handtuch. Wenn Politik auf Wirklichkeit trifft.

Angela Merkel und der Fußball - es ist eine eigentümliche Beziehung, die da in den vergangenen Jahren entstand. Die Frau, die sonst allenfalls beim Bergwandern in Südtirol die Sportlerfahne hochhält, hat in ihrer Amtszeit eine gewisse Begeisterung dafür entwickelt, zweiundzwanzig Spielern auf dem grünen Rasen zuzuschauen. Merkels Kabinenbesuche, ihre Trainingslagervisiten und Jubelposen gehören inzwischen zu jedem Großturnier dazu. Auch an diesem Freitag ist sie wieder im Stadion zu sehen. In Danzig verfolgt die Kanzlerin am Abend das Viertelfinale zwischen Deutschland und Griechenland.

Es ist nicht so, dass sie mit ihrer Fußballleidenschaft eine Ausnahme wäre unter deutschen Regierungschefs. Gerhard Schröder zeigte sich gern in den Arenen (und tut dies bis heute). Auch Helmut Kohl verfolgte die eine oder andere Partie. Aber Merkels Beziehung zum Kicken ist besonders. Natürlich nicht, weil sie eine Frau ist. Sondern weil sie sich im Stadion so anders gibt, als man sie sonst kennt.

Merkel setzt aufs Sparen, sie mag die Provinz - und guckt Fußball

Spricht sie im Bundestag über Milliardenpakete, ist das meist so eintönig, dass man rasch umschalten möchte. Hält sie eine Regierungserklärung zum Europäischen Rat, haben selbst ihre eigenen Leute Mühe, sich wachzuhalten. Merkel ist im Bundestag das, was die Spieluhr für kleine Kinder ist: ein Einschlafmittel. Im Stadion ist es ganz anders. Da zeigt sich die andere Merkel. Da ist sie plötzlich gar nicht mehr kontrollitert. Fäuste fliegen in die Luft, Glücksschreie werden ausgestoßen und Haare gerauft, es ist auch schon vorgekommen, dass sie dem DFB-Präsidenten um den Hals gefallen ist. Merkel in Ekstase.

Sie hat viel übrig für die Nationalmannschaft, und so ganz überraschend ist das nicht. Sie lobt den "wunderbaren Mannschaftsgeist", sie freut sich über den "Zusammenhalt". Dass die deutschen Spieler nicht nur Müller heißen und Götze, sondern auch Khedira und Boateng, hält die Kanzlerin für ein Paradebeispiel gelungener Integration. Im Löw-Team sieht sie eine Art gesellschaftlichen Querschnitt. Und mit dem Querschnitt kann sie viel anfangen. Auch sie orientiert sich am Wesen des normalen Deutschen. Sie setzt aufs Sparen. Sie mag die Provinz. Und sie guckt eben Fußball.

Natürlich sind ihre Turniertermine nicht ganz uneingennützig. Es wäre kleinlich zu behaupten, Merkel instrumentalisiere den Fußball gezielt, um sich volksnah zu geben und Stimmen einzuheimsen. Aber ein Politikum sind die Besuche im Stadion schon. So ganz falsch ist der Vorwurf ja nicht, die sonst so steifen Volksvertreter sonnten sich gern im Glanz des Fußballs. Damit muss auch Merkel leben. Die Visiten versprechen stets schöne Fotos, der Boulevard platziert sie prominent und kommentiert sie wohlwollend. Merkel ist eine von uns. Das ist durchaus in ihrem Sinne.

Die Bildsprache der Kanzlerin

Merkel beherrscht die Bildsprache, wie kaum jemand sonst in der Politik. Im Stadion ist das nicht anders als beim G-20-Gipfel. Ihr Geheimnis ist, dass die Tribünenfotos nie wirken, als seien sie inszeniert. Die Schnappschüsse ihrer Jubelei verströmen eine Natürlichkeit, dass selbst ihre politischen Gegner sie für einen Moment lieb haben. Vielleicht liegt es an ihrer mitunter etwas ungelenken Art. Vielleicht liegt es aber auch einfach daran, dass sie inmitten von Fußballfunktionären und Spitzenpolitikern sitzt, die mit Emotionen sehr spärlich umgehen. Sie hebt sich ab.

Ein schönes Beispiel dafür war ihre Reise im Juli 2010 zum Weltmeisterschafts-Viertelfinale zwischen Deutschland und Argentinien im südafrikanischen Kapstadt. Ein echter Leckerbissen, ein Millionenpublikum hing daheim vor den Bildschirmen. Die Nationalmannschaft fegte die Gauchos mit 4:0 vom Platz, und Merkel riss es von ihrem Sitz. Neben ihr blickte Südafrikas Präsident Jacob Zuma derart ungerührt drein, als würde er gerade eine Dokumentation über die schönsten Bahnstrecken der Welt verfolgen.

Die Fotos, wie Merkel im dunkelroten Blazer gestikuliert, als spiele sich vor ihren Augen Unfassbares ab, wurden zigfach abgedruckt. Bis heute staunt Christoph Steegmans, der sie damals als Vize-Regierungssprecher zu dem Spiel begleitete, darüber, welche Wucht die Bilder entfalteten. "Ich bin noch Wochen später an meiner S-Bahn-Station von Fremden angesprochen worden, ob ich nicht der Mann sei, der hinter der Kanzlerin gesessen habe", sagt er.

Für die Spieler jedenfalls gehört Merkel zum festen Bestandteil der eigenen Anhänger. Sami Khedira, der Schwabe, der bei Real Madrid sein Geld verdient, nennt die Kanzlerin einen "Edelfan". Am Abend wird Merkel eine neue Gelegenheit haben, diesen Titel zu verteidigen.

Mitarbeit: Vandad Sohrabi

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insgesamt 84 Beiträge
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1. Wegen der Überschrift...
Hamsi 22.06.2012
...wäre ich beinahe am Kaffee erstickt.
2. Ich habe auch schon lange den Eindruck,
tsitsinotis 22.06.2012
Anschela (Löw) lebt im Stadion voll ihre Erotik aus.
3. Diese Fotos "Kult"?
Tom Joad 22.06.2012
Dann lebe ich wohl, ohne es zu ahnen, in einem Paralleluniversum.
4. ...und ich...
Aözer 22.06.2012
...werde das Bild nicht mehr los, was sich beim lesen der Überschrift imaginierte...
5. Freude!
siebke 22.06.2012
Freude für mich, Frau Merkel auch mal so zu sehen. Losgelöst von ALLEN Verhaltensregeln..bitte nicht immer nach dem Sinn fragen..WARUM-WESHALB..?? kann es nicht nur Freude sein?!
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