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Appell von Historikern: Von der Leyen soll Kasernen umbenennen

Appell zur Umbenennung: Umstrittene Kasernen-Namen Fotos
DPA

Zahlreiche Kasernen der Bundeswehr tragen Namen umstrittener Weltkriegsgeneräle. Historiker fordern von Verteidigungsministerin von der Leyen jetzt eine Umbenennung.

Hamburg/Kaufbeuren - Paul von Hindenburg ernannte Adolf Hitler zum Kanzler. General von Mudra forderte nach der Niederlage von 1918 einen neuen Krieg im Westen zur "endgültigen Abrechnung mit dem Erbfeinde". Die Namen der beiden Nationalisten zieren weiterhin Kasernen der Bundeswehr.

Es sind Benennungen wie diese, gegen die sich nun rund 30 Historiker wehren: Sie fordern Verteidigungsministerin Ursula von der Leyen zum Handeln auf. In einem Schreiben, das SPIEGEL ONLINE vorliegt, verlangen die deutschen und internationalen Geschichtswissenschaftler von der Ministerin, zahlreiche Kasernen umzubenennen.

Manche Kasernen trügen noch die Namen von Offizieren des Ersten Weltkriegs, die sich Kriegsverbrechen schuldig gemacht oder extrem nationalistische Ansichten vertreten hätten. 100 Jahre danach sei es ein "Anlass zum Innehalten, Nachdenken und zur Neuorientierung".

Die Historiker meinen außerdem Standorte der Bundeswehr wie eine Kaserne in Hannover, die nach Otto von Emmich benannt ist. Der General habe im Ersten Weltkrieg als Kommandierender Ausschreitungen gegen die Zivilbevölkerung in Belgien zu verantworten, erklärten die Unterzeichner. Zu ihnen zählen unter anderen die Historiker Jochen Böhler, Wolfram Wette, Manfred Messerschmidt und der Friedensforscher Werner Ruf.

Grüne fordern umfassende Überprüfung

Im Bundesverteidigungsministerium hieß es nach Eingang des Briefes, die Hinweise der Historiker würden in eine laufende Diskussion über Kasernennamen einfließen. Dazu laufe seit vielen Jahren ein umfassender Dialog mit den Standorten und den Kommunen, der schon zu mehreren Namensänderungen geführt habe und der von Militärhistorikern begleitet werde.

Im Fall von zwei Beispielen, welche in dem Brief an Ministerin von der Leyen erwähnt werden, laufen demnach schon länger Gespräche mit den Kommandeuren der Standorte, den Soldaten und den Städten.

Die Grünen forderten das Verteidigungsministerium zum zügigen Handeln auf. "Von der Leyen muss endlich eine umfassende Überprüfung der Namen von Bundeswehreinrichtungen einleiten", sagte die Verteidigungsexpertin Agnieszka Brugger SPIEGEL ONLINE. "Kasernen einer Parlamentsarmee sollten nur die Namen von Persönlichkeiten tragen, die sich um Demokratie, Rechtsstaatlichkeit und Freiheit verdient gemacht haben", so Brugger weiter.

Junge Soldaten gaben Anstoß zur Umbenennung

Bisher werden Kasernennamen meist nur diskutiert worden, wenn sie an Nazi-Größen erinnerten. In den letzten Jahren wurden deswegen immer wieder einzelne Standorte umbenannt. So taufte die Bundeswehr im Herbst 2012 die damalige General-Konrad-Kaserne in Bad Reichenhall in Hochstaufen-Kaserne um - den Anstoß dazu hatten junge Soldaten bereits acht Jahre vorher gegeben.

Die Kaserne war nach dem General der Gebirgstruppe, Rudolf Konrad, benannt. Er wurde von Hitler persönlich zum Kommandierenden General ernannt und ließ bei der Partisanenbekämpfung auf der Krim ganze Ortschaften zerstören.

Das Beispiel Bad Reichenhall war in der Amtszeit von Thomas de Maizière als Verteidigungsminister nicht die einzige Umbenennung. Auch die General-Kübler-Kaserne in Mittenwald und General-Medem-Kaserne in Holzminden hatten in den vergangenen Jahren neue Namen bekommen. General Ludwig Kübler und Generalleutnant Gerhard Hans Medem spielten im Zweiten Weltkrieg teils umstrittene Rollen.

Andere Kasernen wurden im Zuge der Bundeswehrreform geschlossen. Den Grünen gingen die Umbenennungen trotzdem nicht weit genug: 2012 forderte die Bundestagsfraktion die rasche Tilgung des Namensträgers Erwin Rommel von allen Bundeswehrstandorten. Der Name des berühmten Nazi-Generals hängt bis heute an der Rommel-Kaserne in Augustdorf und an der Rommel-Kaserne in Dornstadt.

Spagat bei der Traditionspflege

Der Fall Rommel zeigt, wie schwer sich die Bundeswehr bis heute mit dem Spagat aus der Pflege der Tradition der deutschen Streitkräfte und der politischen Sensibilität im Fall von berühmten Nazi-Militärs tut. So wird Rommel, der als "Wüstenfuchs" in die Geschichtsbücher einging, bis heute in Teilen der Bundeswehr als Held gesehen, der mit dem Unrechtsregime der Nazis nur wenig zu schaffen hatte.

Jedoch: Obwohl er nie Mitglied der Hitler-Partei NSDAP, stieg er in der Wehrmacht steil auf und hatte nach Ansicht von Historikern sogar ein enges Verhältnis zum Diktator. Bisher aber wurde sein Name nicht von den Kasernen getilgt.

fab/mgb/kes/dpa

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