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Wege aus der Kinderarmut: "Das ganze System taugt nichts"

Kinder auf dem Spielplatz: "Es gibt keine sinnvolleren Ausgaben für einen Staat" Zur Großansicht
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Kinder auf dem Spielplatz: "Es gibt keine sinnvolleren Ausgaben für einen Staat"

Der Kinderschutzbund unterstützt die Forderung nach Urlaubsgutscheinen für Kinder aus armen Familien. Allerdings wertet Präsident Hilgers die Idee höchstens als Notlösung. Im Interview kritisiert er das gesamte System der Kinderförderung in Deutschland als ungerecht.

Zur Person
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    Heinz Hilgers, 66, ist seit mehr als 20 Jahren Präsident des Deutschen Kinderschutzbundes. Er war Bürgermeister von Dormagen und Mitglied des Landtags von NRW. Sein Verband kämpft für eine Kindergrundsicherung.
SPIEGEL ONLINE: Die Bundesregierung hält solche Urlaubsgutscheine für arme Familien für unnötig, weil es in den Kommunen schon viele geförderte Ferienangebote für Kinder gebe. Stimmt das?

Hilgers: Das stimmt in der Regel leider nur dort, wo das Angebot am wenigsten gebraucht wird. Familienerholung und Kinderfreizeiten werden in Deutschland als freiwillige Leistungen der Kommunen behandelt. Genügend Geld für gute Angebote gibt es daher meistens nur in solchen Städten und Landkreisen, in denen die Steuereinnahmen hoch sind. Und das sind überwiegend gerade nicht die Kommunen, in denen sehr viele Familien mit geringem Einkommen leben.

SPIEGEL ONLINE: Wo wäre der Bedarf denn besonders groß?

Hilgers: In Mecklenburg-Vorpommern, Sachsen-Anhalt, Bremen und Teilen Nordrhein-Westfalens zum Beispiel. Aber gerade dort gibt es viele Kommunen, die hoch verschuldet sind und so gut wie gar nichts machen können.

SPIEGEL ONLINE: Würden vom Bund finanzierte Urlaubsgutscheine, die etwa von der Linkspartei gefordert werden, helfen?

Hilgers: Das wäre nur eine Notlösung. Im Grunde taugt unser ganzes System der Kinderförderung nichts. Es erzeugt nur viel Bürokratie und ist ungerecht. Wer sehr gut verdient, bekommt vom Staat hohe Steuererleichterungen pro Kind und deshalb viel mehr Unterstützung als arme Familien, denen nur das niedrigere Kindergeld bleibt. Eigentlich müsste es genau andersherum sein.

SPIEGEL ONLINE: Was würden Sie ändern?

Hilgers: Wir sind für eine Kindergrundsicherung. Die Eltern erhielten dann für jedes Kind etwas mehr als 500 Euro pro Monat und müssten diesen Betrag versteuern. Im Gegenzug kann man alle anderen bisherigen Leistungen abschaffen, also Dinge wie den Kinderzuschlag, den Unterhaltsvorschuss, das Kindergeld und die Kinderfreibeträge. Auch die Hartz-IV-Regelsätze für Kinder wären nicht mehr nötig, weil alles durch die Grundsicherung abgedeckt würde.

SPIEGEL ONLINE: Unterm Strich wäre ihr Modell wohl teurer?

Hilgers: Es gibt keine sinnvolleren Ausgaben für einen Staat als Investitionen in Kinder. Im Moment investieren wir vor allem in eine gigantische Bürokratie. Beim Bildungs- und Teilhabepaket etwa, nach dem es zehn Euro zusätzlich pro Monat und Kind für Kultur, Sport und Freizeit gibt, erzeugt der Staat mehr als doppelt so viele Ausgaben für Verwaltung und Kontrolle als bei den Leuten ankommt. So verspielen wir unsere Zukunft.

Das Interview führte Matthias Bartsch

Armutsgefährdungsquote: Wo die meisten Kinder armutsgefährdet sind

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1.
abby_thur 18.08.2014
500€ versteuert, dann bleiben ja u.U. nicht mehr als 300€ fürs Kind - das kann auch ein Minusgeschäft für viele Normalverdiener und die Mittelschicht werden.
2. Oder auch andersherum...
Toebbens 18.08.2014
Wer will, daß durch Kinderförderung die Geburtsrate in Deutschland steigt und das dies nicht nur bei H4-Empfängern passiert, der muß gerade Gutverdienende stärker fördern. Denn für diese Eltern sind die Opportunitätskosten höher, die ihnen durch den Verzicht auf zwei volle Einkommen entstehen.
3. Fehlanreize werden gesetzt
andjessi 18.08.2014
500,- EUR pro Kind, die versteuert werden müssen, führen dann aber in der Mittelschichtsfamilie noch stärker als ohnehin schon dazu, dass sich eine Frau 3x überlegt, ob sie überhaupt arbeitet.
4. Schon die Resonanz zu diesem Beitrag
Bellerophon 18.08.2014
sagt viel aus. Erstens ist der Kinderfreibetrag abzuschaffen, da er Gutverdiener extrem überproportional bevorteilt. Je mehr Geld ich verdiene, um so höher wirkt sich der Freibetrag aus. Zweitens ist die Ausgabe in cash sehr fragwürdig, da die Kinderunterstützung des Staates, also auch mein persönlicher Beitrag, möglichst nicht in Zigaretten, Alkohol oder andere Drogen und noch nicht einmal in Unterhaltungselektronik landen sollte. Im Endeffekt sollte die Unterstützung bei suspektem Elternverhalten an Forderungen zum kindbezogenen Wohlverhalten geknüpft werden können. Hört sich sehr repressiv an, ist aber bei harten Fällen unumgänglich. Wenn sich nichts ändert, eben nur noch personalisierte (Achtung Schwarzmarkt) Gutscheine für Kinderbedarf, wie z.B. für Ferienaufenthalte.
5. Diese ganzen Geldleistungen
andere Hobbys 18.08.2014
sollten abgeschafft werden. Freie und genügend Kinderkrippen- , -gärten und Schulen und aus die Maus. Und Steuerfreibeträge pro Kind. Damit die Leistungsfähigeren unterstützt werden.
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