KGB-Agent Jack Barsky Der Spion und die Frauen

Albrecht Dittrich aus Jena zieht 1978 in die USA - als KGB-Agent. Dort lebt er bis heute als Jack Barsky. Seine Geschichte erzählte er jetzt dem SPIEGEL. Entscheidend für seinen Lebensweg war nicht die Politik, sagt er - sondern die Frauen.

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Er ist der vermutlich letzte KGB-Agent in den USA: Seit 1978 spionierte der DDR-Bürger Albrecht Dittrich für den sowjetischen Geheimdienst. Im Mai 1997 wird er vom FBI gefasst, nach 6794 Tagen ist damit sein Doppelleben zu Ende. Fast zwei Jahrzehnte konnte Dittrich, der sich Jack Barsky nannte, also mit falscher Identität in den Staaten leben - für den FBI ein Super-GAU. (Lesen Sie hier die ganze Geschichte im neuen SPIEGEL.)

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Heft 21/2015
Selbstbewusst, mutig, tabulos: Forscher vermessen die Lust der Frauen

Wie wurde der Mann zum Spion? Was waren die entscheidenden Wegmarken in seinem Agentenlaufbahn?

Albrecht Dittrich hat ein bewegtes Leben geführt. Eine große Rolle spielten dabei immer wieder seine Frauen. So erzählt er es.

Die Karriere von Albrecht Dittrich ist im Jahre 1969 eigentlich vorgezeichnet: Der damals 20-jährige Student aus Jena glaubt an die Überlegenheit des Sozialismus und den Marxismus als "natürlichen Endzustand". Er will in der DDR Professor werden.

Doch eines Samstags klopft es in Jena an seiner Zimmertür des Studentenwohnheimes der Friedrich-Schiller-Universität. Herein kommt ein kleiner Mann um die 40, spitze Nase, blau-graue Jacke. Er stellt sich als Repräsentant des örtlichen Optik-Herstellers Carl-Zeiss-Werke vor und will mit Dittrich über seine Zukunft sprechen. Dittrich ahnt instinktiv: Staatssicherheit.

Agent spielen gegen den Liebeskummer

Dittrich ist zu diesem Zeitpunkt in einer persönlichen Krise. Er versucht, seine große Liebe zu vergessen, die Studentin Rosi. Die beiden waren ein Paar, seit Dittrich 16 war, gaben sich den ersten Kuss im Freilichtkino. Dittrich war sicher: Rosi und er würden heiraten. Doch als Rosi aus den Sommerferien kommt, ist es aus. Sie hat einen anderen, einen älteren Medizinstudenten. Dittrich stürzt sich verzweifelt ins Studium.

Eine radikale Wende kommt ihm gerade recht. Der Stasi-Mann mit der grau-blaune Jacke macht ihn mit dem örtlichen KGB-Agenten bekannt. Man trifft sich in Jena in der "Sonne", dem ersten Gasthaus am Platz.

Der KGB-Agent nennt sich "German". Der Russe erkennt Dittrichs großes Potenzial und schickt ihn nach Berlin-Karlshorst. Dort soll der junge Mann das kleine Einmaleins des Agenten-Handwerks lernen: Leute aushorchen, Geheimschrift, Verfolger abschütteln.

Video: SPIEGEL TV trifft den Ex-Spion

Beim Tanzen in Berlin lernt Dittrich Gerlinde kennen - eine fragile, blonde Schönheit, seine künftige Ehefrau. Sie verlieben sich ineinander. Doch der KGB hat bereits Pläne mit Dittrich. Er soll für zwei Jahre zum Agenten-Lehrgang in die Sowjetunion, nach Moskau. Der KGB-Ausbilder in Berlin, ein ukrainischer Kriegsveteran, stellt Dittrich vor die Wahl: Entweder er entscheide sich jetzt für eine interessante Agenten-Laufbahn im westlichen Ausland, dafür müsse er sich von Gerlinde trennen. Andernfalls sorge er dafür, dass Dittrich sein Leben in untergeordneter Position in der Landwirtschaft verbringe.

Dittrich beendet das Verhältnis zu Gerlinde. Doch diese liebt ihn so sehr, dass sie auf ihn wartet. Gerlinde ist sogar bereit, ihn mit dem KGB zu teilen. Die beiden heiraten, bevor Dittrich schließlich zu seiner Mission in die USA aufbricht.

Fortan lebt Dittrich ein Doppelleben: Aus Albrecht Dittrich wird der Amerikaner Jack Barsky. Ein Mitarbeiter der Sowjetbotschaft in Washington hatte diesen Namen auf einem Friedhof notiert und eine entsprechende Geburtsurkunde besorgt, mit der Dittrich einen amerikanischen Pass beantragen soll. Sein Auftrag vom KGB ist es, die politischen Zirkel um den Nationalen Sicherheitsberater Zbigniew Brzezinski zu infiltrieren und dessen Außenpolitik zu beeinflussen.

Alle zwei Jahre kehrt Dittrich zurück nach Deutschland, um seine Familie zu besuchen. Gerlinde und er haben inzwischen einen Sohn, Matthias. Doch Dittrich hat auch Freundinnen in Amerika. Schließlich heiratet er dort ein zweites Mal: Penelope, eine Einwanderin aus Guyana, weil diese mit der gemeinsamen Tochter Chelsea schwanger ist.

Zu dem kleinen Mädchen fühlt Dittrich eine besonders starke Bindung. So stark, dass er sich entschließt, sein altes Leben in Deutschland aufzugeben. Er bricht den Kontakt zu seiner dortigen Familie ab und taucht unter in einem kleinen Ort im Bundesstaat Pennsylvania. Selbst der KGB kann ihn nicht zur Umkehr bewegen.

Auseinandersetzung mit der Vergangenheit

Am Ende ist es wieder Tochter Chelsea, die ihn noch einmal zwingt, ein neues Kapitel aufzuschlagen: Als sie 18 Jahre alt wird, erzählt ihr der Vater von seiner wahren Identität: dass er Deutscher ist, lange Jahre als Spion arbeitete - und vor allem, dass Chelsea eine Familie in Deutschland hat, zwei Brüder. Außer Matthias, Gerlindes Sohn, zeugte Dittrich dort ein zweites, uneheliches Kind.

Dittrich will die Vergangenheit eigentlich ruhen lassen. Doch Chelsea, eine sportliche junge Frau mit dunklen Haaren und großen Augen, heute 27, beginnt die Suche nach ihren Halbbrüdern in Europa. Auf Facebook wird sie fündig.

Die Kinder besuchen sich gegenseitig, Matthias kommt sogar in die USA, trifft nach 27 Jahren seinen Vater. Dittrich, der inzwischen als IT-Spezialist bei einem New Yorker Energie-Unternehmen arbeitet, muss sich mit seinem alten Leben auseinandersetzen.

Die Kraft, dieses dunkle Geflecht aus Lügen und Täuschung zu entwirren, findet Dittrich bei Ehefrau Nummer drei. Shawna ist eine tief gläubige Jamaikanerin, sie will nicht mit den Lügen ihres Mannes leben.

Mit ihr hat Dittrich noch einmal ganz von vorne angefangen. Die beiden haben vor vier Jahren geheiratet und Tochter Trinity bekommen. Das Mädchen ist heute vier Jahre alt. Shawna will, dass Dittrich reinen Tisch macht mit seiner Vergangenheit.

Deshalb fliegt Dittrich im Sommer 2014 nach Deutschland. Er fährt an die Orte, die wichtig waren - sein Elternhaus in Sachsen, das Studentenheim in Jena. Er besucht die alten Basketballfreunde, Rosi, seine erste große Liebe, die Söhne. Nur Gerlinde nicht, seine deutsche Ehefrau, die nach Dittrichs rätselhaftem Verschwinden 1988 nie wirklich über den Verlust hinweggekommen ist. Angeblich will Gerlinde keinen Kontakt.

Diese Rückkehr sei wie eine zweite Pubertät, sagt Dittrich. Erst jetzt, mit 65 Jahren, reife er wirklich zum Erwachsenen, indem er seine beiden Hälften wieder zusammensetze. Jetzt endlich sei er frei.

Am Ende bestimmten die Frauen sein Schicksal, sagt Dittrich. Ehefrau Shawna, seine jetzige Lebensgefährtin, habe ihn schließlich "zum Menschen" gemacht.



insgesamt 3 Beiträge
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Seite 1
quark@mailinator.com 19.05.2015
1.
Sorry, man soll zwar nicht über Leute urteilen, die man nicht kennt, aber wenn das hier realistisch dargestellt ist, dann ist der Typ verdammt mies mit seinen Nächsten umgegangen. Unerträglich rücksichtslos.
nexas 19.05.2015
2. ja wat solls.
verloren zwischen 2 Systemen und wo die liebe hin fällt. verurteilen sollte man ihn nicht. er hat seine gene halt breit gefächert.
kinngrimm 19.05.2015
3. und BND und CIA ...
lassen Ihn einfach gewähren? Ich hätte gedacht, das bei Spionage eine der wenigen Fälle eintretten wo es keine Verjährungsfrist gibt. Mmm vielleicht dochmal wieder einen Spiegel kaufen und die ganze Geschichte lesen ^^
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