Von Björn Hengst
Hamburg - Sie setzen auf einen Aufbruch der Linken nach lähmenden Wochen der Personalquerelen: Katja Kipping und Katharina Schwabedissen wollen die Partei als weibliche Doppelspitze führen. Zusammen mit vier Parteifreunden - Bundesgeschäftsführerin Caren Lay, Vorstandsmitglied Brigitte Ostmeyer und den Bundestagsabgeordneten Thomas Nord und Jan van Aken - machen sie sich für eine Führung stark, die die Gräben zwischen den gegnerischen Flügeln überbrücken soll. "Unserer Widersprüche sind wir uns bewusst, aber wir erleben sie nicht als Blockade, sondern als Gewinn", hatten sie in einer Pressemitteilung erklärt.
Kipping, 34, Linken-Parteivize, und Schwabedissen, 39, gescheiterte Spitzenkandidatin bei der nordrhein-westfälischen Landtagswahl, würden für einen Generationswechsel der Genossen stehen. Beide hatten sich zuletzt wiederholt für eine weibliche Doppelspitze stark gemacht. Es war eine Reaktion auf den lähmenden Machtkampf zwischen Dietmar Bartsch und Oskar Lafontaine, der am Dienstag überraschend erklärt hatte, nicht für einen Spitzenposten zur Verfügung zu stehen. Bartsch dagegen hält bisher an seiner Kandidatur fest.
Völlig offen ist, ob Kipping und Schwabedissen imstande wären, die zerstrittene Linke zu einen und auch das ramponierte Image der Partei aufzupolieren. Zwar gelten die beiden, die eher dem linken Flügel der Partei zuzuordnen sind, parteiintern als Hoffnungsträgerinnen - der Öffentlichkeit sind die beiden allerdings weitgehend unbekannt.
Sympathien für weibliche Doppelspitze
Das ist eine schwere Hypothek: In der Vergangenheit hat die Partei besonders von der Prominenz ihrer Führungsfiguren profitiert. Dazu gehörte neben Fraktionschef Gregor Gysi vor allem Lafontaine. Seine Rückzugserklärung lässt allerdings kaum Spielraum für ein weiteres Engagement in der Bundespolitik. Er ziehe sein Angebot zurück, "wieder bundespolitische Aufgaben zu übernehmen", hatte der 68-jährige Saarländer erklärt. Damit dürfte sich auch die Hoffnung mancher Linker erübrigt haben, Lafontaine könnte im nächsten Bundestagswahlkampf noch einmal zusammen mit Gysi als Spitzenkandidat antreten.
Was für die Kipping und Schwabedissen spricht: Sie wollen sich zusammen mit ihren Mitstreitern für eine Kultur des Miteinanders in der Linken stark machen. "Die Polarisierung droht mittlerweile die Partei zu zerreißen. Wir weigern uns dieser Logik zu folgen", heißt es in der Erklärung zur Kandidatur.
Die Linke bräuchte aber wohl gerade jetzt Personen, die die Partei und ihre Ziele stark und überzeugend auch nach außen verkörpern. Schwabedissen und Kipping standen bislang jedoch nicht in der vordersten Reihe.
Zwar gibt es in der Linken Sympathien für eine weibliche Doppelspitze - die Parteisatzung lässt diese Variante ausdrücklich zu -, manche würden sich aber eine andere Zusammensetzung wünschen. So hatte etwa Parteivize Heinz Bierbaum angedeutet, dass Sahra Wagenknecht dabei eine zentrale Rolle spielen müsse. Aber die stellvertretenden Parteivorsitzende und Lebensgefährtin von Lafontaine lässt derzeit keinerlei Ambitionen auf den Chefposten erkennen.
Kampfkandidaturen beim Parteitag in Göttingen
Auch löste die Kandidatur von Schwabedissen bereits erste Kritik aus. Die 39-Jährige sei wegen ihrer "krachenden Niederlage" bei der Landtagswahl in Nordrhein-Westfalen nicht geeignet, sagte der brandenburgische Bundestagsabgeordnete Wolfgang Neskovic. Bei der Wahl war die Partei an der Fünfprozenthürde gescheitert und hatte den erneuten Einzug in den Landtag verpasst.
Bartsch will sich von der Kandidatur von Schwabedissen und Kipping nicht beeinflussen lassen. Er habe seine Kandidatur bereits im vergangenen November erklärt, jetzt müsse der Parteitag entscheiden. "Wir müssen zurück zur Demokratie", sagte Bartsch. Auch Parteifreunde machen sich weiter für den gebürtigen Stralsunder stark: "Er hat ein gutes politisches Konzept", sagte Brandenburgs Linksfraktionschefin Kerstin Kaiser.
Kipping hat sich in der Vergangenheit vor allem für das Grundeinkommen stark gemacht, Schwabedissen kam über die Wahlalternative Arbeit und soziale Gerechtigkeit (WASG) zur Linken. Sie war mit eher schwachen 70,3 Prozent zur Spitzenkandidatin für die NRW-Landtagswahl gekürt worden.
Neben Bartsch, Kipping und Schwabdissen hat außerdem die Bundestagsabgeordnete Sabine Zimmermann ihre Kandidatur für den Parteivorsitz angekündigt. Auch Sarah Waterfeld, Mitarbeiterin des Bundestagsabgeordneten Roland Claus, will antreten. "Ich bin die 99 Prozent", hatte sie über ihre Motivation gesagt - es ist ein Slogan der Occupy-Bewegung. Weitere Kandidaturen können folgen - auch noch beim Treffen in Göttingen.
Fraktionschef Gysi erklärte am Mittwoch, dass "die Aufgabe der Zusammenführung unterschiedlicher, aber wichtiger Teile der Partei" bestehen bleibe. Es sei davon auszugehen, "dass es bis zum und auf dem Parteitag spannend" zugehen werde. "Danach muss es allerdings schleunigst wieder hochpolitisch werden."
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