Militärbischof zur Drohnen-Debatte "Unschuldige dürfen nicht sterben"

Wenn es nach der Regierung geht, darf die Bundeswehr bald Kampfdrohnen einsetzen. Der Militärbischof Franz-Josef Overbeck kritisiert im Interview, dass der Krieg per Fernsteuerung die Schwelle zur Gewaltanwendung senkt - und die Ausbildung der Soldaten sich damit noch nicht befasst.

Mit Hellfire-Raketen bewaffnete US-Drohne: "Schwellen zur Gewaltanwendung runtergesetzt"
dapd

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SPIEGEL ONLINE: Herr Bischof Overbeck, Verteidigungsminister Thomas de Maizière will, dass die Bundeswehr Kampfdrohnen einsetzen darf. Sie haben gemeinsam mit dem Trierer Bischof Stephan Ackermann eine Erklärung veröffentlicht, in der Sie die Pläne kritisieren. Was befürchten Sie?

Overbeck: Mit der Einführung dieser Waffensysteme könnten die politischen und mentalen Schwellen zur Gewaltanwendung heruntergesetzt werden. Wir brauchen eine Diskussion, damit das verhindert wird.

SPIEGEL ONLINE: Aber ist das wirklich neu? Der Soldat, der aus einem U-Boot einen Torpedo abfeuert ist ähnlich weit vom Kampfgeschehen entfernt wie der, der vom Computer aus eine Drohne steuert.

Overbeck: Das Problem ist nicht neu. Aber es wird durch den Einsatz bewaffneter Drohnen und die damit möglichen Kampfeinsätze verschärft. Außerdem kann es sehr schwierig sein, zwischen Kämpfenden und Unbeteiligten zu unterscheiden. Unschuldige dürfen aber auf keinen Fall getötet werden.

SPIEGEL ONLINE: In der Theorie töten Drohnen den Gegner präzise und gezielt. Ist das nicht ein Vorteil gegenüber Waffen, bei deren Einsatz viele Menschen sterben?

Overbeck: Bei jedem Einsatz sollte es möglichst wenig Tote geben. Ich befürchte nur, dass die Hemmschwelle, Gewalt einzusetzen, durch den Krieg am Computer sinkt. Drohnen dürfen keine Hinrichtungsinstrumente sein. Wir brauchen deshalb höhere ethische Anforderungen an die Soldaten, die diese Computersysteme bedienen.

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SPIEGEL ONLINE: Müssen diese Soldaten anders ausgebildet werden?

Overbeck: Ja. Man muss ein ganz anderes Stresstraining machen. Man muss ganz anders üben, wie man in schwierigen Situationen ethisch reflektieren und urteilen kann - zum Beispiel, wenn man auf dem Bildschirm nicht klar zwischen Kämpfenden und Unschuldigen unterscheiden kann und ein Soldat vor der Frage steht: Löse ich das Kampfsystem aus oder nicht?

SPIEGEL ONLINE: Mit seinen Drohnen-Plänen begeht Thomas de Maizière einen Tabubruch. Haben Sie das von einem christdemokratischen Verteidigungsminister erwartet?

Overbeck: Das ist keine Frage der Parteizugehörigkeit. Wir stehen vor einer neuen Entwicklung angesichts moderner Waffensysteme und weltweiter Auseinandersetzungen. Dem muss sich jeder Verteidigungsminister stellen, unabhängig davon, welcher Religion oder Weltanschauung er angehört.

SPIEGEL ONLINE: Was befürchten Sie angesichts der technologischen Entwicklung?

Overbeck: Es stellen sich doch viele Fragen, etwa welche Wirkung der Einsatz von Drohnen auf die Zivilbevölkerung hat, zum Beispiel in Afghanistan. Was bedeutet es, möglichst umfangreiche militärische Fähigkeiten zu haben, gerade angesichts der Erfahrungen, die wir mit dem Wettrüsten im Kalten Krieg gemacht haben? Braucht die Bundeswehr jedes System, das es auf dem Markt gibt? Das muss in der Öffentlichkeit noch einmal diskutiert werden. Ich empfehle deshalb dem Bundestag ein öffentliches Hearing zu dem Thema.

SPIEGEL ONLINE: Auch der Minister wünscht eine breite gesellschaftliche Diskussion. Aber steht für ihn das Ergebnis nicht schon fest - die Bundeswehr wird ihre Drohnen bekommen?

Overbeck: Ich bin jemand, der das offen diskutieren will. Ich erwarte das auch vom Verteidigungsminister. Ich erwarte, dass er da seine Verantwortung wahrnimmt.

SPIEGEL ONLINE: Wie ist denn nun Ihre Haltung?

Overbeck: Es ist nicht meine Aufgabe zu entscheiden, welche Waffensysteme eingesetzt werden - sondern, mit welchen ethischen Maßstäben sie angewandt werden. Das ist die Aufgabe der Kirche.

Das Interview führte Niklas Wirminghaus



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