Karikaturenstreit: Selbstmord nach versuchtem Angriff auf Chefredakteur der "Welt"

Von und Yassin Musharbash

Der Selbstmord eines Pakistaners in Berlin sorgt in seiner Heimat für Aufregung. Der 28-Jährige saß in Haft, weil er im März den Chefredakteur der "Welt" wegen des Abdrucks der Mohammed-Karikaturen angreifen wollte. Die deutsche Justiz weist Folter-Vorwürfe energisch zurück.

Berlin - Der Fall des 28-jährigen Amer Cheema war erst bekannt geworden, als der pakistanische Student am Mittwochmorgen erhängt in seiner Zelle in der Untersuchungshaft in Berlin-Moabit gefunden wurde. Nun nämlich erhebt seine Familie in Pakistan schwere Vorwürfe: Cheema sei von der deutschen Justiz zu Tode gefoltert worden. Ohne Beweise zu nennen, forderte die Familie eine Untersuchung des Vorgangs.

Vater Nazir Cheema mit einem Portrait seines Sohns Amer: Foltervorwürfe und Verschwörungstheorien
AFP

Vater Nazir Cheema mit einem Portrait seines Sohns Amer: Foltervorwürfe und Verschwörungstheorien

Begonnen hatte alles am 20. März 2006. Am Morgen dieses Montags hatte der Student aus Mönchengladbach das Foyer des Axel-Springer-Hauses in Berlin betreten und das Wachpersonal sofort mit einem Messer bedroht. Deutlich gab er den Männern zu verstehen, dass er Roger Köppel, Chef der Springer-Zeitung "Die Welt", sehen und angreifen wollte. Drohend fuchtelte er mit einem größeren Küchenmesser herum und wollte sich nicht beruhigen. Was den Männern erst wie ein Scherz vorkam, endete in einem Handgemenge.

Erst die hinzugerufene Polizei konnte den Mann, der nach Angaben der Behörden einen verwirrten Eindruck machte, überwältigen. Dabei versuchte Cheema mehrmals, die Polizisten anzugreifen. Er wurde vorläufig festgenommen und inhaftiert. Schon bei den ersten Vernehmungen gab er an, einzig nach Berlin gereist zu sein, um den "Welt"-Chef wegen der Veröffentlichung der Mohammed-Karikaturen anzugreifen. Dies sei die Pflicht eines jeden Muslims, die er erfüllen wollte, gab er bei der Vernehmung zu Protokoll.

Chefredakteur sprach von "journalistischer Pflicht"

Die "Welt" war unter den ersten Zeitungen außerhalb Dänemarks gewesen, die den Stein des Anstoßes dokumentierte. Chefredakteur Roger Köppel bezeichnete den Nachdruck der Mohammed-Karikaturen im Februar 2006 als "journalistische Pflicht". Auch andere deutsche Blätter entschieden sich für diesen Schritt, unter anderem die "tageszeitung" und die "Berliner Zeitung", sowie die "Frankfurter Allgemeine Zeitung", die bereits im Herbst 2005 auf den sich anbahnenden Streit hingewiesen hatte.

Die Reaktionen in der islamischen Welt waren Anfang des Jahres heftig ausgefallen, nachdem religiöse Hetzer die Nachricht dorthin getragen hatten. Innerhalb von Tagen entbrannte ein wütender Protest. In Beirut und Damaskus wurden europäische Konsulate in Brand gesteckt. In Afghanistan kamen bei Ausschreitungen Demonstranten ums Leben, wochenlang boykottierten Millionen Menschen dänische Produkte. Im März beruhigte sich die Lage dann wieder.

Für den Chefredakteur der "Welt" hatte der Vorgang vom 20. März dennoch weit reichende Folgen. Sofort stellte ihm das Berliner Landeskriminalamt (LKA) Personenschützer zur Seite, die seine Sicherheit gewährleisten sollen. Bis heute begleiten sie ihn. Mittlerweile wurde auch sein Büro umgebaut. Zwar gab es nach dem Vorfall im März keine weiteren Angriffe oder Drohungen. Gleichwohl wissen die Analysten beim Staatsschutz, dass die Karikaturen unter Islamisten noch immer ein enormes Gewaltpotential freisetzen können.

Hetzschriften im Internet

Belege dafür fanden sich erst kürzlich. Im April erinnerten Hetzreden der Qaida-Chefs Osama Bin Laden und Aiman al-Sawahiri daran, dass der Ärger über die Karikaturen unter Islamisten noch lange nicht verraucht ist. Kurz darauf veröffentlichte das irakisch-kurdische Terrornetzwerk "Ansar al-Sunnna" eine Sonderausgabe seines Online-Magazins, in dem gleichfalls zu Vergeltungsakten aufgerufen wurde. Namentlich wurden dutzende europäischer Zeitungen aufgelistet, die die Spottbilder gedruckt hatten, darunter war auch die "Welt".

Der Fall von Amer Cheema wurde in Deutschland juristisch weiter verfolgt. Kurz vor seinem Selbstmord, für den er sich eine Schlinge aus Kleidungsstücken bastelte, hatte die Justiz die Anklage wegen besonders schwerer Nötigung und Widerstand gegen die Polizei fertig gestellt. Der Prozess, der bei einer Verurteilung mit einer Haftstrafe von sechs Monaten bis zu fünf Jahren hätte enden können, sollte in den nächsten Wochen stattfinden. Bis dahin hätte Cheema weiter in U-Haft sitzen müssen.

Nach den ersten Meldungen über den Selbstmord des Studenten behauptete sein Vater im privaten Fernsehsender Geo-TV am Donnerstag, sein Sohn sei gefoltert worden. Belege nannte er nicht, doch den ganzen Tag lang lief diese Meldung über den Sender. Am Freitag erreichte die Aufregung sogar das Parlament. Strenggläubige Abgeordnete in Islamabad erhoben ebenfalls Foltervorwürfe und setzten durch, dass der Fall in der Nationalversammlung erörtert wird.

Aufregung in Pakistan wird nicht abflauen

Die deutschen Behörden reagierten gelassen. Es gebe keinerlei Hinweise auf Fremdeinwirkung, die zum Tode von Cheema geführt haben könnten, sagte eine Sprecherin der Berliner Justizbehörde. Der Fall sei - wie üblich bei Suiziden in der Haft - eingehend von der Polizei untersucht worden. Foltervorwürfe wurden ebenfalls zurück gewiesen. Dies werde auch eine Autopsie der Leiche ergeben, die am Montag stattfinden solle.

Ob die deutschen Erklärungen die Aufregung in Pakistan beruhigen können, ist mehr als unwahrscheinlich. Viele Zeitungen und Fernsehsender neigen dort zu Verschwörungstheorien und sind mehr oder minder religiös geprägt. Aus deren Sicht ist der Selbstmord eines Muslims so oder so nicht recht glaubwürdig.

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