Katerstimmung nach Parteifeier Bierernster Aufstand gegen Wowereit

Berlins Bürgermeister Klaus Wowereit hat Ärger mit der Basis. Die Genossen maulen über "exorbitante" Bierpreise auf Parteifesten in "Yuppie-Szene-Locations". Der Konflikt ist symptomatisch für die Kluft zwischen Wowereits Hauptstadt-Chic und den einfachen Parteifreunden.

Wowereit (SPD): Beim Bier versteht die Basis keinen Spaß
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Wowereit (SPD): Beim Bier versteht die Basis keinen Spaß


Berlin - Wenn sich die Berliner SPD am Sonnabend zum Landesparteitag trifft, wird um Integration gestritten, über die Strategie für die Wahlen 2011 - und über ein weiteres heikles Thema: die Bierpreise auf Parteifesten.

Ein Antrag der Jusos und eines Kreisverbands kritisiert die "teils exorbitanten Preise" auf dem Sommerfest im September, die Parteibasis fordert für künftige Feiern einen "Grundstock an alkoholfreien Getränken, Bier, Wein und Snacks zu verbilligten Preisen".

Der Berliner Bierstreit mag mickrig wirken, doch er ist symptomatisch: Während der Regierende Bürgermeister Klaus Wowereit die Partei auf Hauptstadt-Chic trimmt, mault die Basis in den Bezirken gegen SPD-Feiern in "Yuppie-Szene-Locations".

Wowereit und Landesparteichef Michael Müller wollen die Partei für die Kreativen Berlins attraktiver machen. Die SPD soll sich cool und angesagt geben. Dazu gehören auch die passenden Orte für Parteifeiern. Zum Sommerfest traf man sich nicht mehr wie früher nahe der Parteizentrale im Arbeiterbezirk Wedding, sondern im "Radialsystem V" - einem alten Pumpwerk an der Spree, direkt an der Grenze der Bezirke Friedrichshain, Kreuzberg und Mitte. Es ist ein angesagter Veranstaltungsort des kreativen Berlin.

"Zwei Euro sind in Ordnung - drei sind übertrieben"

Wo sonst expressives Tanztheater aufgeführt wird oder sich Internet-Vordenker austauschen, hielt Klaus Wowereit eine stimmungsvolle Rede über die Rolle der Hauptstadt-Sozialdemokraten. Bundesgeneralsekretärin Andrea Nahles stieß mit dem Altgenossen Wolfgang Thierse an.

"Die Parteiführung wollte wohl ausdrücken: Schaut her, wie cool wir sind", sagt der Berliner Juso-Chef Christian Berg. Doch das sei kräftig in die Hose gegangen.

Denn was sich die Parteigrößen leisteten, wollten Basis-Sozis nicht zahlen. Ein kleines Bier kostete drei Euro, ein Glas Wein mehr als vier Euro. Die Preisklasse des angesagten "Radialsystem V" war nicht die der Parteibasis.

"Zwei Euro sind in Ordnung", sagt Christian Berg, "drei Euro sind übertrieben."

Die Jusos reichen nun zusammen mit Bezirksverband Tempelhof-Schöneberg den Antrag "Gelebte Solidarität auch bei Parteifesten möglich machen" beim Landesparteitag ein. Eine Partei, die sich Solidarität und Gerechtigkeit verpflichtet fühlt, müsse für faire Getränkepreise sorgen, heißt es darin. Die Antragsteller wollen auf keinen Fall als Billigtrinker dastehen. "Freibier ist nicht unsere Definition von Solidarität", schreiben sie.

Es geht um billigeres Bier - und um den Kurs der Partei

In der Tat: Es geht nicht nur ums Bier, sondern um den Kurs der Partei in der Hauptstadt. Parteifeste sollen laut Antrag nur noch an Veranstaltungsorten stattfinden, an denen "humane Verpflegungspreise" verlangt werden. "Yuppie-Szene-Locations" dürften nicht von der SPD finanziert werden, heißt es im Antrag.

Für Juso-Chef Christian Berg hat die Partei genau den falschen Ort ausgesucht: Das Radialsystem ist zwar bei den Kreativen beliebt, liegt aber mitten im Gebiet von "Mediaspree", einem Zusammenschluss von Investoren, der das Spreeufer zubauen und vermarkten will. Für die Berliner Basis ein Feindbild, das die alternative Szene verdrängt. Die Jusos hatten, anders als der Senat unter Wowereit, auch einen erfolgreichen Bürgerentscheid gegen "Mediaspree" unterstützt.

"Mit dem Ort haben wir ein großes Problem", sagt Christian Berg. Die Parteiführung sende falsche Botschaften - an die Basis sowie an die umworbenen Kreativen. Die gewinne man nicht mit Veranstaltungen an exklusiven Orten, die man über hohe Bierpreise subventioniert.

Bei der Parteiführung heißt es nun, man habe einfach einen schönen Ort auf der ehemaligen Grenze gesucht - schließlich wurden im September auch 20 Jahre Zusammenschluss von West- und Ost-SPD gefeiert. Landesgeschäftsführer Rüdiger Scholz lobt immerhin "den guten Vorschlag" der Antragsteller. Er sagt: "Grundsätzlich wollen wir in erster Linie politische Arbeit finanzieren und nicht Speis' und Trank subventionieren."



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Seite 1
Ludwig Schmidt 04.11.2010
1.
Zitat von sysopDie Hauptstadt rüstet sich für einen Mega-Wahlkampf zwischen der Grünen-Spitzenfrau und dem SPD-Schwergewicht. Renate Künast gegen Amtsinhaber Klaus Wowereit - wer soll ab kommenden September Berlin regieren?
Im Status Regierender Bürgermeister hoffentlich gar keiner, oder zumindest nicht mehr lange. Es ist eine Verwaltungsreform ersten Ranges anzustreben: Fusion der Länder und Länderaufgaben zwischen BB und B mit der Hauptstadt Potsdam. Der Koordinierungsaufwand zwischen den Ländern ist ohnehin schon immens groß. Der Bund bekommt Sonderaufgaben, die ja hier vornehmlich Sonderausgaben sind, aufgrund des Hauptstadtstatus` zugesprochen bzw. zugeteilt. Der Bürgermeister von Berlin wird OB, also Landrat, wie in München und F/Main, die Stadtteilbürgermeister werden Gemeindebürgermeister. Ob der Landrat/ die Landrätin dann Künast, müsste das nicht eigentlich KünastIn heißen, oder Wowi heißt, ist mir dabei schnuppe-obwohl Wowi mir persönlich sowohl programmatisch wie persönlich angenehmer wäre und das auch als Regierender Bürgermeister. So schlecht macht er seine Sache nicht, und Rot-rot ist mir auch lieber als Rot-Grün.
Brand-Redner 04.11.2010
2. Optionen
Zitat von sysopDie Hauptstadt rüstet sich für einen Mega-Wahlkampf zwischen der Grünen-Spitzenfrau und dem SPD-Schwergewicht. Renate Künast gegen Amtsinhaber Klaus Wowereit - wer soll ab kommenden September Berlin regieren?
Nun, wenn wir mal vorsichtig davon ausgehen, dass wohl eine absolute Mehrheit für die Grünen eher unwahrscheinlich ist, dann erhebt sich die Frage: Mit wem will denn Frau Künast gern regieren? Wer wäre zu dieser Koalition bereit, noch dazu als Juniorpartner?
aat 05.11.2010
3. Ahnung
Zitat von sysopDie Hauptstadt rüstet sich für einen Mega-Wahlkampf zwischen der Grünen-Spitzenfrau und dem SPD-Schwergewicht. Renate Künast gegen Amtsinhaber Klaus Wowereit - wer soll ab kommenden September Berlin regieren?
Weder noch, am besten jemand der sein Handwerk versteht. Das ist aber bei beiden Bewerbern nicht gegeben. Vielleicht gibt es irgendwo in der zweiten Reihe der SPD einen geeigneten Kandidaten.
Henner Dehn, 05.11.2010
4.
Zitat von sysopDie Hauptstadt rüstet sich für einen Mega-Wahlkampf zwischen der Grünen-Spitzenfrau und dem SPD-Schwergewicht. Renate Künast gegen Amtsinhaber Klaus Wowereit - wer soll ab kommenden September Berlin regieren?
ist im Prinzip völlig Wurscht. Da trifft wieder der Spruch Pest oder Cholera zu ;)
Kurt2, 05.11.2010
5. #3
Zitat von Brand-RednerNun, wenn wir mal vorsichtig davon ausgehen, dass wohl eine absolute Mehrheit für die Grünen eher unwahrscheinlich ist, dann erhebt sich die Frage: Mit wem will denn Frau Künast gern regieren? Wer wäre zu dieser Koalition bereit, noch dazu als Juniorpartner?
Diese Frage stellt sich nicht. Frau Künast hat nach heutiger Sicht ebensowenig eine Wahl wie Herr Wowereit. CDU und "Linkspartei" werden den Abstand kaum aufholen können. Außerdem steht es Spitz auf Knopf und wenn Frau Künast engültig aus der Deckung kommt und die Grünen mit den Berliner Fragen konfrontiert werden, ist es schnell vorbei mit dem grünen Höhenflug. Bei Wowereit und der SPD hat dieser Prozess schon stattgefunden. Ich bin mir allerdings nicht sicher, ob Wowereit noch der Richtige ist. Zeigt er doch arge Verschleißerscheinungen. (Vielleicht gibt's ja auch für ihn einen Posten bei der FES :-))
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