Kinderkrebsstudie Politiker streiten, Wissenschaftler bleiben cool

Alles nicht so schlimm? Die Studie zu Kinderkrebs in der Nähe von Atomkraftwerken hat die Atomfreunde und -gegner der Republik aufgewühlt. Während die deutschen Parlamente Aktuelle Stunden ansetzen, relativieren die Autoren ihre Ergebnisse: "Die Studie hat für viel Geld wenig ergeben."

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München/Hamburg – Jetzt reicht es den Herren auf den CSU-Bänken aber. "Das ist doch alles nur Ideologie!", ruft einer in den Plenarsaal des bayerischen Landtags. "Es soll hier um die Studie gehen", ergänzt ein anderer lautstark. "Geht doch um die Studie!", erschallt das Echo von den Grünen.

Gemeint ist jene Untersuchung über die erhöhte Krebsgefahr für Kleinkinder in der Umgebung von Atomkraftwerken. Vom Bundesumweltministerium angefordert und am Wochenende vom Kinderkrebsregister in Mainz veröffentlicht, hat sie innerhalb von 24 Stunden die alten Reflexe geweckt.

Bayerisches Atomkraftwerk in Grafenrheinfeld: "Alles nur Ideologie!"
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Bayerisches Atomkraftwerk in Grafenrheinfeld: "Alles nur Ideologie!"

Beispiel Bayern: Hier sind die Fronten am klarsten. Die Atomfreunde von der CSU fordern seit Jahren die Verlängerung der Laufzeiten und betonen, dass die drei Atomanlagen im Freistaat klimafreundliche Energie lieferten. Die Grünen pochen auf den von der einstigen rot-grünen beschlossenen Atomausstieg.

Und so debattiert Bayerns Landtag als erstes deutsches Parlament an diesem Dienstag die Ergebnisse der Kinderkrebs-Studie. Die Grünen haben eine Aktuelle Stunde beantragt, wie sie auch im Bundestag geplant ist.

Grüne: "Dramatische Feststellungen"

Ruth Paulig, die umweltpolitische Sprecherin der Grünen-Landtagsfraktion, bezeichnet die Ergebnisse der Studie gleich zu Beginn als "dramatische Feststellungen". Paulig kündigt einen Dringlichkeitsantrag ihrer Fraktion an, nach dem die bayerische Staatsregierung die Betriebserlaubnis für die drei Atomkraftwerke im Freistaat sowie den Forschungsreaktor in der Nähe Münchens "überprüfen, gegebenenfalls neu fassen oder widerrufen" solle. Zudem sollten in Zukunft die Energiekonzerne "den Beweis der Ungefährlichkeit antreten". Paulig: "Diese Technologie ist nicht verantwortbar."

Die CSU argumentiert defensiv. Minutenlang zählt ihr Umweltexperte Henning Kaul vergangene Studien zum Thema auf: Im Jahr 1971 fängt er an. Er will zeigen, dass all die Aufregung jetzt überzogen ist. Der Eindruck: Die CSU spielt auf Zeit, will nichts Endgültiges sagen. Das wirft ihr auch SPD-Vertreter Ludwig Wörner vor. Bereits bei vergangenen Studien habe die Union "verniedlicht, kleingeredet, heruntergeputzt".

Auch in anderen Bundesländern melden sich die Atomkritiker zu Wort. Niedersachsens SPD-Fraktionschef Wolfgang Jüttner etwa fordert in der "Hannoverschen Allgemeinen Zeitung" eine Aufkündigung des rot-grünen Atomkonsenses mit den deutschen Energieversorgern, der einen schrittweisen Ausstieg bis 2021 vorsieht. Jüttner dagegen will offenbar so schnell als möglich raus aus der Atomkraft.

In Schleswig-Holstein wendet sich Gesundheitsministerin Gitta Trauernicht (SPD) per NDR an die Betreiber: Diese sollten sich bitte "ganz intensiv mit dieser Studie auseinanderzusetzen und nicht Methodenkritik vom Zaun brechen". Die Tatsache der erhöhten Krebsrate sei seit Jahren aus dem Umkreis des Atomkraftwerks Krümmel bekannt. Dort seien seit 1990 insgesamt 16 Kinder an Blutkrebs erkrankt, während es statistisch nur fünf hätten sein dürfen.

Bundesumweltminister Sigmar Gabriel (SPD) hatte das Gutachten am Vortag erst einmal zur Prüfung an die Strahlenschutzkommission des Bundes überwiesen.

Methodisch sauber, entsprechend teuer

Methodisch, daran besteht kein Zweifel, ist die Studie aufwendig und sauber ausgeführt. Bereits 1992 und 1997 hat das Deutsche Kinderkrebsregister das Krebsrisiko durch Atomkraftwerke untersucht und damals für erheblichen Aufruhr gesorgt.

Wohl wissend, dass sie sich bei solch einem heiklen Thema keinen handwerklichen Fehler erlauben dürfen, haben sich die Autoren um Maria Blettner und Peter Kaatsch diesmal vier Jahre Zeit gelassen. Dementsprechend teuer war die aktuelle Studie: Kosten im "mittleren sechsstelligen Bereich" erwähnt Maria Blettner im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE.

Das Ergebnis: Es gibt einen Zusammenhang zwischen der Nähe der Wohnung zu einem Atomkraftwerk und dem Risiko für Kinder unter fünf Jahren, an Krebs beziehungsweise Leukämie zu erkranken. Warum das so ist, können die Autoren nicht sagen. Denn sie haben keine Strahlenbelastung gemessen - weder in der Nähe der Reaktoren, noch - was entscheidender wäre, um eine Aussage zu treffen - bei jedem einzelnen Kind. Letzteres wäre bei rund 1500 untersuchten Kindern und bei retrospektiver Betrachtung bis 1980 zurück auch gar nicht möglich gewesen.



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