Kinderporno-Affäre Engelmann Beratungszentrum im Zwielicht

Die Affäre um den Kinderpornografie-Verdacht gegen den Bremer SPD-Politiker Michael Engelmann zieht immer weitere Kreise. Zunächst tauchte ein Erpresserbrief eines Kinderschutz-Vereins auf, der gar nicht existiert. Jetzt wird der Verein "Rat und Tat", für den Engelmann arbeitete, von seiner Vergangenheit eingeholt.

Von Horst von Buttlar


Michael Engelmann: Ermittlungen wegen Kinderpornoverdachts
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Michael Engelmann: Ermittlungen wegen Kinderpornoverdachts

Bremen - Oberstaatsanwalt Gerhard Kayser ermittelt in diesen Tagen in Oldenburg auf einem Nebelschauplatz. Erst ging es um einen Erpresserbrief, der angeblich nicht abgeschickt wurde, dann um einen Kinderschutzverein, der sich als Phantom entpuppte. Dennoch könnten seine Ergebnisse ein wichtigen Schlüssel für die Arbeit seiner Bremer Kollegen sein, die dem Verdacht des Handels mit Kinderpornografie gegen den homosexuellen Bremer Bürgerschaftsabgeordneten Michael Engelmann nachgehen.

Kayser ermittelt gegen einen Mann aus Oldenburg wegen Erpressung. Der 36-Jährige steht im Verdacht, dem Abgeordneten Engelmann unter dem Deckmantel eines "Kinderschutzvereins" einen Erpresserbrief geschickt zu haben. Der Verdächtigte will den Brief nicht abgeschickt haben. Das Schreiben wurde bereits im Mai im Rahmen anderer Ermittlungen in der Wohnung des Oldenburgers gefunden. Da es an ein Pseudonym gerichtet war, wusste die Staatsanwaltschaft in Oldenburg zunächst nicht, wer erpresst werden sollte.

Erst jetzt ergab sich die Verbindung zu Engelmann. Die Staatsanwaltschaft vermutet, dass das Pseudonym ein Name ist, den Engelmann in Chaträumen im Internet benutzt hat. Ob der Erpresserbrief Engelmann erreicht hat, bleibt unklar. Die Bremer Staatsanwaltschaft, die die Wohnung Engelmanns durchsucht hat, will sich nicht äußern. Doch nicht nur der ominöse Brief gibt Rätsel auf, auch der "Kinderschutzverein", in dessen Name der Mann aus Oldenburg schrieb, existiert nicht. "Der Verein entspringt seiner Phantasie", sagte Kayser zu SPIEGEL ONLINE.

Pädophilen-Gruppe traf sich regelmäßig

Während Engelmann weiter in der Versenkung bleibt, fällt auf das Bremer Homosexuellen-Zentrum "Rat und Tat", für das er sich engagierte, ein Schatten aus der Vergangenheit. Bis 1997 hat offenbar über mehrere Jahre eine bekennende Pädophilen-Gruppe in dem Zentrum Unterschlupf gefunden. Wöchentlich hatte sich die Bremer Gruppe der "Arbeitsgemeinschaft Pädophilie Norddeutschland" in den Räumen von "Rat und Tat" versammelt. Der Vorstand des Zentrums, Reiner Neumann, bestätigte dies gegenüber SPIEGEL ONLINE.

Die kurz "AG-Pädo" genannte Gruppe gehört zur "Arbeitsgemeinschaft Humane Sexualität" (AHS) und versteht sich sowohl als Selbsthilfe-Forum, als auch als Netzwerk. Ein Teilnehmer der Gruppe war laut Auskunft des Bremer Zentrums auch Mitglied bei "Rat und Tat". Die AG-Pädo ist eine Vereinigung von Menschen, die sich sexuell zu Kindern hingezogen fühlen. Sie setzt sich unter anderem dafür ein, dass das Schutzalter für Sex mit Kindern auf zwölf gesetzt wird. Viele der Leute sind laut Zeitungsberichten wegen sexuellen Missbrauchs vorbestraft.

Auf der Homepage der Gruppe wird Pädophilie als "die sexuelle oder erotische Orientierung von Erwachsenen auf Kinder" definiert. Es seien lediglich "beschreibende und nicht wertende Begriffe". Dann heißt es bestimmt: "Die AG-Pädo weist daher eine Gleichsetzung von Pädophilie mit Kindesmissbrauch zurück." Man trete "gegen die pauschale Verurteilung von Pädophilie" ein. Die Gruppe betont, dass ihre Beziehungen zu Kindern auf Freiwilligkeit und echter Zuneigung beruhe.

Nachdem es Proteste gegen die Gruppe gehagelt hatte, reagierten im Frühjahr 1997 die Verantwortlichen bei "Rat und Tat". "Wir konnten die Tendenzen nicht mehr gutheißen", sagte Reiner Neumann zu SPIEGEL ONLINE, "die haben Sexualität mit Kindern propagiert." Man habe den Leuten eigentlich helfen wollen, damit sie "das nicht leben".

 Infoseite des Abgeordneten Michael Engelmann auf der Website der Bremischen Bürgerschaft. Der SPD-Politiker hat sein Mandat inzwischen niedergelegt

Infoseite des Abgeordneten Michael Engelmann auf der Website der Bremischen Bürgerschaft. Der SPD-Politiker hat sein Mandat inzwischen niedergelegt

Das Treiben der Pädophilen-AG wurde dem Bremer Verein offenbar unheimlich, hinzu kamen Berichte in den Medien. Neumann: "Dann haben wir sie rausgeschmissen." Doch auch dabei lief nicht alles glatt. Zunächst wurde im Vorstand die nötige Zweidrittelmehrheit nicht erreicht, eine zweite Abstimmung war notwendig. Dazwischen durfte die "AG-Pädo" in Ruhe weiter tagen. Neumann versichert: "Danach ist nie wieder einer der Teilnehmer bei uns im Haus aufgetaucht." Noch im selben Jahr wurde ein bundesweites Treffen der Pädophilen-AG in Frankfurt von den Behörden dort verboten. Neumann beteuert, auch in Bezug auf den Engelmann-Verdacht: "Wir distanzieren uns klar von diesen Bestrebungen."

So deutlich wurde in den Beratungs-Zentrum die Trennung allerdings nicht immer vollzogen. Neumann bestätigte SPIEGEL ONLINE, dass in den achtziger Jahren der umstrittene Bremer Soziologe Rüdiger Lautmann Mitglied von "Rat und Tat" war. Lautmann ist Verfasser des Buches "Die Lust am Kind - Porträt des Pädophilen". Hier unterscheidet Lautmann zwischen Kindesmissbrauch und Pädophilie und bescheinigt dem "strukturierten Pädophilen" eine "eigenständige sexuelle Identität". Ihre Beziehungen zu Kindern seien "Verhältnisse besonderer Art".

Erneut ist der Verein im Dunstkreis des Milieus

Für seine Recherchen reichte es Lautmann, mit verschiedenen Männern, nicht aber mit den verführten Kindern zu sprechen. "Rat und Tat"-Vorstand Neumann hört den Namen seines ehemaligen Mitstreiters inzwischen ungern. Es gebe "keine Aktivitäten von Herrn Lautmann mehr", sagte er. Zumindest seit Ende der achtziger Jahre, als er in den Verein eintrat, habe Lautmann keine Rolle mehr gespielt, er sei inzwischen nicht mehr Mitglied.

Die Engelmann-Affäre kommt "Rat und Tat" also höchst ungelegen, da das Bremer Zentrum sechs Jahre nach dem Skandal erneut in den Dunstkreis des Milieus gerät. Verständlich also, dass die Bremer sich eifrig bemühen, die Querverbindungen der Vergangenheit herunterzuspielen. Auch die Spuren von SPD-Politiker Engelmann wurden auf der Homepage getilgt. "Wir müssen jetzt Schaden vom Verein abwenden", sagte Neumann, "sonst tauchen neue Vorurteile auf und machen unsere erfolgreiche Arbeit kaputt."

Auf der Internet-Seite des Bundesvorstandes der Schwulen und Lesben in der SPD (Schwusos), die nach eigenen Angaben keinen Kontakt zu Engelmann haben, taucht dieser ebenfalls nicht mehr auf. Allerdings, so der stellvertretende Schwuso-Vorsitzende Rolf Küster, habe man damit nichts zu tun. "Wir vermuten, dass er das selbst gemacht hat", so Küster, "wir hatten gar keinen Zugriff auf die Seite." Die Stimmung bei den Schwusos ist weiter bedrückt. "Wir fürchten, dass ein schlechtes Licht auf unsere Arbeit fällt", so Küster. Ansonsten will man abwarten: "Eine Verurteilung findet nicht statt."



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