Kanzlerkandidatin mit Imageproblemen Poloshirt schlägt Streifenbluse

Mit manchen öffentlichen Auftritten hat Kanzlerkandidatin Merkel in letzter Zeit wenig Glück gehabt - auch der Versuch, sich privat ins Bild zu setzen, misslang. Edmund Stoiber demonstrierte nun, wie man sich im besten Lichte zeigt.

Von


 Merkel-Geschichte in der "Bild am Sonntag": Unerwarteter Gang an die Öffentlichkeit

Merkel-Geschichte in der "Bild am Sonntag": Unerwarteter Gang an die Öffentlichkeit

Berlin - Der Fototermin war kurzfristig angesagt. Laurence Chaperon durfte die Kanzlerkandidatin und ihren Ehemann Joachim Sauer beim Plausch mit einem Fischer in der Uckermark ablichten. Zwei Fotos hob die "Bild am Sonntag" (Bams) vergangenes Wochenende für eine Geschichte über "Angela Merkels private Welt" ins Blatt.

Die Bilder stehen nicht nur in auffälligem Gegensatz zu den Hochglanzplakaten, die eine lächelnde Kandidatin zeigen. Auf den Fotos wirkt Merkel mit weitem Streifenhemd, abgebundener Freizeithose und Turnschuhen für manchen Kampagnenmacher eine Spur zu privat. So kannte man Merkel bisher nicht. Vor allem: Will man sie so kennen?

Fast nebensächlich wirkte da schon das Interview, in dem die CDU-Chefin sich zur Großen Koalition äußerte. Fotoreporterin Chaperon, die Merkels Vertrauen genießt, wurde von Journalistenkollegen nach der Veröffentlichung angesprochen. Kommentare wie "Oh diese Schuhe, oh diese Hose", habe sie immer wieder gehört, erzählt sie.

Die Französin steht dennoch zu ihren Bildern. "Frau Merkel ist zum Termin so angekommen, wie ich sie fotografiert habe. Ich finde das ehrlich. Soll sie etwa im Hosenanzug zu einem Fischer gehen? Kaum lässt Frau Merkel einmal einen Blick in ihr Privatleben zu, schon geht es nur um ihre Klamotten", ärgert sich Chaperon über die zum Teil hämische Kritik aus Kollegenkreisen.

Ehepaar Stoiber im "Stern": Wie aus dem Bilderbuch der Medienprofis

Ehepaar Stoiber im "Stern": Wie aus dem Bilderbuch der Medienprofis

Dass man auch bei Freizeitauftritten nichts dem Zufall überlassen sollte, weiß Merkels bayerischer Polit-Partner Edmund Stoiber nur zu gut. Im aktuellen "Stern" ist er mit seiner Frau am Bodensee zu besichtigen - in perfekter Pose. Das Ehepaar Stoiber liefert so wenige Tage nach der "BamS"-Veröffentlichung geradezu das süddeutsche Gegenbild zur Momentaufnahme am Badesee nahe Templin in der Uckermark. Hüben bequem, drüben mondän: Die Stoibers lächeln in blauen Partnerlook-Hemden, sind braungebrannt, links leuchten rote Geranien vor Seelandschaft. Ein Foto aus dem Bilderbuch der Medienprofis.

Die Aufmerksamkeit, die die Bilder aus Templin nicht nur in der Medienbranche, sondern auch in Unionskreisen auslösten, offenbaren, auf welch dünnem Eis sich Merkel in ihrer Selbstdarstellung bewegt. Stärker als der Kanzler, der im Augenblick entspannt durchs Land reist und TV-Talks bestreitet, wird bei Merkel jede äußerliche Veränderung registriert.

Vielleicht wären die Fotos in der "BamS" übersehen worden, wenn Merkel weiter im Aufwind wäre. Doch sie erschienen nach einer Pech-Woche, in der sie in zwei Interviews Brutto mit Netto verwechselte. Gleichzeitig sah sie sich genötigt, dem brandenburgischen Innenminister Jörg Schönbohm wegen dessen Äußerungen zur "aufgezwungenen Verproletarisierung" des Ostens öffentlich abzuwatschen - ohne selbst etwas zum Thema zu sagen, wie Kommentatoren kritisch vermerkten. Merkels persönliche Umfragewerte sinken zur Zeit - und damit auch die der Union.

Sorgen um das Medienbild

Schon machen sich frühere CDU-Begleiter Sorgen. Andreas Fritzenkötter, einst Helmut Kohls Medienberater, sieht ihre Homestory kritisch: "Merkel hat ihr Privatleben bislang sehr abgeschottet. Wenn man sich öffnet, muss man die Menschen peu à peu darauf vorbereiten. Auf diesen Bildern kriegt man aber einen sehr, sehr offenen Blick und das trifft einen wie ein Keulenschlag."

Auch Peter Radunski, früherer CDU-Senator in Berlin und heute Wahlkampfmanager, war überrascht: "Ich hätte vor kurzem noch nicht erwartet, dass Frau Merkel eine Homestory liefert". Besser sei es, wenn sie sich "weiterhin ganz auf die politische Seite des Wahlkampfes konzentriert" und den Bürgern ihre inhaltlichen Vorstellungen näher bringe. "Seit Rudolf Scharpings Swimmingpool-Bildern gibt es eine gewisse Ruck-Zuck-Privatisierung im öffentlichen Raum, die ihre Tücken hat", warnt Radunski.

Die Pannenserie wirft für CDU-Parteistrategen die Frage auf: Braucht Merkel mehr professionelle Beratung? Edmund Stoiber holte sich 2002 mit Michael Spreng einen früheren Chefredakteur der "Bild am Sonntag". Merkel kommt ohne einen solchen Medienberater aus - möglicherweise ein Fehler. Auch zu Kohls Zeiten wurde bei anberaumten Fototerminen nichts dem Zufall überlassen, wie Fritzenkötter erzählt: "Es wurde immer darauf geachtet, vor welcher Kulisse die Aufnahmen stattfinden, welches Motiv dargestellt wird". Niemals hätte Kohl es zugelassen, "sich an seinem Urlaubsort am Wolfgangssee etwa auf einem Liegestuhl ablichten zu lassen".

Schlachtfeld Fernsehen

Weil Bilder mächtig sind, werden die TV-Auftritte umso entscheidender sein. Am morgigen Donnerstag wird Merkel alleine im ZDF auftreten - befragt von Maybrit Illner in "Berlin Mitte". Das Fernsehen ist ein idealer Ort für Selbstdarstellung - und zugleich der gefährlichste. Als der Kanzler jüngst zu Gast bei Sabine Christiansen war, wirkte er aufgeräumt und entschlossen. Lächelnd und charmant reagierte er sowohl auf die Angriffe eines wütenden Unternehmers wie auf die Attacken eines enttäuschten Gewerkschafters, der sich der Linkspartei zugewandt hatte. Von ihrer Kritik am Kanzler blieb nach dessen Entgegnungen nicht mehr viel übrig.

Ob Merkel klug beraten war, ein zweites TV-Duell mit Schröder abzusagen, wird sich noch zeigen. Radunski findet: Ja. Ihre Berater hätten professionell reagiert: "Seit den sechziger Jahren wissen wir, dass der Herausforderer immer am besten fährt, wenn es nur zu einer Konfrontation mit dem Amtsinhaber kommt, denn nicht der Alte, sondern der oder die Neue steht im Mittelpunkt des öffentlichen Interesses." Und wenn der Herausforderer oder die Herausforderin "einen groben Fehler macht, dann kann man das auch nicht mehr in einem zweiten Duell ausbügeln".

Diese Einschätzung teilt Matthias Machnig, einst SPD-Wahlkampfmanager, überhaupt nicht. Zumal Merkel nun bereit sei, in einer weiteren Runde, unter anderem mit Franz Müntefering, FDP-Chef Guido Westerwelle, Stoiber und Grünen-Streiter Joschka Fischer zu diskutieren. "Sie hatte die Augenhöhe mit dem Kanzler erreicht. Jetzt begibt sie sich wieder darunter."

Machnigs Sicht teilt auch Kohls Ex-Berater Fritzenkötter. "Das, was im Moment sichtbar ist, wirkt etwas selbstgestrickt. Eine Medienstrategie ist im Augenblick noch nicht erkennbar", sagt er. Von den Fotos in der "BamS" hätte Fritzenkötter ihr ohnehin abgeraten. "Ich habe grundsätzlich nichts gegen die Geschichte", sagt er, "aber ich hätte sie zu diesem Zeitpunkt nicht zugelassen."



© SPIEGEL ONLINE 2005
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.