Hamburgs FDP-Spitzenkandidatin Suding Die Eisbrecherin

In Hamburg könnte gelingen, was die FDP seit anderthalb Jahren herbeisehnt: der Sprung über die Fünfprozenthürde bei einer Wahl. Spitzenkandidatin Suding kämpft mit vielen Mitteln um Stimmen - aber wenig mit Inhalten.

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Hamburg - Für FDP-Anhänger sind die Zahlen berauschend: Die jüngste Umfrage zeigt die Liberalen kurz vor der Landtagswahl in Hamburg bei sechs Prozent. Im Januar waren es vier, im Dezember nur zwei Prozent. Es könnte also tatsächlich sein, dass die Partei nach anderthalb Pleitejahren am kommenden Sonntag erstmals nicht aus einem Parlament gefegt wird.

Ob die Bürgerschaftswahl aber die von Parteichef Christian Lindner so sehr herbeigesehnte "Eisbrecherwahl" wird, die Trendwende für die gesamte FDP, ist damit noch lange nicht gesagt. Denn in Hamburg führt die Partei einen sehr speziellen Wahlkampf.

Die Spitzenkandidatin heißt Katja Suding. Und ihr Name ist gleichzeitig auch die gesamte Botschaft der FDP. Der 39-jährigen ehemaligen PR-Beraterin ist ein Coup gelungen. Mit Methoden, die arg an die Sturm- und Drangzeit des früheren Parteivorsitzenden Guido Westerwelle erinnern, hat sie den ansonsten drögen Wahlkampf um das Hamburger Rathaus aufgemischt.

Schon das erste Wahlplakat im Dezember entlockte vielen Hamburgern ein verwirrtes "hä?". Neben dem Portrait der attraktiven Dunkelhaarigen prangte der Slogan "Unser Mann für Hamburg". Das sollte kein Beitrag zur Genderdebatte sein, wie Suding umgehend erklärte. "Es ist der Auftakt einer Kampagne, über die zunächst einmal geredet werden soll." Das hat geklappt.

Rot-Gelb nicht ausgeschlossen

Bundesweite Beachtung brachte ihr Anfang Januar der "Tagesschau"-Kameraschwenk über ihre Beine beim Dreikönigstreffen der Partei. Bei YouTube avancierte der Clip zum Hit, die Tagesschau entschuldigte sich. Teil ihrer Kampagne war das natürlich nicht, aber der Kandidatin konnte die Aufmerksamkeit nur recht sein. Diese brauche sie, "damit man mir zuhört, wenn ich über meine politischen Positionen spreche", sagte sie später. Das Dumme ist nur: Öffentlich hat man von ihren "politischen Positionen" kaum etwas mitbekommen.

Ein noch größeres Echo fanden Fotos in der Glamour-Zeitschrift "Gala". Gemeinsam mit der Bremer Spitzenkandidatin Lencke Steiner und FDP-Generalsekretärin Nicola Beer posierte Suding elegant gekleidet als "Drei Engel für Lindner" - in Anlehnung an den Hollywood-Film "Drei Engel für Charly". Ob in "Bild", "Handelsblatt", "Westdeutscher Allgemeine Zeitung" oder auch auf SPIEGEL ONLINE: Die FDP war präsent. Nur nicht mit Inhalten.

Schon 2011 hatte die Partei in Hamburg ganz auf Suding gesetzt und war damit erfolgreich. Die traditionell in der Hansestadt eher schwache FDP plakatierte damals ihre Spitzenkandidatin im gelben Friesennerz mit dem schlichten Aufdruck "KatJA" - und schaffte es mit 6,7 Prozent nach Jahren der Abwesenheit zurück in die Bürgerschaft.

Dieses Mal spekuliert Suding gar auf eine Regierungsbeteiligung. Den Umfragen zufolge reicht es für die SPD am Sonntag möglicherweise nicht für eine absolute Mehrheit. Für diesen Fall hat sich Bürgermeister Olaf Scholz zwar bereits für eine rot-grüne Koalition ausgesprochen.

Kritik am Führungsstil

Doch Suding trägt ihm selbstbewusst auch die FDP als Partner an. "Wenn es möglich ist, einen Koalitionsvertrag mit deutlich liberaler Handschrift abzuschließen, warum denn nicht?", sagte sie dem "Hamburger Abendblatt". Für die SPD könnte die Option womöglich doch verlockend sein - wenn die Liberalen in ihren Forderungen weniger forsch auftreten als die Grünen.

In der FDP gab es Protest gegen diese eigenmächtige Festlegung Sudings - und wieder mal Wechsel aus dem engeren Führungszirkel hin zu den Neuen Liberalen, einer linksliberalen Abspaltung der FDP. Sylvia Canel, frühere FDP-Chefin in Hamburg, hatte sich im Herbst 2014 mit Suding überworfen und gründete mit anderen enttäuschten FDP-Mitgliedern die Neuen Liberalen. Seitdem vereint Suding eine Ämterfülle auf sich, die es vorher in der Partei nicht gegeben hatte - und auch nicht geben sollte. Sie ist nicht nur Hamburger Parteivorsitzende und Spitzenkandidatin, sondern auch Fraktionschefin in der Bürgerschaft. Vorwürfe, ihr Führungsstil habe zur Spaltung geführt, weist sie zurück und spricht von einem "Klärungsprozess".

Bildung, Wirtschaft, weniger Staat - das sind ihre Themen im Hamburger Wahlkampf. Es bleibt allerdings auch bei diesen Schlagworten, vielmehr kommt nicht. Suding ist sicher keine mitreißende Rednerin, aber ihre Leidenschaft für Politik und Macht hat sie in den vergangenen vier Jahren bewiesen. Auch Vertreter anderer Parteien attestieren ihr eine ordentliche Arbeit in der Bürgerschaft. Sie will junge Menschen für ihre Partei begeistern und steht in keinem Fall im Verdacht, die Brüderle-FDP der alten Männer und Steuersenkungsforderer zu repräsentieren.

Parteichef Lindner beobachtet die Entwicklung in Hamburg nüchtern. Er weiß, dass die FDP einen langen Weg vor sich hat.

Sollte Suding es tatsächlich schaffen, die FDP in der Bürgerschaft zu halten, wird die Partei sie dennoch als die ersehnte Eisbrecherin feiern. Zumindest bis Mai. Dann steht in Bremen die nächste Landtagswahl an - und da könnte die Eisdecke schon wieder geschlossen sein.

Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 184 Beiträge
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totenkopf75 12.02.2015
1. Mein Gott,
was ist aus der Partei eines Genscher und Lampsdorf geworden. Wollen die aus der Unter5%- Hölle entweichen, müssen die alten Probleme gelöst werden, die sind noch Da!
Desconocido 2 12.02.2015
2. Erschreckend
Erschreckend ist es mmn. wenn ich sehe, dass es immer noch so viele unbelehrbare gibt die die FDP wählen. Haben wir echt so viele Hotelbesitzer in Deutschland? Oder möchten die Wähler wieder belogen werden? Die anderen Parteien können das zwar auch gut, aber die machen es nicht so dreist.
klausbrause 12.02.2015
3.
"Dieses Mal spekuliert Suding gar auf eine Regierungsbeteiligung." Und da behauptet SPON auch noch, Frau Suding hätte keine Inhalte!
bartholomew_simpson 12.02.2015
4. Mittlerweile
ist die F.D.P. überflüssig geworden. Das Gerede von der Leistung, die sich wieder lohnen müsse, kann kein Mensch mehr hören. Nicht Leistung, sondern Beziehungen zählen heute.
omop 12.02.2015
5. Traurig was aus der FDP geworden ist..
die FDP in dieser Verfassung braucht kein Mensch..die AfD steht als Nachfolger bereits bereit. Mit Henkel sollte die 5%-Hürde kein Problem sein.
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