Kippa-Test "Sie werden sich über die Erfahrungen wundern"

Gideon Joffe hat die Deutschen zum "Kippa-Test" aufgerufen. Im Interview mit SPIEGEL ONLINE erklärt der Vorsitzende der Jüdischen Gemeinde von Berlin, warum man viel lernen kann, wenn man mit einer Kippa oder einem Davidstern durch die Straßen läuft.


SPIEGEL ONLINE: Sie haben die Deutschen zum Kippa-Test aufgerufen. Warum?

Joffe: Viele Menschen verstehen nicht, was wir meinen, wenn wir den Antisemitismus in der Gesellschaft beklagen. Der Kippa-Test ist ein Selbstversuch, eine Möglichkeit, um Antisemitismus am eigenen Leib zu erfahren. Wer am Antisemitismus zweifelt, sollte diesen Versuch einmal starten. Frauen benutzen in der Regel keine Kippa. Sie können stattdessen eine Kette mit einem Davidstern tragen. Sie werden sich wundern, welche Erfahrungen sie machen werden, in der U-Bahn, im Café und an vielen anderen Orten.

Gideon Joffe: "Viele finden die Idee einfach gut"
Jüdische Gemeinde

Gideon Joffe: "Viele finden die Idee einfach gut"

SPIEGEL ONLINE: Sie wollen mit dieser Debatte die Zivilgesellschaft aufrütteln?

Joffe: Ich will keine Debatte, ich will Verständnis und Einfühlungsvermögen. Laut einer Studie der Bertelsmann-Stiftung fordern 60 Prozent der Deutschen einen Schlussstrich. Ich glaube nicht einmal, dass viele von denen dies aus einer schlechten Absicht heraus tun. Viele glauben, es gebe keinen Antisemitismus mehr, und denken, eine Diskussion sei daher unnötig. Das ist ein verbreiteter Irrtum. Die Zahl der antisemitischen Übergriffe hat seit 2004 um 50 Prozent zugenommen.

SPIEGEL ONLINE: Wie sind die Reaktionen auf den Kippa-Test?

Joffe: In 90 Prozent der Fälle positiv. Viele finden die Idee einfach gut.

SPIEGEL ONLINE: In der Jüdischen Gemeinde gibt es aber auch kritische Stimmen.

Joffe: Selbstverständlich wird es bei einer Idee wie dem Kippa-Test auch vereinzelte skeptische Stimmen geben. Einige sagen: Religion ist Privatsache, die hat auf der Straße nichts zu suchen. Andere sind dagegen, nicht-religiöse Menschen aufzufordern, ein religiöses Symbol wie die Kippa zu benutzen. Dennoch: Auch in unserer Jüdischen Gemeinde in Berlin hat sich eine deutliche Mehrheit der Mitglieder positiv geäußert.

Die Fragen stellte Carsten Volkery



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