Kirchbach "Held vom Oderbruch"

Von Rühe ausgesucht, von Scharping bestätigt: Der neue Generalinspekteur Hans-Peter von Kirchbach ist ein Exot unter den Karrieresoldaten.


Gemütvoll ist er und von gedrungener Statur. Im schwarzen Anzug ginge er als Bischof durch, er redet auch so pastoral. Aber nun wird Hans-Peter von Kirchbach, 57, der oberste Soldat der Bundeswehr. Der Mann, der den Kanzler und den Verteidigungsminister beraten muß, während der Bundeswehr auf dem Balkan kriegerische Einsätze bevorstehen, ist der Anti-Typ zum schneidigen Karrieristen.

Von Militärstrategie versteht der Drei-Sterne-General wenig. Nie hatte er einen wichtigen Posten bei der Nato oder im Bonner Führungsstab der Streitkräfte inne. Daß er dennoch Generalinspekteur der Bundeswehr wird, verdankt der Sproß einer sächsischen Familie, die im 17. Jahrhundert geadelt wurde, nicht intellektueller Brillanz und eifrigem Streben, sondern einer Reihe erstaunlicher Zufälle. Er fiel zur rechten Zeit am richtigen Ort den richtigen Leuten auf: erst einem Ausbilder an der Offiziersschule, dann einem Bundeskanzler. Und schließlich dem ganzen deutschen Volk.

Der Ausbilder war Jörg Schönbohm, der später als Heeresinspekteur und Staatssekretär im Verteidigungsministerium wirkte und mittlerweile CDU-Landesvorsitzender in Brandenburg ist. Er wurde auf den braven Soldaten Kirchbach, der sich im Hintergrund zu halten pflegt, nur aufmerksam, weil er selbst von dessen Vater Hermann, der als Oberstleutnant in Pension ging, zum Soldaten ausgebildet worden war.

Nach der Wende 1990 holte Schönbohm seinen Zögling in den Osten. Er sollte helfen, die Nationale Volksarmee der DDR aufzulösen. In Eggesin nahe der polnischen Grenze lotste Kirchbach 15.000 Elitesoldaten ins Zivilleben ­ vielen verschaffte er mit unkonventionellen Methoden neue Arbeitsplätze.

Einem breiten Publikum fiel Kirchbach 1997 als umsichtiger Befehlshaber an der Wasserfront auf. Da war er Divisionskommandeur und dirigierte die Verteidigung der Oder-Deiche, schleppte selber Sandsäcke ­ und wurde von Kanzler Helmut Kohl ("Ein General aus dem Bilderbuch") höchstpersönlich vor die Fernsehkameras gezerrt.

Seitdem kannte auch CDU-Verteidigungsminister Volker Rühe den "Helden vom Oderbruch", den die Personalplaner der Bundeswehr immer für einen kauzigen Sonderling gehalten hatten ­ ungeeignet für Spitzenposten auf der Hardthöhe.

Tatsächlich ist kaum ein krasserer Kontrast vorstellbar als der zwischen Kirchbach und seinen Vorgängern. Der kühle, intellektuelle Klaus Naumann, jetzt Vorsitzender des Militärausschusses der Nato, entsprach dem klassischen Karrierebild: Ambitioniert hatte er sich auf Schlüsselposten bei der Nato und in den Abteilungen für Streitkräfteplanung und Militärpolitik des Bonner Ministeriums hochgedient. General Hartmut Bagger, dem Kirchbach nachfolgt, stand immerhin jahrelang an der Spitze des Heeres.

Unter den Karriereoffizieren blieb Kirchbach ein Exot: Jugendarbeit, Wandern und Reisen nennt er im "Handbuch der Bundeswehr" als seine liebsten Freizeitbeschäftigungen. "Leidenschaftlicher Pfadfinder" ist er bei der Bundeswehr geblieben. Wo er diente, gründete er Pfadfindergruppen: Jeden Tag eine gute Tat.

Was für den Landser früher Pflicht war, ist für den Wandervogel Kirchbach Hobby: Er läuft und läuft und läuft. Wo er stationiert war, suchte er sich Soldaten für den berühmt-berüchtigten Volksmarsch in Nijmegen in den Niederlanden zusammen: 160 Kilometer in vier Tagen, Kirchbach mit Sturmgepäck vorneweg.

"Dienstaufsicht" betreibt er vorzugsweise nach dem offiziellen Dienstschluß oder im Manöver. Kirchbach hockt sich zu Rekruten ans Lagerfeuer, diskutiert bis nachts über das Soldatsein, über Gott und die Welt.

Rühe fand Gefallen am bescheidenen Offizier. Die "Bundeswehr im Einsatz" brauche an der Spitze nicht länger "Nukleartheologen, die jeden Atomsprengkopf kennen". Schritt für Schritt auf Out-of-area-Einsätze vorbereitet, benötige die auf dem Balkan engagierte Truppe vielmehr "Generäle, die gut mit Menschen umgehen können". Er nominierte Kirchbach ­ im Februar vorigen Jahres ­ als Generalinspekteur.

Rühe-Nachfolger Rudolf Scharping (SPD) hätte die Entscheidung nach dem rot-grünen Wahlsieg zwar zurücknehmen können, aber nur um den Preis, den volkstümlichen General zu desavouieren und in der Truppe Unruhe zu stiften.

So wird Kirchbach zu einem Generalinspekteur des Übergangs. Denn den überfälligen Umbau der Bundeswehr ­ samt Schließung weiterer Garnisonen ­ will Scharping erst 2002 beginnen, nach der nächsten Bundestagswahl. Zwar verlangen die neue Nato-Strategie vermehrter Auslandseinsätze und der knappe Wehretat schon vorher rasche Reformen. Aber Scharping will erst einmal die Arbeit seiner Wehrstrukturkommission abwarten.

Daß Kirchbach ein Anhänger der Wehrpflicht ist, kommt dem Verteidigungsminister durchaus gelegen. Um den Streitkräften einen eigenen Stempel aufzudrücken, bleibt dem neuen Generalinspekteur allerdings nicht viel Zeit. Er wird in zweieinhalb Jahren 60 ­ und ist schon pensioniert, wenn die Bundeswehr reformiert wird.

ALEXANDER SZANDAR

DER SPIEGEL 11/1999 - Vervielfältigung nur mit Genehmigung des SPIEGEL-Verlags



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