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Kanzlerkandidaten-Debatte: Peer Steinbrücks vier Probleme

Ein Kommentar von

Es scheint, als wäre die K-Frage in der SPD entschieden. Ex-Finanzminister Peer Steinbrück ist der Mann der Stunde, manch einer sieht ihn bereits im Kanzleramt. Doch auf den Kandidaten-Kandidaten wartet massiver Ärger.

Peer Steinbrück: Würde er als Kanzler wirklich zackig durchregieren? Zur Großansicht
dapd

Peer Steinbrück: Würde er als Kanzler wirklich zackig durchregieren?

Ganz klar, der Mann hat einen Lauf. Alle finden Peer Steinbrück toll. Das "Handelsblatt" adelt ihn zum "Reservekanzler". In den Umfragen liegt er weit vor allen anderen Genossen, auch klar vor der Kanzlerin.

Woran das liegt, ist schnell geklärt: Der Mann ist einfach gut, kantig, kompetent, nicht verschwurbelt. Ein Macher, Anführer und so weiter. Logo, dass er gut ankommt. Er sticht heraus aus der ewig gleichen Röttgen-Merkel-Westerwelle-Leier, er weckt politische Phantasien, Hoffnungen: auf ein besseres Deutschland, eine coolere Regierung, klare Verhältnisse, zackiges Durchregieren. Herrlich.

Steinbrück bedient diese Sehnsucht gekonnt. Er macht genau dort weiter, wo der gescheiterte Ex-Liebling der Deutschen, Karl-Theodor zu Guttenberg, aufgehört hat. Er gibt den Mann mit Überzeugungen, der anders als der Rest der Politiker-Truppe nicht beim ersten Widerstand einknickt. Er macht keine Kompromisse, er wirft seine eigenen Ideale nicht über Bord.

So gesehen ist er der perfekte Kandidat für die SPD: In Wahlkämpfen geht es darum, Hoffnungen zu wecken, Leidenschaft zu zeigen, Menschen für eine Sache, eine Person zu begeistern.

Die Frage ist nur: Was kommt danach? Wird Peer Steinbrück als Kanzler wirklich so zackig durchregieren, wie man nun gerne glauben möchte?

Auf Kandidaten-Kandidat Steinbrück warten vier Probleme:

  • Problem I: Steinbrück droht die Helden-Falle. Politiker von diesem Schlag lösen im deutschen Polit-Betrieb heftige Abwehrreflexe aus. Die Masse der Mittelmäßigen in Berlin und anderswo wartet nur auf das Scheitern des neuen Stars - viele Feinde sind ihm sicher. Sie werden gegen ihn arbeiten.
  • Problem II: Enttäuschte Hoffnungen. Das Problem der jetzigen Regierung war, dass sie große Hoffnungen geweckt hat, diese aber nicht erfüllen konnte. Wenn Steinbrück diesem Schicksal entgehen will, sollte er rechtzeitig vor der Wahl sein Erwartungsmanagement verbessern: Dazu gehört, den Wählern zu sagen, dass er auch kein Zauberer ist. Einfache Antworten, die sich manche Wähler ersehnen, gibt es in der immer komplexer werdenden Politikwelt nicht. Steinbrück kann als Kanzler vieles besser machen als die jetzige Regierung. Aber er wird sicherlich keine Wunder vollbringen.

  • Problem III: Wie durchsetzungsstark ein Kanzler ist, richtet sich ganz wesentlich nach dem Bündnispartner. Nach menschlichem Ermessen könnten einem möglichen Kanzler Steinbrück zwei Partner zur Verfügung stehen: die Union als Junior oder die Grünen. Praktisch wäre für Steinbrück eine vollkommen geschwächte Union als Co-Pilot. Sie könnte er einigermaßen in den Griff bekommen, auch inhaltlich wären sich die Partner wohl am wenigsten fremd. Was aber passiert, wenn Steinbrück mit den Grünen regiert? In Nordrhein-Westfalen ist der Ministerpräsident Steinbrück in einem Bündnis mit der Ökopartei gescheitert. Er wollte so herum, die Grünen andersherum. In einer Bundesregierung Steinbrück-Trittin könnte es ganz ähnlich zugehen. Ein prima Partner für Steinbrück wäre die FDP: Da passt ganz viel zusammen, vor allem in der Wirtschaftspolitik. Aber: Sozial-liberal erscheint angesichts der Schwäche der FDP als sehr unwahrscheinliche Variante im Jahr 2013.

Es ist interessant zu beobachten, wie sich diese Gruppen in der Partei schon jetzt in Stellung bringen. Zwischen den Zeilen in den Zeitungen und hinter vorgehaltener Hand im Bundestag ist bereits das Gemurre der SPD-Linken über den vermeintlichen "Selbstdarsteller" Steinbrück zu vernehmen. Diese Genossen werden den Kandidaten Steinbrück wohl noch ertragen, weil er ihnen die Mandate und Pöstchen sichern kann. Aber einem Kanzler Steinbrück werden sie das Leben schwermachen.

Das alles weiß auch Peer Steinbrück. Er ist Realist. Es ist gut, dass er trotzdem Anlauf auf das wichtigste Amt nimmt. Was unterscheidet die Guten von den Mittelmäßigen? Der Mut zum Sprung.

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insgesamt 205 Beiträge
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1. Kandidatenkür.
riga_ernest 07.07.2011
Zitat von sysopEs scheint, als sei die K-Frage in der SPD entschieden. Ex-Finanzminister Peer*Steinbrück*ist der Mann der Stunde, manch einer sieht ihn bereits im Kanzleramt. Doch auf den Kandidaten-Kandidaten wartet massiver Ärger. http://www.spiegel.de/politik/deutschland/0,1518,772991,00.html
Kandidatenkür im SPIEGEL. Das ist beeindruckend. Ich kann Steinbrück nicht leiden. Noch so ein schrödernder Großkotz, der schon als Ministerpräsident nix auf die Kette gekriegt hat.
2. Steinbrück hat nicht, sondern ist ein Problem
iKassandra 07.07.2011
Die Zeiten, als die SPD ihre Mitglieder wegen ihrer Kanzlerkandidaten befragte (war allerdings nicht sonderlich erfolgreich) sind schon lange her. Heute wird ihr ein Kanzlerkandidat von aussen durch mächtige Interessengruppen aufgedrückt, die die ganze Feuerkraft einer trainierten PR-Maschine und assistierender Medien nutzen können. Nur so ist es erklärbar, dass mit Steinbrück ein Mann auf den Schild gepuscht wird, der bisher nur Wahlen verloren hat, und zur Sicherheit (könnte ja sein, dass Schwarz-Gelb völlig den Bach runter geht) aus dem rechten Kreis der SPD mit ausgewiesener neoliberaler Denke kommt. Mit Schröder konnte die Industrie ja auch gut leben. Dass sich die SPD sowas antun lässt, spricht Bände über den traurigen Zustand dieser alten ehemals ehrwürdigen Partei.
3. Alle Probleme sind lösbar, bis
Willi Wacker 07.07.2011
Zitat von riga_ernestKandidatenkür im SPIEGEL. Das ist beeindruckend. Ich kann Steinbrück nicht leiden. Noch so ein schrödernder Großkotz, der schon als Ministerpräsident nix auf die Kette gekriegt hat.
auf Nr. 4 - Problem IV: Die eigene Partei Das müsste Steinbrück alle kleinen und großen Lafointaines und Ypsilantis aus der Partei werfen. Aber danach wär´s vielleicht eine wählbare Partei, aber eben keine SPD.
4. ..
inqui 07.07.2011
Zitat von riga_ernestKandidatenkür im SPIEGEL. Das ist beeindruckend. Ich kann Steinbrück nicht leiden. Noch so ein schrödernder Großkotz, der schon als Ministerpräsident nix auf die Kette gekriegt hat.
wen Sie oder ich leiden kann interessiert nicht, entscheident ist dass Steinbrück einen sehr guten Eindruck bei den Bilderbergern hinterlassen hat.
5. Armes Deutschland
Regulisssima 07.07.2011
Dann wird Steinbrück wohl demnächst im Stadtschloss residieren und Deutschland in die Pleite führen. Davor bewahren kann der das Land jedenfalls nicht.
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Die K-Frage

Ist Peer Steinbrück der richtige Kanzlerkandidat für die SPD?


Kurzporträts der SPD-Spitze
Parteivorsitzender: Sigmar Gabriel
REUTERS
Mit 51 Jahren wurde Gabriel, Jahrgang 1959, jüngster Parteichef seit Willy Brandt. In der Großen Koalition war er bis Herbst 2009 Umweltminister und profilierte sich im Wahlkampf mit Attacken gegen die Atomkraft. Nach dem Wahldesaster der Sozialdemokraten griff er entschlossen nach dem Parteivorsitz. Nach einem starken Start hat seine Autorität zuletzt im Streit um Thilo Sarrazin und die Migrantenquote Schaden genommen. Als natürlicher Kanzlerkandidat gilt er inzwischen nicht mehr.

Der gelernte Lehrer aus Goslar ist seit 1977 SPD-Mitglied. Mit 40 Jahren war er jüngster deutscher Ministerpräsident in seinem Heimatland Niedersachsen (1999-2003). Nach der Abwahl wechselte Gabriel nach Berlin und gab ein Intermezzo als "Pop-Beauftragter" der Sozialdemokraten, was ihm eher Spott als Anerkennung einbrachte ("Siggi Pop"). Gabriel ist mit einer Zahnärztin verheiratet.
Parteivize: Manuela Schwesig
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Manuela Schwesig schaffte in nur sechs Jahren den Aufstieg von der Finanzbeamtin zur SPD-Vizechefin. Frank-Walter Steinmeier pries die 1974 geborene Schwesig einst als "strahlenden Nordstern der SPD". Im Präsidium ist sie für Familienpolitik zuständig und katapultierte sich vor allem während der Verhandlungen um die Hartz-IV-Reform in die Schlagzeilen.

Die gebürtige Brandenburgerin studierte Steuerrecht und folgte ihrem Mann nach Schwerin. Dort engagierte sie sich zunächst in der Kommunalpolitik, bevor sie im Oktober 2008 ins Schweriner Kabinett eintrat - als bundesweit jüngste Landesministerin. Sie ist Mutter eines Sohnes.
Parteivize: Hannelore Kraft
DPA
Kraft, 1961 geboren, ist SPD-Landeschefin und Ministerpäsidentin von Nordrhein-Westfalen. Seit Mitte Juli 2010 führt sie eine rot-grüne Regierung in Düsseldorf - die ersten beiden Jahre als Minderheitsregierung, seit der Landtagswahl im März 2012 mit einer deutlichen Mehrheit.

Die gelernte Bankkauffrau und studierte Wirtschaftswissenschaftlerin sieht sich selbst als Pragmatikerin, die keinem SPD-Flügel angehört. Auch ohne den typischen Stallgeruch und die übliche Ochsentour machte sie im größten SPD-Landesverband schnell Karriere - zunächst als Europa- und dann bis Mai 2005 als Wissenschaftsministerin. Später wurde sie Fraktionschefin in Düsseldorf. Kraft ist verheiratet und hat einen Sohn.
Parteivize: Klaus Wowereit
DPA
Regierender Bürgermeister von Berlin und schon seit neun Jahren an der Spitze einer rot-roten Koalition. Gilt deshalb - für nicht wenige in der SPD irrtümlich - als Linker sowie als Wegbereiter einer bundesweiten Öffnung zur Linkspartei.

Wowereit, Jahrgang 1953, ist der Senior innerhalb der SPD-Spitze. Gelernter Jurist, passionierter Partygänger, Skat- und Golfspieler. Lebt mit einem Arzt zusammen. Bekanntester Satz, immer noch: "Ich bin schwul - und das ist auch gut so."
Parteivize: Olaf Scholz
AP
Bis Herbst 2009 war Scholz, geboren 1958, Bundesarbeitsminister. Aber auch jetzt ist er wieder gut beschäftigt: Im Februar 2011 holte er bei der Bürgerschaftswahl in Hamburg die absolute Mehrheit und ist seitdem Erster Bürgermeister in der Hansestadt.

Der Fachanwalt für Arbeitsrecht hat in der SPD schon viele Karrierestationen hinter sich: Innensenator in Hamburg, SPD-Generalsekretär und Parlamentarischer Geschäftsführer der SPD-Bundestagsfraktion. Scholz ist verheiratet mit einer Hamburger SPD-Politikerin.
Parteivize: Aydan Özoguz
Die Hamburgerin, Jahrgang 1967, mit türkischen Wurzeln hat einen steilen Aufstieg in der SPD hinter sich. Seit 2009 sitzt sie im Bundestag, im Dezember 2011 übernahm sie einen der Posten als Bundes-Vize. Vorher arbeitete sie unter anderem als Intergrationsbeauftragte der SPD-Fraktion. Für Aufsehen sorgte sie 2010 mit dem Appell, die Is­lam­kon­fe­renz von Bun­desin­nen­mi­nis­ter Hans-Pe­ter Friedrich (CSU) zu boy­kot­tie­ren. Sie hatte dem Minister vorgeworfen, einen pauschalen Terrorverdacht gegen Muslime zu unterstellen. Özoguz ist mit einem Hamburger SPD-Politiker verheiratet und lebt in Oldenfelde sowie einer Berliner Dienstwohnung.
Generalsekretärin: Andrea Nahles
AP
Nahles, geb. 1970, ist schon lange bei der SPD aktiv. Vor ihrer Wahl zur Generalsekretärin war Nahles stellvertretende SPD-Vorsitzende. Einst war sie Chefin der Nachwuchsorganisation Jusos und für kurze Zeit schon einmal als Generalsekretärin vorgesehen: 2005, gegen den Willen von Franz Müntefering, der deshalb nicht mehr Parteichef sein wollte.

Nahles stammt aus Rheinland-Pfalz, sie ist Germanistin und bekennende Katholikin. Liiert ist sie mit einem Bonner Kunsthistoriker.


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