Karnevalswitze über Wulff: "Christian, der Geschmierte"

Von , Köln

Der Bundespräsident als Pointenlieferant: Im Kölner Karneval amüsieren sich Büttenredner und Publikum über das Staatsoberhaupt. Und manche ziehen sogar Vergleiche mit einem vorerst gescheiterten Politiker.

Kölner Karneval: Wulff und die Mailbox Fotos
SPIEGEL ONLINE

Wer soll das bezahlen, wer hat das bestellt, wer hat so viel Pinkepinke, wer hat so viel Geld? (Kölsches Karnevalslied)

Christian Wulff hat in der Vergangenheit des Kölner Karnevals wohl noch nie eine größere Rolle gespielt. Der CDU-Politiker war immer zu durchschnittlich, zu farblos, zu sehr Seitenscheitel und Anwalt, zu wenig Machiavellist und Lebemann. Die Rheinländer lieben schillerndere Figuren, sehnen sich nach Schulterklopfern und Umarmern, nach Strippenziehern und Kraftmeiern, nach Typen, wie Willy Millowitsch sie verkörpert hat, bauernschlau und durchtrieben, aber mit dem Herz am richtigen Fleck.

Insofern ist es vielleicht sogar für den Bundespräsidenten Wulff eine Art Ritterschlag, dass er sich mit seiner multiplen Affäre (Kredit, Anruf beim "Bild"-Chefredakteur, Buch) plötzlich im Epizentrum des Karnevals wiederfindet. Der "Kölner Stadtanzeiger" schrieb bereits, Wulff würde zum "Witz der Session" - also zum Witz der Saison. Und der derzeit vielleicht beste Kölner Büttenredner, Marc Metzger, ein scharfzüngiger Dampfplauderer in übergroßen Klamotten, verkündet am Mittwochabend: "Es gibt kein anderes Thema."

Wobei sich sowohl Metzger als auch sein Publikum eher über die Ungeschicklichkeit des Präsidenten amüsieren können, als dass sie sich über dessen mögliche moralische Verfehlungen empören wollen. Wulff sei "bescheuert", der "Bild"-Zeitung auf den Anrufbeantworter zu quatschen, demnächst solle er doch gleich eine Mail schreiben. Und: "Da entschuldigt der sich 20 Minuten lang dafür, dass er einen kennt, der ihm geholfen hat", so der Büttenredner. "Ich als Kölner hab das Problem gar nicht verstanden."

An einem Tisch ziemlich in der Mitte des 1400 Menschen fassenden Saals wird in diesem Moment nicht nur brüllend gelacht, sondern auch heftig genickt. "Ja, ja, ja", ruft die Teufelin Martina, 59, und wischt sich die Tränen aus den übertrieben stark geschminkten Augen. Ihr spricht der Komiker ganz offenkundig aus der Seele.

Die Kölner und ihre Ambiguitätstoleranz

Köln, so sagt man, sei die nördlichste Stadt Italiens, weil Klüngel und Korruption hier verbreiteter sein sollen als irgendwo sonst in Deutschland. "Man kennt sich, man hilft sich", ist so ein Satz, den jeder Kölner im Schlaf aufsagen kann, und der Kabarettist Jürgen Becker schrieb einmal im SPIEGEL: "Ambiguitätstoleranz nennen Wissenschaftler die Fähigkeit, Dinge auszuhalten, die nicht so sind, wie sie sein sollten. Die meisten Rheinländer kennen das Wort nicht, die Fähigkeit sehr wohl."

Und dann erzählte Becker folgende Geschichte: "Mein Freund, der Autor Dietmar Jacobs, reiste mit seinen beiden Töchtern, sechs und zwei Jahre alt, nach Berlin. Doch bereits die kurze Taxifahrt vom Bahnhof ins Hotel scheiterte. 'Nee, die Kleene kann ick nich mitnehmen. Die brauch 'ne Schaale.' Das zweite Taxi in der Schlange war ebenfalls tabu. 'Ick hab keenen Sitz für die Kleene, dat jeht nich.' Dem dritten Taxifahrer versicherte der Vater, dass er das Kind anschnallen und die Verantwortung übernehmen werde. 'Nee, uff keenen Fall. Det is jejen det Jesetz.'

Keines der zehn Berliner Taxis nahm sich des gestressten Trios an, sie mussten die Strecke zu Fuß bewältigen. Zurück in Köln stiegen die drei am Hauptbahnhof ins Taxi. Der Fahrer drehte sich grinsend um und meinte im breitesten Kölsch: 'Für normal darf ich üch jo janit metnemme - ävver et hilf jo nix, de Pänz müsse jo no huss', lachte und fuhr los. (Normalerweise darf ich euch nicht mitnehmen, aber es hilft ja nichts, die Kinder müssen ja nach Hause.)"

Soweit Jürgen Becker und sein rheinisches Leben-und-leben-lassen. Zurück zu Heidi und ihrem Mann Jürgen, 61, der zur Prunksitzung der ältesten Karnevalsgesellschaft Kölns als Marineoffizier angetreten ist. Wie viele ihrer Tischnachbarn nehmen die Versicherungskauffrau und der Beamte die Wulffschen Volten mit großer Gelassenheit. Zwar finden sie, die Sache mit dem Kredit sei "wohl nicht so ganz korrekt gelaufen", aber Rücktritt? "Also, nee, ich weiß nicht."

"Guttenberg ist am Kopierer gescheitert, Wulff am Anrufbeantworter"

Nach einer am Dienstag veröffentlichten Erhebung für die ARD stehen allerdings immer weniger Bürger hinter dem Bundespräsidenten. Demnach sprachen sich nur noch 46 Prozent dafür aus, dass Wulff weiter im Amt bleiben sollte. Dies waren zehn Prozentpunkte weniger als bei einer Umfrage des Senders am vergangenen Donnerstag. Ebenfalls 46 Prozent der Befragten sind demzufolge für einen Rücktritt. Bei der letzten Erhebung waren es noch 41 Prozent.

In der Erhebung, die in der Sendung "Hart aber fair" präsentiert wurde, ging es auch um einen möglichen Nachfolger für Wulff. 58 Prozent der Deutschen vertreten die Meinung, dass Bundeskanzlerin Angela Merkel den früheren Chef der Stasiunterlagenbehörde, Joachim Gauck, als überparteilichen Kandidaten vorschlagen sollte. 31 Prozent sind dagegen.

Der Humorist Metzger hat indes ganz andere Vorstellungen: Die Kanzlerin, erzählt er, habe bereits den ehemaligen Verteidigungsminister Karl-Theodor zu Guttenberg angerufen und ihm gesagt, da werde demnächst eine Position frei. "Und mit Guttenberg kann nichts passieren, der kann den Kredit ja abschreiben", wortwitzelt er.

Der Komiker Guido Cantz, der ebenfalls am Mittwochabend bei der Prunksitzung der Kölner Karnevalsgesellschaft "Die Große von 1823" auftritt, entdeckt sogar grundsätzliche Parallelen in den politischen Biografien der Unionspolitiker: "Beide hatten Probleme mit Bürogeräten. Guttenberg ist am Kopierer gescheitert, Wulff am Anrufbeantworter."

Und WDR-Moderator Bernd Stelter ("Ich hab drei Haare auf der Brust, ich bin ein Bär") betätigte sich bereits vor Tagen altphilologisch, wie der "Stadtanzeiger" überlieferte: Wulffs Vorname stamme aus dem Griechischen, so der Nebenerwerbskarnevalist. "Da hieß Christian früher 'Der Gesalbte', heute würde man sagen 'Der Geschmierte'."

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insgesamt 5 Beiträge
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1. Doch noch zu was gut
Adrenalina 12.01.2012
Die Politclowns des Jahrzehnts - Christian der Geschmierte und Karl Theodor der Gegelte. Wenigstens zum Amüsement zur Karnevalszeit taugen sie.
2. tschingerdassabumm
Gebetsmühle 12.01.2012
Zitat von sysopDer Bundespräsident als Pointenlieferant: Im Kölner Karneval amüsieren sich Büttenredner und Publikum über das Staatsoberhaupt. Und manche ziehen sogar Vergleiche mit einem vorerst gescheiterten Politiker. Karnevalswitze über Wulff: "Christian, der Geschmierte" - SPIEGEL ONLINE - Nachrichten - Politik (http://www.spiegel.de/politik/deutschland/0,1518,808639,00.html)
auf die karnewallszüge dieses jahr freu ich mich jetz schon. die wulff-wägen, das wird ein spaß.
3. .
OliverRöseler 12.01.2012
Vielleicht sollte der Staatsanwalt dann dieses Jahr keinen Urlaub planen: Mailbox-Affäre: Anwalt: Witze über Wulff können ins Gefängnis führen - Politik - Aktuelle Politik-Nachrichten - Augsburger Allgemeine (http://www.augsburger-allgemeine.de/politik/Anwalt-Witze-ueber-Wulff-koennen-ins-Gefaengnis-fuehren-id18244891.html)
4. Es ist traurig...
helmutderschmidt 12.01.2012
aber ich habe selten so gelacht. Den finde ich wirklich > sau < gut "Guttenberg ist am Kopierer gescheitert, Wulff am Anrufbeantworter"
5. Jo
Willi Wacker 12.01.2012
Zitat von Gebetsmühleauf die karnewallszüge dieses jahr freu ich mich jetz schon. die wulff-wägen, das wird ein spaß.
... Hoch auf dem gelben Wagen
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