Kaplans Flucht Fehler bei der Übergabe?

Nach Zeitungsberichten konnte der Islamist Kaplan fliehen, weil die Ablösung der vor seinem Haus postierten Verfassungsschützer durch die Kölner Polizei nicht klappte. Fahnder halten es jedoch auch für möglich, dass sich Kaplan schon viel früher abgesetzt hat - unter den Augen seiner Bewacher.

Von




Kaplan-Fahndung in Köln: Bisher ohne Erfolg
DPA

Kaplan-Fahndung in Köln: Bisher ohne Erfolg

Köln/Berlin - Die Kölner Polizei hatte am Donnerstag jegliche Verantwortung für die Flucht Metin Kaplans von sich gewiesen. Man habe alles rechtlich Mögliche getan, um Kaplan nach dem Grundsatzurteil aus Münster festzunehmen, das seine Abschiebung in die Türkei möglich machte. Allerdings trafen die Polizeibeamten mit dem kurz nach dem Urteil erlassenen Haftbefehl in der Hand Kaplan am Mittwochabend nicht in seiner Wohnung an. Obwohl die Polizei das 14-stöckige Mietshaus schon seit dem frühen Mittwochmorgen mit verdeckten Ermittlern observierte, hatte niemand die Flucht des Gesuchten bemerkt.

Am Donnerstagabend tauchten Spekulationen auf, dass die peinliche Panne bei der Übergabe der Beobachtung Kaplans vom Bundesamt für Verfassungsschutz an die Kölner Polizei passiert sein könnte. Ohne Details zu nennen, berichtete der "Kölner Stadt-Anzeiger", ein Fehler bei der Übergabe vom Verfassungsschutz an die Polizei habe die Flucht möglich gemacht und berief sich auf "informierte Kreise". Das "Westfalenblatt" mutmaßte gar, bei der Übergabe habe es eine zeitliche Lücke gegeben, die Kaplan zur Flucht nutzte.

Nach Recherchen von SPIEGEL ONLINE könnte Kaplan jedoch auch zu einem früheren Zeitpunkt entkommen sein. Gut unterrichtete Behördenkreise bestätigten schon am Mittwochabend, Mitarbeiter des Bundesamtes hätten Kaplan seit Wochen intensiv beobachtet. Das war allerdings nichts Neues, weder für Beobachter des Verfahrens als auch für Kaplan selber. Erst kürzlich hatte seine Anwältin geflachst, sie komme beim Mitschreiben der verschiedenen Kennzeichen der diversen Observationsfahrzeuge des Verfassungsschutzes kaum noch mit.

Klingel vor dem Mietshaus in Köln Chorweiler, in dem Kaplan wohnte: Niemand zu Hause
DPA

Klingel vor dem Mietshaus in Köln Chorweiler, in dem Kaplan wohnte: Niemand zu Hause

Eine mögliche Panne bei der Übergabe an die Polizei wird bei den Verfassungsschützern mit dem Brustton der Überzeugung ausgeschlossen. Die Beamten der Behörde hätten sich eng mit der Polizei koordiniert und die Ablösung sogar über die besonderen Schwierigkeiten des unübersichtlichen Hauses informiert, sagten Beteiligte am Donnerstag gegenüber SPIEGEL ONLINE. Auch eine zeitliche Lücke bei der Übergabe am Mittwochmorgen gegen 8 Uhr dementierten mehrere Verfassungsschützer, die den Vorgang genau kennen. "Alles ging Hand in Hand", so ein Beamter.

Allerdings betonten Verfassungsschützer, dass sie nicht ausschließen könnten, dass Kaplan bereits geflohen ist, während er noch von ihnen observiert wurde. "Auch wir stoßen an unsere Grenzen", sagte ein Mitarbeiter der Behörde. Das Wohnhaus sei mit mehreren Ausgängen und einer unübersichtlichen Tiefgarage kaum hundertprozentig abzusichern. Zudem hätten die Verfassungsschützer kein Recht, aus der Tiefgarage kommende Autos anzuhalten oder gar deren Kofferräumen nach Kaplan zu durchsuchen. Auf diesem Wege könnte Kaplan jederzeit verschwunden sein.

Ganz ähnlich stellte sich die Lage für die übernehmende Polizei während des gesamten Mittwochs dar. Zwar beobachteten mehrere Teams das Haus und auch die Garagenausfahrten. Für Kontrollen der Autos aber hatten die Beamten erst nach dem Erlass des Haftbefehls die rechtliche Befugnis. Auch die Postierung von Beamten im Haus oder gar an der Tür Kaplans war zu diesem Zeitpunkt laut dem geltenden Polizeirecht nicht möglich. Erst als der Haftbefehl erlassen war, betraten schließlich Polizisten das Wohnhaus. Zu diesem Zeitpunkt aber war Kaplan schon lange ausgeflogen.



© SPIEGEL ONLINE 2004
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.