Kennzeichen-Überwachung Jedes Auto ist verdächtig

Die Rechtslage ist so umstritten wie der Nutzen, die Bürger stehen unter Generalverdacht: Mecklenburg-Vorpommerns Polizei hat im großen Stil Autokennzeichen gescannt und mit Fahndungslisten abgeglichen - obwohl das Verfassungsgericht diese Praxis verurteilt hat. Jetzt droht erneut eine Klage.

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Hamburg - Von außen sieht es aus wie ein Radargerät. Aber der graue Kasten, der von Mitte Dezember bis Mitte Juni in Mecklenburg-Vorpommern in der Region Anklam an der Autobahn A11 und an Landstraßen stand, hat es in sich. Es handelt sich um den PoliScan Surveillance, ein Gerät, das automatisch Kennzeichen vorbeifahrender Autos scannt und die so gewonnenen Daten mit einer Fahndungsliste abgleicht.

Von einem Radargerät nicht zu unterscheiden: Mobile Version des Kennzeichen-Scanners PoliScan Surveillance

Von einem Radargerät nicht zu unterscheiden: Mobile Version des Kennzeichen-Scanners PoliScan Surveillance

Das Bundesland besitzt drei dieser Wunderkästen. Bei 49 Einsätzen wurden rund 73.000 Autokennzeichen in der Grenzregion zu Polen fotografiert und überprüft, ganz automatisch. 16 Mal gab der Fahndungscomputer laut Innenministerium Alarm. Erwischt wurden Personen, denen Eigentums- und Diebstahldelikte vorgeworfen werden, aber auch Versicherungsbetrug.

Das Fotografieren von Kennzeichen und das automatische Abgleichen mit Fahndungslisten ist keine Neuheit - aber trotzdem bedenklich. Das Bundesverfassungsgericht hatte im März 2008 die damalige Praxis der Kennzeichen-Überprüfung in Schleswig-Holstein und Hessen überprüft, für verfassungswidrig erklärt und klare Vorgaben gemacht. Ohne konkrete Gefahrenlage und ohne konkreten Fahndungsbestand dürfen die Scanner demnach nicht eingesetzt werden - zu stark sei der Eingriff in die Grundrechte.

Die FDP, Opposition in Mecklenburg-Vorpommern, findet die neuen Kontrollen nun "mehr als bedenklich". Fraktionsgeschäftsführer Gino Leonhard nennt es fraglich, "ob so ein schwerer Eingriff in die Grundrechte gerechtfertigt ist, um Autodiebstähle oder ähnlich minderschwere Straftaten aufzuklären". Seine Partei hat die Landesregierung schon 2008 zu einer Überprüfung der Gesetze aufgefordert und auch später die Rechtmäßigkeit des Kennzeichen-Scannens angezweifelt. Nachdem trotz des Spruchs der Verfassungsrichter "alles beim Alten" geblieben sei, prüfe man nun eine Klage vor dem Bundesverfassungsgericht.

Deutliche Kritik kommt auch vom Datenschützer des Landes, Karsten Neumann. Erste Berichte über die Kontrollen und deren Ergebnisse seien ein "deutlicher Hinweis auf einen Verstoß" gegen das Urteil des Bundesverfassungsgerichts, kritisiert er.

Harte Kritik am Generalverdacht

Die Forderungen der obersten deutschen Richter sind eigentlich klar: Dem flächendeckenden und dauerhaften Kennzeichen-Scan erteilen sie eine Absage. Für den Einsatz der Geräte muss ein konkreter Anlass vorliegen. Sie warnen vor "Einschüchterungsversuchen" und Dauerobservation und fordern, dass die ermittelten Daten umgehend mit einer Fahndungsliste abgeglichen werden. Liegt kein Treffer vor, müsse der Datensatz sofort spurlos gelöscht werden.

Die Großprojekte des Spannerstaats
Vorratsdatenspeicherung
DPA
Seit Anfang 2008 müssen Telekomfirmen sechs Monate lang speichern, wer mit wem, wie lange und von wo aus gemailt oder telefoniert (Handy/Festnetz) hat, das Internet genutzt oder Faxe verschickt hat. Für Internet-Provider, Anbieter von VoIP-Telefonie und E-Mail-Diensten gilt die Speicherpflicht von 2009 an. Sie sollen protokollieren, wer wann unter welchen IP-Adressen das Internet benutzt, an wen er E-Mails versendet und von wem er welche erhalten hat. mehr auf der Themenseite
Bundestrojaner
DPA
Bundesinnenminister Wolfgang Schäuble (CDU) will dem Bundeskriminalamt erlauben, Computer von Verdächtigen heimlich per Trojaner-Software zu durchsuchen, E-Mails zu protokollieren, Dateien auszuwerten. Über die geplante Neufassung des BKA-Gesetzes streitet die Regierungskoalition. Die entsprechende Software scheint einsatzbereit zu sein: Im August 2007 teilte Schäubles Innenministerium der SPD-Bundestagsfraktion schriftlich mit, die sogenannten "Remote Forensic Software" ("Fernforensische Software", RFS) könnte "bei Aufhebung des gegenwärtig verfügten Entwicklungsstopps unverzüglich abgeschlossen" sein. Es gebe schon "fertiggestellte Teilmodule". In einem Urteil zum Verfassungschutzgesetz des Landes Nordrhein-Westfalen setzten die Verassungsrichter in Karlsruhe dem Einsatz solcher Methoden Ende Februar 2008 enge Grenzen.
Biometrischer Pass
DPA
Seit November 2007 geben die deutschen Meldeämter nur noch E-Reisepässe der sogenannten zweiten Generation aus: In einem winzigen Funkchip im Pass sind die Abdrücke der Fingerkuppe beider Zeigefinger gespeichert – seit zwei Jahren enthalten deutsche Reisepässe bereits eine digitale Version des Passbilds. Experten kritisieren am Biometriepass: Der Pass kann selbst nicht feststellen, ob der Schlüssel eines Lesegeräts noch gültig ist. Ist der Schlüssel einmal geknackt, kann man nicht nachrüsten. Heute gilt der Schlüssel als kaum knackbar – aber das könnte mit der in einigen Jahren verfügbaren Rechenkraft ganz anders aussehen. Weiteres Risiko: Deutschland wird anderen Staaten die zum Auslesen nötigen Schlüssel weitergeben. Welche Daten diese Staaten tatsächlich auslesen, ob sie sie speichern, wie sie sie nutzen und schützen, kann Deutschland nicht kontrollieren. Peter Schaar, Bundesbeauftragter für den Datenschutz: "Diese Daten könnten also in Personendatenbanken einfließen." mehr auf der Themenseite
Elektronische Gesundheitskarte
2009 soll bundesweit eine neue Krankenversichertenkarte eingeführt werden. 30.000 Versicherte testen die Speicherkarte in sieben Regionen heute schon. Ein Speicherchip auf der Karte soll zunächst Basisdaten wie Name, Adresse, Krankenkasse speichern; falls die Patienten es wollen, auch Notfallinformationen wie die Blutgruppe. Später soll der Chip aber den Zugang zu auf Zentralrechnern gespeicherten digitalen Krankenakten ermöglichen – hier sollen dann, kontrolliert vom Patienten, Details zu Erkrankungen, Unfällen, Behandlungen, Arztbesuchen und Therapien gespeichert werden. Vor allem die Speicherung persönlicher Daten auf Zentralcomputern macht Datenschützern Sorgen: Dietmar Müller, Sprecher des Bundesbeauftragten für den Datenschutz, sagte im Frühjahr dem Hamburger Abendblatt: "Wir haben Vorbehalte bei der elektronischen Gesundheitskarte. Für den Datenschutz ist es ein Problem, wenn Patientendaten auf zentralen Servern lagern." Denn werden die Daten erst einmal zentral erfasst, wächst nicht nur das Hack-Risiko – solche Datenbanken können auch Begehrlichkeiten für weitere Auswertungsmöglichkeiten wecken. mehr auf der Themenseite
Einige Bundesländer haben ihre Polizeigesetze geändert, um die strengen Auflagen der Verfassungsrichter zu erfüllen. Nicht so Mecklenburg-Vorpommern. Dort begnügte sich das Innenministerium mit einer Verwaltungsvorschrift, die regelt, welche Kennzeichen in die Fahndungsliste aufgenommen werden. Wer nicht wegen einer Straftat gesucht, sondern nur von der Polizei beobachtet wird, landet nach Angaben des Innenministeriums nicht in der automatischen Kennzeichen-Fahndung. Innenminister Lorenz Caffier (CDU) sieht sich damit auf der sicheren Seite. Die Landespolizei greife "nicht in unzulässiger Weise in die Persönlichkeitsrechte der Bürger" ein, außerdem gebe es keine flächendeckenden Kontrollen.

Dass ein Auto im Grenzgebiet unterwegs ist, also dem 30 Kilometer breiten Streifen vor der Grenze zu Polen, scheint ihm Anlass genug zu sein für die Überprüfungen. Datenschützer Neumann fordert, dass in diesem Fall aber die Fahndung auf Fälle grenzüberschreitender Kriminalität beschränkt sein müsse, also auf Schleuser und Dealer. Stattdessen wurde offenbar auch Jagd auf Versicherungsbetrüger gemacht - für Kritiker wie Neumann ein Verstoß gegen die im Verfassungsurteil verlangte Verhältnismäßigkeit. In Mecklenburg-Vorpommern fehle der geforderte enge rechtliche Rahmen.

Aber selbst wenn strenge Vorgaben gemacht werden: "Der Überwachungscharakter für die Bevölkerung bleibt bestehen", sagt Alexander Roßnagel, Professor an der Universität Kassel. Er hat ein Gutachten erstellt, das in der Entscheidung der Verfassungsrichter Beachtung fand. Der Rechtsexperte hat ein Jahr nach dem Urteil überprüft, welche Bundesländer ihre Gesetze angepasst haben - das Ergebnis war ernüchternd. Auch einige Länder, die nach dem Urteil neue Regelungen erlassen haben, verstoßen nach seiner Studie gegen die Vorgaben. So würden die Gesetze in Baden-Württemberg, Bayern, Niedersachsen und Thüringen den Anforderungen gerecht. Andere Länder, darunter Mecklenburg-Vorpommern, beriefen sich auf alte, unzureichende Gesetze und kontrollierten weiter.

Roßnagel hat weiter grundsätzliche Probleme mit der Kennzeichenkontrolle. Denn in Bayern zum Beispiel ist sie auch verdeckt erlaubt. Während des Papst-Besuchs und der Fußball-WM wurde eifrig mit mobilen Geräten gescannt. Außerdem gibt es an bayerischen Autobahnen Anlagen im Dauerbetrieb.

Ein Fall fürs Verfassungsgericht

In Mecklenburg-Vorpommern rufen nun auch die Grünen auf ihrer Website zu Protestbriefen an den Innenminister auf. Der Großversuch überschreite "eindeutig die klaren Grenzen" des Verfassungsgerichts, sagt der Spitzenkandidat und Bundestagsabgeordnete Harald Terpe. Innenminister Caffier müsse "auf solche Methoden verzichten", und die Bürger sollten "sich gegen diese Überwachung zu wehren".

Landesdatenschützer Neumann will nun Akten einsehen und den Pilotversuch in Mecklenburg-Vorpommern eingehend prüfen. Es ist schon der zweite Einsatz der Geräte in dem Bundesland - angeschafft wurden sie vor zwei Jahren, zum G-8-Gipfel in Heiligendamm. Was damals kontrolliert und entdeckt wurde, entzieht sich übrigens der Überprüfung des Datenschützers. Die Polizei habe die Protokolle einfach gelöscht, sagt Neumann.

Aus Sicht des Datenschutzes keine schlechte Lösung - wohl aber aus Sicht des Datenschützers.



Forum - Diskussion über diesen Artikel
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Seite 1
madmax74, 28.07.2009
1. Die Stasi Lebt
und Herr Schäuble baut sie aiuf. hat ja genügent ex stasimitarbeiter eingestellt. wollte ja sogar die akten vernichten lassen. noch 5 jahre und wir haben die DDR wieder hurra sagen die ossis ich hau ab sag ich
der_durden 28.07.2009
2. Verfassungsstaat?
Zitat von sysopDie Rechtslage ist so umstritten wie der Nutzen, die Bürger stehen unter Generalverdacht: Mecklenburg-Vorpommerns Polizei hat im großen Stil Autokennzeichen gescannt und mit Fahndungslisten abgeglichen - obwohl das Verfassungsgericht diese Praxis verurteilt hat. Jetzt droht erneut eine Klage. http://www.spiegel.de/politik/deutschland/0,1518,638526,00.html
Wie soll man dem Bürger, vermitteln, dass er sich an "Recht und Ordnung" halten soll, wenn auf der anderen Seite Staat und Politik nicht einmal Respekt vor dem Verfassungsgericht haben. Die politische Ignoranz in diesem Land ist unerträglich geworden.
frietz, 28.07.2009
3. titel
Zitat von sysopDie Rechtslage ist so umstritten wie der Nutzen, die Bürger stehen unter Generalverdacht: Mecklenburg-Vorpommerns Polizei hat im großen Stil Autokennzeichen gescannt und mit Fahndungslisten abgeglichen - obwohl das Verfassungsgericht diese Praxis verurteilt hat. Jetzt droht erneut eine Klage. http://www.spiegel.de/politik/deutschland/0,1518,638526,00.html
ist denn keiner da, der denen mal richtig eine verpasst. für was brauche ich gerichte, wenn doch jeder macht, was er will?
Leuchtturm 28.07.2009
4. Alte Muster
Zitat von sysopDie Rechtslage ist so umstritten wie der Nutzen, die Bürger stehen unter Generalverdacht: Mecklenburg-Vorpommerns Polizei hat im großen Stil Autokennzeichen gescannt und mit Fahndungslisten abgeglichen - obwohl das Verfassungsgericht diese Praxis verurteilt hat. Jetzt droht erneut eine Klage. http://www.spiegel.de/politik/deutschland/0,1518,638526,00.html
die haben im Osten auch nichts dazu gelernt - als hätte es die Stasi nie gegeben...
kaffi 28.07.2009
5. Verständniss-Frage, Wo ist das Problem ?
Zitat von sysopDie Rechtslage ist so umstritten wie der Nutzen, die Bürger stehen unter Generalverdacht: Mecklenburg-Vorpommerns Polizei hat im großen Stil Autokennzeichen gescannt und mit Fahndungslisten abgeglichen - obwohl das Verfassungsgericht diese Praxis verurteilt hat. Jetzt droht erneut eine Klage. http://www.spiegel.de/politik/deutschland/0,1518,638526,00.html
Ich verstehe jetzt nicht genau wo das Problem ist. Wenn Kennzeichen gescannt werden, diese dann mit einer Fahndungsliste verglichen wird und sich daraus Festnahmen ergeben. Ist das doch gut oder etwa nicht? Wieso soll die Polizei, in der Verbrechensbekämpfung nicht moderne Mittel einsetzen? Jedes Verbrechen führt zu Schäden welche ich als Versicherungsnehmer mittragen muss, da habe ich keine Bock drauf.(und das sind nur die monetären Schäden!) Was spricht dagegen ?
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