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Kinderarmut: Suppe für die Seele

Von Anja Berens

Die Wirtschaftskrise stürzt immer mehr Familien in Armut, drei Millionen Kinder sollen inzwischen betroffen sein. Kein warmes Mittagessen, keine neuen Kleider, kaum Chancen in der Schule: Ein Besuch bei Anna, Jenny - und Tim, dessen Familie sich noch nie einen Urlaub leisten konnte.

Hamburg - Den dritten Teller Eintopf schafft sie nicht mehr. Anna* rührt in den letzten Rindfleischbrocken und verdreht die Augen hinter den Brillengläsern. Jetzt ist sie richtig satt.

"Ich hatte kein Frühstück", sagt sie entschuldigend. Wie so oft verbringt die Achtjährige auch diesen Nachmittag in der Arche - wo sie ein kostenloses warmes Mittagessen bekommt, wo sie mit ihren Freundinnen spielen kann, wo sie nicht alleine ist.

Spielende Kinder: Immer mehr Familien sind von Armut betroffen
AP

Spielende Kinder: Immer mehr Familien sind von Armut betroffen

Annas Mutter kommt aus Ghana. Sie hat gleich zwei Jobs angenommen, um ihre beiden Töchter zu versorgen, der Vater lebt im Ausland. "Aber er kommt bald, und dann gehen wir zusammen nach London - oder in die USA", sagt das Mädchen voller Zuversicht.

Anna ist nicht die Einzige, die an diesem Tag ohne Frühstück in die Arche kommt. Sie ist eines von fast hundert Kindern, das seinen Nachmittag im rein spendenfinanzierten Haus des christlichen Kinder- und Jugendwerks in Jenfeld verbringt. Der Hamburger Stadtteil ist auf den ersten Blick nicht das, was man einen sozialen Brennpunkt nennen würde. Doch wo die gepflegte Einfamilienhausidylle endet, fängt der soziale Wohnungsbau an.

In Jenfeld verhungerte die kleine Jessica, deren Schicksal bundesweit für Schlagzeilen sorgte. In der vergangenen Woche gab es eine Messerstecherei unter Jugendlichen auf einem zentral gelegenen Spielplatz. Nicht zum ersten Mal.

"Jenfeld ist sehr durchmischt", sagt Tobias Lucht, der pädagogische Leiter der Arche. Die Einrichtung selbst ist ein Spiegel dieser sozialen und kulturellen Unterschiede. Viele muslimische Kinder sind darunter, deren Eltern oft arbeitslos sind. Kinder aus Familien, deren Aufenthaltsstatus ungeklärt ist. Kinder, deren Eltern krank sind. Die meisten kommen aus sozial schwachen Familien. "Viele merken, dass sie wenig Geld haben", sagt Lucht. Für Wolfgang Büscher, Autor und Sprecher des Kinderhilfsprojekts Arche, ist genau das die Definition von Kinderarmut: "Kinder sind arm, wenn sie merken, dass sie arm sind."

Wie viele Kinder in Deutschland überhaupt von Armut betroffen sind, dazu gibt es unterschiedliche Zahlen - weil es unterschiedliche Definitionen gibt. Mit der existentiellen Armut, unter der Menschen in den Entwicklungsländern leiden, hat jene in Deutschland nichts gemein. Stattdessen wird der Begriff relative Armut verwendet. Darunter fallen jene Menschen, die über so geringe materielle, kulturelle und soziale Mittel verfügen, dass ihnen gesellschaftliche Teilhabe verwehrt bleibt. Weil das schwer zu messen ist, spricht man in Deutschland auch von Einkommensarmut - also alle, denen weniger als 60 Prozent des Durchschnittseinkommens der Bevölkerung zur Verfügung stehen.

17 Prozent der Kinder sind in Deutschland nach einem Bericht des Prognos-Instituts für das Bundesfamilienministerium von Armut bedroht, jedes sechste Kind. Diese Zahl nennt auch Unicef in dem 2008 veröffentlichten "Bericht zur Lage der Kinder in Deutschland".

Die Wirtschaftskrise schafft dabei allerdings neue Fakten. Statt bisher 2,5 Millionen sind in Deutschland inzwischen drei Millionen Kinder unmittelbar von Armut betroffen, sagt Büscher und verweist auf die alarmierenden Prognosen des Kinderschutzbundes. Dessen Präsident Heinz Hilgers hatte kürzlich einen dramatischen Anstieg von Kinderarmut in Deutschland prophezeit. Dies gelte umso mehr, da nach der demografischen Entwicklung immer mehr Kinder in armen Stadtteilen geboren werden. In 20 Jahren könnte laut Hilgers jedes zweite Kind in einer sozial schwachen Familie leben.

Büschers Einschätzung ist ähnlich düster: "Wir laufen schon 2010 auf einen sozialpolitischen Gau hinaus." In Berlin zum Beispiel leben 38 Prozent der Familien von Hartz IV.

Jennys Traum: Den eigenen Vater kennenzulernen

Auch viele der Kinder, die ihre Freizeit in der Hamburger Arche verbringen, kommen aus Hartz-IV-Familien, die oft nicht intakt sind - weshalb sie woanders emotionale Zuwendung suchen. Die elfjährige Jenny* verbringt ihre Nachmittage in der Arche, weil sie einsam ist. Die Mutter arbeitet, die älteren Schwestern sind kaum noch zu Hause. "Ich hab keinen Vater", sagt sie. Auch der Stiefvater ist nicht mehr da. Dafür der neue Freund der Mutter, doch der hat Krebs.

Weil die Zukunft so ungewiss ist, ist auch die Suche nach einer größeren Wohnung so schwierig, sagt Jenny. Sie träumt von einem eigenen Zimmer und davon, Tierpflegerin zu werden, bei Hagenbecks. Und noch einen Wunsch hat das ungewöhnlich ernste Mädchen mit den dunklen Augen: "Mein Traum ist, meinen richtigen Vater kennenzulernen."

Tim* hat keine Träume, zumindest keine, für die er Worte findet. Seine kranke, stark übergewichtige Mutter kann nicht arbeiten gehen. Was sie den ganzen Tag macht? "Nichts", sagt Tim, der eine Förderschule besucht.

Nur einmal war Tim im Urlaub

Die Perspektivlosigkeit der Eltern nennt Büscher als eine der Ursachen von Kinderarmut: "Sie können nichts weitergeben." Kinder, die in solchen Verhältnissen aufwachsen, können später nur schwer wieder in die Gesellschaft integriert werden, prognostiziert der Autor. Sie werden zum großen Teil selbst Sozialleistungen empfangen. Und sollte es die nicht mehr geben, droht das Abrutschen in die Kriminalität: "Wenn das System sie nicht mehr unterstützt, unterstützen sie nicht mehr das System".

Doch welche Chancen gibt es überhaupt, Kinderarmut und ihre Folgen zu verhindern? "Kleinere Klassen und mehr Lehrer", sagt Büscher. Schulen müssten kostenloses Essen anbieten, Talente gefördert werden. Und es müsse Sozialarbeiter geben, die in die Familien gehen. So wie es die Mitarbeiter der Arche tun, die viele Eltern persönlich kennen: "Oft schlägt uns große Hilflosigkeit entgegen, aber auch die Bereitschaft, was zu tun", sagt Lucht.

Die meisten Eltern wissen ihre Kinder in der Arche gut aufgehoben. Hier gibt es nicht nur warmes Essen, sondern auch Hausaufgabenhilfe, Sport- und Spielangebote und eine Kleiderkammer, aus der sich alle Kinder Kleidungsstücke aussuchen dürfen - auch jene, die es nicht nötig haben. Die Kindern sollen glauben, dass hier alle gleich sind.

Tim fällt nach langem Zögern übrigens doch noch ein, was er sich wünscht: "Kohle, damit ich mir alles kaufen kann." Eine Playstation 3 zum Beispiel. Sein Bruder hat eine, doch der ist längst nicht mehr da. Der Vater auch nicht, er hat die kranke Frau und seine fünf Kinder verlassen.

"Der ist im Ausland", sagt Tim und fügt hinzu: "in Süddeutschland". Was für den Elfjährigen, der Jenfeld kaum verlassen hat, das Gleiche ist.

Nur einmal war er im Urlaub, auf einem Bauernhof bei Lüneburg. Nicht mit seiner Familie - mit der Arche.


* Namen von der Redaktion geändert.

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Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 244 Beiträge
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1. 'Kein Interesse'
mws, 23.03.2009
Zitat von sysopDie Wirtschaftskrise stürzt immer mehr Familien in Armut, drei Millionen Kinder sollen inzwischen betroffen sein. Kein warmes Mittagessen, keine neuen Kleider, kaum Chancen in der Schule: Ein Besuch bei Anna, Jenny - und Tim, dessen Familie sich noch nie einen Urlaub leisten konnte. http://www.spiegel.de/politik/deutschland/0,1518,614540,00.html
Ich habe es schon häufiger angesprochen, aber das Thema scheint niemanden zu interessieren, auch nicht diejenigen, die sich mit den Etiketten "christlich" oder "sozial" schmücken.... Für "notleidende" Banken gibt es sofort Milliarden, aber arme Kinder???? Da gibt es doch tatsächlich Politiker, die sich für Helden halten, nur weil sie sich für eine Erhöhung des Kindergeldes um 10 Euro stark gemacht haben. Selbstredend wird das auch gleich wieder von H-IV angezogen... Abwrackprämie 2500 Euro, einmalige Kinderprämie 100 Euro - DAS ist Deutschland. Bin mal gespannt, was in unseren Innenstädten los sein wird, wenn aus diesen armen Kindern wütende Halbstarke geworden sind...
2. Krise
Sapere aude 23.03.2009
Kinderarmut ist keine Folge der Wirtschaftskrise, lieber Spiegel, sondern eine der Politik der letzten Jahre! Die Kinderarmut stieg nämlich schon während des "Aufschwungs".
3. Kinder statt Politiker: das ist unsere Zukunft
Bauwicht, 23.03.2009
Meine Damen und Herren MdB: es reicht nicht mehr, immer wieder per Gutachten (die nur wieder - nicht vorhandenes - Geld kosten) festzustellen zu lassen, daß etwas für Kinder getan werden muß mit dem gleichzeitigen Appell an den Bürger sich solidarisch zu verhalten und mal die Klassenräume zu streichen, da kein Geld vorhanden ist. Das glaubt Ihnen in diesem Land niemand mehr. Ich hatte schon über Frau MdB Böhmer vorgeschlagen, daß unsere MdB wenigstens ein Mal mit einem gutem Beispiel voran gehen und sich je ein Patenkind nehmen um es in jeder Weise zu fördern. Eine solche Aktion würde - mit Sicherheit - sehr viele Nachahmer haben! Hier - nur ein - Beweis, daß sich die MdBs selbst wichtiger nehmen als unsere Kinder: Vielen Dank für Ihre Nachricht. Ich bin vom 11. bis einschließlich 14.11.08 auf einer Informationsfahrt für Politisch Interessierte Bürger in Berlin und daher nicht im Wahlkreisbüro erreichbar. Kerstin Steffen Wahlkreisbüro Dr. Rainer Stinner MdB Obwohl ich politisch sehr interessiert bin, habe ich noch nie eine solche Einladung bekommen. Übrigens ...auch keine Antwort auf meine diesbezügliche Frage als politisch interessierter Bürger. DAFÜR WURDEN NOCH ZUSÄTZLICH 7 Mio ZUR VERFÜGUNG GESTELLT ! (Übrigens von dem Geld was wir gar nicht haben)
4. Verantwortung der Eltern
MiguelBln 23.03.2009
Es ist schlimm genug, wenn ALG oder Hartz IV nicht ausreicht, Kindern ordentliche Mahlzeiten zukommen zu lassen, sie ordentlich zu kleiden oder ihre sonstigen Grundbedürfnisse zu befriedigen. Ich denke, hier ist vor allem auch der Staat in der Pflicht. Es gibt aber meiner Meinung nach noch eine andere Verantwortlichkeit, und die stößt mir bei der gesamten Diskussion und Berichterstattung über Kinderarmut respektive Hartz-IV-Familien immer wieder auf: Wenn es Eltern bzw. Familien gibt, die von Hartz IV leben müssen, warum können sich diese Eltern dann nicht nach der Schule um ihre Kinder kümmern? Einmal überspitzt formuliert: Wenn ich keine Arbeit habe und den ganzen Tag zu Hause bin, dann kann ich mich doch um meine Kinder kümmern! Ich kann mit ihnen Hausaufgaben machen, auf den Spielplatz gehen, vorlesen, malen, basteln, spielen, lernen. Alles Dinge für die ich kein Geld ausgeben muß, die jedoch trotzdem die emotionale und intellektuelle Entwicklung des Kindes fördern. Es reicht nicht aus, diese Dinge an die Kindergärten, Horte oder Schulen abzuschieben, hier liegt die Verantwortung in erster Linie bei den Eltern!
5. Das Geld besser einsetzen
Dino, 23.03.2009
Zitat von sysopDie Wirtschaftskrise stürzt immer mehr Familien in Armut, drei Millionen Kinder sollen inzwischen betroffen sein. Kein warmes Mittagessen, keine neuen Kleider, kaum Chancen in der Schule: Ein Besuch bei Anna, Jenny - und Tim, dessen Familie sich noch nie einen Urlaub leisten konnte. http://www.spiegel.de/politik/deutschland/0,1518,614540,00.html
Das Versagen findet vorrangig auf der Seite der Eltern statt. Wer aus Desinteressen oder Faulheit die elementarsten Grundbedürfnisse seiner Kinder nicht befriedigen will ( genau, will und nicht kann ), dem können wir den H4-Satz bis zum Sankt Nimmerleinstag erhöhen. Für mich ist das Verhalten der Eltern ein Straftatbestand, den der Staat nicht länger übersehen sollte. Hier müssen endlich Konsequenzen gezogen werden( Geld kürzen ) und den Kindern echte Perspektiven aufgezeigt werden. Dies heißt Ganztagsschule mit Betreuung und Verpflegung.Nur so werden wir verhindern können, daß dieser Teufelskreis endlich durchbrochen wird. Dino
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