Kinderbetreuung: Zweifel an Schröders Kita-Versprechen

Von Tobias Brunner

Familienministerin Schröder wähnt sich am Ziel. Für alle Kinder unter drei Jahren soll es zum Stichtag 1. August genügend Kita-Plätze geben. Experten und Opposition sind weniger optimistisch: Vor allem in Großstädten dürfte es massive Lücken geben.

Hamburg - Es waren gute Zahlen, die Kristina Schröder (CDU) am Donnerstag verkünden konnte - zumindest auf dem Papier: Für Kinder unter drei Jahren würden zum Stichtag 1. August ausreichend Kita-Plätze zur Verfügung stehen, teilte die Familieministerin mit. Demnach werde es im Laufe des kommenden Kindergartenjahres 2013/14 rund 813.000 Plätze geben. Das sind gut 30.000 mehr als ursprünglich geplant.

Nach all den Nachrichten über den schleppenden Ausbau der Betreuungsplätze klingt das nach einer frohen Botschaft. Nicht nur für Eltern, die auf einen solchen Platz für den Nachwuchs hoffen, sondern vor allem für die Ministerin. Wenige Wochen vor der Bundestagswahl kann sie verkünden: Mission (fast) erfüllt. Denn von August an haben Ein- bis Dreijährige einen gesetzlichen Anspruch auf einen Kita-Platz. Dafür werden insgesamt rund 780.000 Plätze benötigt. Die von Städten und Gemeinden befürchtete Klagewelle, so hofft Schröder, könnte nun ausbleiben.

Fragt sich nur, ob es wirklich Grund zur Zufriedenheit gibt. Oder ob die schönen Zahlen gar nicht so schön sind, wie sie scheinen. Mancher Experte meldet bereits Zweifel an. Und die Opposition gönnt Schröder die Erfolgsmeldung ohnehin nicht, schon gar nicht in Wahlkampfzeiten. Die SPD spricht von einer "geschönten Bilanz", die Grünen warfen der CDU-Politikerin Fehlplanungen vor.

Die Ministerin selbst ficht das nicht an. Zwar schränkte Schröder am Donnerstag ein, dass manche Plätze erst im Verlauf des Kita-Jahres fertiggestellt würden. Aber: "Alle Bundesländer gehen fest davon aus, dass der Bedarf an Kita-Plätzen gesichert ist." Schröder bezog sich auf Daten, welche die Länder dem Ministerium zum 30. Juni 2013 gemeldet hatten.

Experten warnen vor Lücken in Großstädten

Das Statistische Bundesamt in Wiesbaden hatte dagegen ebenfalls am Donnerstag ganz andere Zahlen vorgelegt - allerdings zum Stichtag 1. März 2013. Zu jenem Termin wurden demnach rund 597.000 der unter Dreijährigen in Kitas und der Tagespflege betreut. Dies waren gut 37.000 Kinder mehr als im Vorjahr. Schröder warnte davor, diese Angaben mit den Erhebungen ihres Hauses zu vergleichen. Die Zahlen des Bundesamts gäben nicht den aktuellen Ausbaustand wieder. Sie zeigten nicht, wie viele Plätze tatsächlich zur Verfügung standen - sondern nur, wie viele Kinder zum Stichtag betreut wurden.

Dennoch werden umgehend kritische Stimmen laut. Der Deutsche Städtetag teilt Schröders Freude nicht. Präsident Ulrich Maly (SPD) sprach im ZDF von einem "Bundeszahlenspiel". "Die Wahrheit liegt wahrscheinlich in der Mitte", kommentierte er die großen Unterschiede bei den Daten von Bundesamt und Familienministerium. Der Städtetag geht deshalb weiter davon aus, dass zum Stichtag noch rund 100.000 Plätze fehlen werden.

Auch Birgit Riedl hält die Ankündigung von Schröder für zu optimistisch. "Plätze wachsen nicht so explosionsartig, dass die Lücke sofort geschlossen werden kann", sagte die Expertin des Deutschen Jugendinstituts (dji) SPIEGEL ONLINE. Zwar könnte der Bedarf in manchen Kommunen durchaus gedeckt werden. Doch insbesondere in Groß- und Universitätsstädten würden Plätze fehlen. Darüber hinaus habe der Osten den Kita-Ausbau in den vergangenen Jahren deutlich stärker vorangetrieben als der Westen.

Opposition warnt vor Qualitätsmängeln

SPD-Generalsekretärin Andrea Nahles unterstellte der Familienministerin angesichts der nun präsentierten Prognosen "Wunschdenken". Gerade im Westen der Republik seien die Öffnungszeiten von Krippen und Kitas "keineswegs bedarfsgerecht", sagte Nahles der "Welt". Zudem fehlten Fachkräfte. "Familienministerin Schröder hat dafür weder Antwort noch Plan", kritisierte Nahles.

Grünen-Spitzenkandidatin Katrin Göring-Eckardt lobte zwar den Endspurt beim Kita-Ausbau. Sie mahnte aber, dass die Qualität der Plätze entscheidend sei, vor allem die gute Ausbildung der Erzieher und ein guter Betreuungsschlüssel. "Eltern sollen nicht fürchten müssen, dass Quantität auf Kosten von Qualität erreicht wird", sagte Göring-Eckardt der Nachrichtenagentur dpa.

Tatsächlich fehlt es in deutschen Kitas an Personal. Eine Studie der Bertelsmann-Stiftung hatte gezeigt, dass bei den unter Dreijährigen im Schnitt eine Vollzeitkraft für 4,5 Kinder verantwortlich ist. Keines der Bundesländer erfülle das Verhältnis, das die Stiftung in ihrem "Länderreport frühkindliche Bildungssysteme" empfiehlt: ein Angestellter, drei Kinder. "Nur bei einem Personalschlüssel von eins zu drei können alle Kinder ausreichend gefördert werden", erklärte Anette Stein, Bertelsmann-Expertin für frühkindliche Bildung.

Die neuen Bundesländer schnitten dabei deutlich schlechter ab als die alten. Während in westdeutschen Krippen ein Erzieher 3,7 Kinder betreut, sind es in Ostdeutschland sechs. Im Vergleich der Bundesländer liegt Sachsen-Anhalt am Ende der Liste mit einem Verhältnis von eins zu 6,5. Spitzenreiter ist Bremen, dort ist ein Erzieher im Schnitt für 3,1 Kinder zuständig.

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Mit Material von dpa

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insgesamt 103 Beiträge
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1. Meckern
j.c78. 11.07.2013
ist die Kernaufgabe der Oppositon. Insbesondere die SPD regierten Großstädte können den Bedarf nicht decken... Da ist es natürlich die Schuld zuerst beim Bund zu suchen.
2.
rainbowman1 11.07.2013
Am 1. August wird man entsetzt feststellen, daß die allermeisten Eltern ihre Kinder lieber selbst betreuen wollen.
3. Kristina Schröder
zuagroaster 11.07.2013
Ich finde die Frau ja wirklich total süß, niedlich, einfach zum knuddeln. Als Politikerin kann ich sie aber leider nicht ernst nehmen. Sie ist einfach zu unscheinbar und nicht durchsetzungsfähig.
4. Fleischgewordene Inkompetenz
rodelaax 11.07.2013
Selbst wenn man dieser Frau keine Täuschungsabsichten unterstellen wollte, gibt es irgend jemanden, der Sie und ihre Aussagen ernst nimmt?
5. Schön, dass es geklappt hat.
Paul Newman 11.07.2013
Selbst wenn Christian Schröder es geschafft hätte jedem Kind seine eigene Kita mit seinem eigenen Betreuer zu besorgen – trotzdem wäre gegen sie gehetzt worden. Es ist halt Wahlkampf und wo immer ganz besonders klar wird, auf welcher Seite ein bestimmtes Medium steht.
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Nordrhein-Westfalen 3,4
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Rheinland-Pfalz 3,8
Hessen 3,8
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Kindergärten: Dreijährige bis Schuleintritt
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Baden-Württemberg 8,1
Niedersachsen 8,1
Schleswig-Holstein 8,2
Hamburg 8,2
Bayern 8,8
Nordrhein-Westfalen 8,8
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Hessen 9,1
Saarland 9,2
Thüringen 10,5
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