Kinderarmut "Es gibt kaum Verständnis für Armut"

Jedes sechste Kind lebt in Deutschland nach Angaben des Kinderschutzbundes in Armut. Der Leiter des christlichen Kinder- und Jugendwerkes "Die Arche", Bernd Siggelkow, spricht im Interview mit SPIEGEL ONLINE über die Auswirkungen von Hartz IV, Hunger und emotionale Armut.


SPIEGEL ONLINE: Herr Siggelkow, 2,5 Millionen Kinder leben in Deutschland in Armut - doppelt so viele wie 2004, vor der Einführung von Hartz IV. Ist Armut gleichbedeutend mit Hartz IV?

Siggelkow: Ja, wenn man von Einkommensarmut spricht ist das gleichbedeutend mit Hartz IV. Denn Hartz IV bedeutet für die Kinder, dass sie mit einem minimalen Geldbetrag auskommen müssen, um damit ihr Leben zu bestreiten.

Arche-Leiter Pastor Siggelkow: "Oft gibt es kaum Emotionen in den Familien"
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Arche-Leiter Pastor Siggelkow: "Oft gibt es kaum Emotionen in den Familien"

SPIEGEL ONLINE: Wie zeigt sich diese Armut im Alltag der Kinder?

Siggelkow: Schon kleine Veränderungen belasten die Familien extrem: Wenn ein Kind zum Beispiel die Schule gewechselt hat und nun einen längeren Schulweg hat, den es nicht mehr zu Fuß gehen kann, muss plötzlich auch noch eine Monatskarte für Bus und Bahn gekauft werden - oft ein Riesenproblem, das finanziell kaum bewältigt werden kann. Grundsätzlich kann man sagen, dass die von Hartz IV betroffenen Kinder komplett von der Teilnahme am kulturellen Leben ausgeschlossen sind. Ein Beispiel: Eine Mutter, die in einer Großstadt mit ihren beiden Kindern in den Zoo fahren will, kann das Geld für Eintrittskarten und Fahrkarten nicht aufbringen. Auch Geld für Ferien lässt sich von Hartz IV nicht abzweigen.

SPIEGEL ONLINE: Liegt der Anstieg der Kinderarmut wirklich nur an staatlichen Maßnahmen wie Hartz IV oder kümmern sich immer mehr Eltern einfach nicht mehr um ihre Kinder?

Siggelkow: Wieviele Kinder sozial total verwahrlost sind, wird nicht erfasst. Die Zahl 2,5 Millionen bezieht sich auf die Hartz IV-Empfänger. Aber es verwahrlosen eben auch viele Kinder, die nicht von Hartz IV betroffen sind. Man kann hier von einer Art von Wohlstandsverwahrlosung sprechen: Beide Elternteile arbeiten, um ihre Familie durchzubringen und die Kinder sind von morgens bis abends auf sich allein gestellt - solche Fälle gibt es in Hülle und Fülle. Kinder werden immer mehr zu einem Luxusartikel und gleiten dadurch in Armut ab - in soziale Armut oder in Einkommensarmut.

SPIEGEL ONLINE: Ist finanzielle Armut in Deutschland heute gleichbedeutend mit sozialer Armut?

Siggelkow: Das Problem ist, dass es in Deutschland wenig Verständnis für Armut gibt. Kinder von reichen und Kinder von armen Eltern sitzen zusammen in einer Schule. Die armen Kinder trauen sich nicht sich als arm zu outen, weil sie Angst vor Ausgrenzung haben - dadurch ist Armut auch ein soziales Problem.

SPIEGEL ONLINE: Gerade in der Nachkriegszeit gab es sehr viele arme Menschen in Deutschland. Hat sich das Gesicht von Armut in den letzten Jahrzehnten verändert?

Siggelkow: Ja. Denn auch vor 20, 30 oder 40 Jahren hatten wir immer arme Kinder. Der Unterschied zu früher ist, dass damals Eltern alles in ihre Kinder investiert und dafür selbst auf vieles verzichtet haben. Heute hingegen denken Eltern oft erst an sich, bevor sie an ihre Kinder denken. Hinzu kommt: Früher, nach dem Krieg, ging es einer riesigen Bevölkerungsgruppe finanziell schlecht, dadurch gab es ein großes Verständnis. Diese Akzeptanz haben wir heute nicht - aber wir sind zwangsläufig auf dem Weg dahin, denn mit den 2,5 Millionen Kindern, die in Einkommensarmut leben,ist jedes sechste Kind unter 18 Jahren betroffen. Es geht nicht mehr um eine kleine Gruppe.

SPIEGEL ONLINE: Sie arbeiten täglich mit armen Kindern. Was ist für sie das Erschreckendste an deren Situation?

Siggelkow: Zum einen beobachten wir, dass unsere Besucherzahlen ständig steigen. Wir sehen die Ergebnisse, die Statistiken dann belegen, also schon am Anfang: Ende des letzten Jahres hatte die Arche 250 Tagesbesucher, jetzt sind es fast hundert mehr. Das ist eine enorme Zahl von Kindern, die neu dazu kommt. Und obwohl viele Eltern zu Hause sind und eigentlich Zeit hätten, bleiben die Kinder oft auf der Strecke - denn ihre Eltern sind viel zu sehr mit ihrer eigenen Perspektiv- und Orientierungslosigkeit beschäftigt. Oft gibt es kaum Emotionen in den Familien. Es fehlt nicht nur das Geld, sondern die Kinder sind in den ganzen Prozess, der mit dem Mangel an Geld zusammenhängt, involviert: Sie wissen, dass sie arm sind und müssen sich als Kind sehr früh mit diesem existentiellen Problem auseinandersetzen. Dadurch sind sie nicht mehr richtig Kind. Verstärkt wird dieses Muster dadurch, dass in den Medien ständig eine Welt suggeriert wird, die die Kinder nicht haben können. Es wird Werbung für Fernseher und Reisen gemacht, die sich die Familien nicht leisten können. Jeder Erste des Monats wird so zum Höhepunkt - dann wird das Geld für Luxusartikel ausgegeben. Oft das einzige Highlight, das die Familie noch hat.

SPIEGEL ONLINE: Es gibt auch Hunger in Deutschland. Wieviele Kinder bekommen nicht genug zu essen?

Siggelkow: Viel zu viele werden fehl- oder mangelernährt. Oft reicht das Geld nur bis zum 20. des Monats und dann gibt es eben zehn Tage nur noch nackte Nudeln. Es existieren aber keine Zahlen darüber, wieviele Kinder von Hunger betroffen sind. Denn kaum eine Mutter wird sagen: Meine Kinder kriegen vom 20. bis zum Monatsende zu wenig zu essen.

SPIEGEL ONLINE: Was muss der Staat tun, um den armen Kindern in Deutschland schnell zu helfen?

Siggelkow: In Skandinavien etwa ist es gang und gäbe, dass das Mittagessen in den Schulen umsonst ist. In Deutschland ist man davon noch weit entfernt: Allein in Berlin wurden im letzten Jahr vierzig Prozent aller Kinder von der Ganztagsschule vom Mittagessen abgemeldet, weil es zu teuer ist. Aber Essen darf kein Luxus sein, sondern unser Staat muss sich mehr darum kümmern, dass Kinder grundversorgt sind. Kinder sind die Zukunft unserer Gesellschaft. Wenn wir die Rahmenbedingungen verbessern, wird es mehr Kinder geben und auch mehr Chancen für Kinder. Das ist nicht nur an dem Thema Essen fest zu machen. Die fehlenden Bildungschancen sind ein viel größeres Problem.

SPIEGEL ONLINE: Was bedeutet es also für die Zukunft unseres Landes, wenn soviele Kinder jenseits jeder Chance auf Teilhabe an Bildung und Kultur aufwachsen?

Siggelkow: Es gehen wahnsinnig viele Potentiale verloren. Bei unserer Arbeit merken wir: Wenn Kinder individuell gefördert werden, dann werden Begabungen ausgebaut, Kinder bekommen wieder Lust, etwas für die Schule zu machen, weil sie merken: Wenn ich mich anstrenge, habe ich auch Erfolg. Diese Wirkung wird viel zu wenig suggeriert. Die Lösung liegt nicht darin, Kinder noch früher in den Kindergarten zu schicken, sondern es muss ein gesundes Miteinander geben. Wir müssen unsere Kinder wieder in den Blick bekommen. Das, was wir heute in unsere Kinder investieren, bekommen wir auch wieder zurück. Und das, was wir nicht investieren, wird auch wie ein Bumerang zurückkommen.

Das Interview führte Anna Reimann

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