Guttenberg gegen Schulz I'm Dynamite

Rhetorisches Kräftemessen im Bierzelt: CSU-Chef Horst Seehofer schickt Politexilant Karl-Theodor zu Guttenberg in den Wahlkampf. In Niederbayern redet er Zelt an Zelt mit SPD-Kanzlerkandidat Martin Schulz.

CSU-Generalsekretär Andreas Scheuer, Karl-Theodor zu Guttenberg (r.)
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CSU-Generalsekretär Andreas Scheuer, Karl-Theodor zu Guttenberg (r.)

Von , Abensberg


Es klingt wie damals. Als er noch der Hoffnungsträger seiner Partei war. "'Cause I'm T.N.T., I'm dynamite, and I'll win the fight." Der Refrain des AC/DC-Klassikers dröhnt aus den Lautsprechern, als Karl-Theodor zu Guttenberg die Bühne betritt in diesem proppevollen Festzelt in Niederbayern.

Guttenberg ist zurück, zu Besuch aus Amerika und mischt auf Wunsch von Parteichef Horst Seehofer erstmals seit Rücktritt und Rückzug wieder in einem CSU-Wahlkampf mit. In der vergangenen Woche trat er vor Anhängern im fränkischen Kulmbach auf, am Sonntag saß er bei Anne Will in der Talkshow und an diesem Montag auf dem politischen "Gillamoos" zum rhetorischen Kräftemessen im Bierzelt.

Fluktuation ist bei den anderen

Der Ort für seine Bierzelt-Wiedertaufe ist sorgsam gewählt. Der politische Frühschoppen im niederbayerischen Abensberg ist so etwas wie der Höhepunkt des Wahlkampfes in Bayern. 2009 hatte Guttenberg hier einen gefeierten Auftritt und rockte mit einer AC/DC-Coverband.

Das Prinzip der Veranstaltung: Fünf Vertreter von fünf politischen Parteien sprechen parallel, das Publikum zirkuliert zwischen den Zelten.

So spricht an diesem Montag ein paar Meter weiter SPD-Kanzlerkandidat Martin Schulz, in anderen Zelten Christian Lindner (FDP), Cem Özdemir (Grüne) und Hubert Aiwanger von den Freien Wählern. Im nahen Schlossgarten spricht zudem AfD-Chef Jörg Meuthen.

Die Kräfteverhältnisse auf dem Abensberger Festplatz sind indes klar pro Guttenberg verteilt: Fluktuation ist höchstens bei den anderen. Wer einmal mit über 3000 Nachbarn bei der CSU sitzt, der sitzt. Oder er steht in den Gängen. Oder er drängt sich mit Guttenbergs Tross hinein oder hinaus aus dem Bierzelt, um vielleicht ein Händeschütteln oder ein verschwitztes Selfie zu erlangen.

Guttenberg, das wird mit jedem seiner Auftritte in diesem Wahlkampf klarer, ist dabei, sich ein wirkungsvolles Narrativ aufzubauen: Das des Außenseiters, der nicht zur politischen Kaste gehört. So hatte er sich auch schon am Vorabend inszeniert, als er bei Anne Will saß und das TV-Duell von Martin Schulz und Angela Merkel analysierte - ganz so, als er ein Neutraler.

Verwegene Dialektik

Der Landrat und CSU-Kreisvorsitzende Martin Neumeyer, der Guttenberg auf der Bühne begrüßt, erklärt die verwegene Dialektik so: "Er unterstützt die CSU in diesem Wahlkreis, weil er den Blick von außen hat." Darum sorge Guttenberg für ein "rattenvolles Zelt".

Der zwischenzeitlich Verlorengegangene ist somit wieder aufgenommen in die christsoziale Gemeinschaft. Deren Credo formuliert der Landrat Neumeyer so: "Morgens, wenn die Sonne lacht, dann hat es die CSU gemacht."

Aber war da nicht mal was? Die abgeschriebene Doktorarbeit, der einstweilige Abschied von politischen Ämtern, die Übersiedlung in die USA? Guttenberg wandelt das heikle Thema in einen Lacher. Er begrüßt einen der anwesenden CSU-Honoratioren ausdrücklich mit dessen Doktortitel. "Da muss ich besonderen Werte darauf legen", sagt Guttenberg. Im Zelt finden sie das witzig.

Ansonsten gibt sich der ehemalige Bundesminister reumütig: Er habe "dunkle Stunden" durchlebt, die seien "selbstverschuldet" gewesen. Nach dem Hinfallen habe er sich aber den Mund abgewischt und sei aufgestanden. Auch in diesem Motiv ist Guttenberg sehr amerikanisch: Der Mann, der nach dem Fehler eine zweite Chance verdient hat.

Im Hamsterrad

Doch Guttenbergs Bescheidenheit klingt wie ein Machtanspruch. Er sagt: "Wenn sie in diesem Hamsterrad der großen Politik drin sind, geht der Blick verloren für die größeren Zusammenhänge."

Will heißen: Er selbst, der Außenseiter, weiß, was wesentlich ist.

Kleinteilig nimmt sich im Vergleich die Rede aus, die Martin Schulz im Jungbräu-Zelt gegenüber hält. Obwohl doch Schulz eigentlich eher von außen, von unten kommt als Guttenberg. Es ist rauchiger als bei der CSU, der Dampf der vielen gegrillten Haxen und Hähnchen hängt unter der Plane des Zeltes. Schulz beginnt ein paar Minuten verspätet, seinen Bierkrug stellt er ohne Trinkspruch ab.

Schulz hat am Vorabend, im TV-Duell, viel über Flüchtlinge, Zuwanderung, Integration geredet. Heute, auf dem Volksfest, will er vor allem über Gerechtigkeit reden. Das Zelt ist gut gefüllt.

Kanzlerkandidat Schulz
AFP

Kanzlerkandidat Schulz

Schulz sagt: "Wir sind ein wohlhabendes Land, aber das heißt nicht, dass alle Menschen wohlhabend sind." Frauen seien im Vergleich zu Männern unterbezahlt, und viele Pflege- und Erziehungsberufe ganz besonders. Schulz spricht sich für kostenfreie Kitas aus. Er wirbt: "Es gibt jemanden, der will die Vergangenheit verwalten, der heißt Angela Merkel. Und es gibt jemanden, der will die Zukunft gestalten, der heißt Martin Schulz."

Der Kanzlerkandidat ruft nicht die Begeisterung hervor wie Guttenberg gegenüber. Aber die Startchancen beim Gillamoos sind auch ungleich verteilt, für Schulz ist es ein Auswärtsspiel in Bayern.

Als die Redner in den anderen Zelten schon längst fertig sind, stehen sie bei der CSU noch auf der Bühne. Guttenberg bekommt von seinen Parteifreunden ein Präsent überreicht, das halb in Bayern- und halb in Hollywood-Papier verpackt ist. Er setzt den geschenkten Filzhut auf und sagt: "Gott sei Dank, keine Baseball-Mütze mehr. Das ist Heimat. Vielen Dank."

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schulz-fan 04.09.2017
1.
Ok, jedem kann es passieren, eine Fußnote zu vergessen. Bei einer 500-Seiten-Arbeit ist das kein Grund zur Verdammnis. Aber das Guttenberg Wahlkampf ohne Inhalte macht, und dafür auch noch Applaus bekommt, das ist ein Armutszeugnis.
fire ant 04.09.2017
2. Da wird offenbar mal vorgefühlt..
Warum wird KTG zu diesem Zeitpunkt reaktiviert? Will man mal vorfühlen, ob er beim Volk noch zieht bzw. wie die Presse auf ihn reagiert? Ein Schelm, der Böses dabei denkt. In Bayern hat er natürlich Heimspiel. Wie dort mit gefallenen Helden umgegangen wird, sieht man am Phönix Herrn Hoeness.
r_dawkins 04.09.2017
3. Wenn ich diese beiden Herren sehe
schüttelt es mich. Nie könnt´ ich mir vorstellen Persönlichkeiten wie Scheuer, zu Guttenberg, Söder, Dobrinth, Seehofer meine "Stimme", also meine Zustimmung zu geben, mich von ihnen auf politischer Ebene vertreten zu lassen. Denn Christlich und Sozial sind nur der Name, im Gebaren dieser Herren kommen diese Attribute doch viel zu wenig zur Geltung! Unter "christlichen Werten" verstehe ich Nächstenliebe, Offenheit, Toleranz und Barmherigkeit! - "sozial" ist ähnlich gelagert, nur noch ergänzt mit dem humanistischen Ziel der größtmöglichen Freiheit. Diese unsere "westlichen Werte" vertreten diese Herren kaum, und gepaart mit der ihnen eigenen Inkompetenz sind diese Menschen für mich UNWÄHLBAR.
Kapustka 04.09.2017
4. KT zieht mehr als Schulz
Auch ein Fingerzeig. Der Vizekanzlerkandidat hat im Wahlkampf insgesamt sehr magere Zuhörerzahlen bei seinen Auftritten.
hle 04.09.2017
5. Inflationsmässig die Beiträge zu Gutenberg
Meine Güte SPON, soviele Beiträge über den Herrn Plagiator. Warum bereitet man dieser Person so eine breite Basis? Sind das gut bezahlte Imagebeiträge, oder wie muss man sich erklären, dass dem Herrn G. so viele mediale Aufmerksamkeit gewidmet wird. Jeder andere Politiker mit einer guten Ausbildung hat mehr zu sagen, als dieser Hochstapler. Man sagt zwar immer, das Volk bekommt die Politiker, die es gewählt hat, aber hier, in meinen Augen, wird eindeutig eine Person mit aller Kraft wieder versucht in den Vordergrund zu drücken.
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