Kirchen-Schelte Unionspolitiker kritisieren Leutheusser-Schnarrenberger

"Der Sache nicht dienlich", "überzogen", "respektlos": Die Empörung in der Union über die Kirchen-Kritik von Justizministerin Leutheusser-Schnarrenberger nach den Missbrauchfällen wird immer heftiger. Die Koalition steuert auf einen neuen Streit zu.

CDU-Mann Bosbach: "Ich kann mich über das Vorgehen der Ministerin nur wundern"
ddp

CDU-Mann Bosbach: "Ich kann mich über das Vorgehen der Ministerin nur wundern"


Osnabrück -- In der schwarz-gelben Koalition ist ein heftiger Disput über die Aufklärung der Missbrauchsfälle in der katholischen Kirche entbrannt. Mehrere Unionspolitiker wiesen die Kritik von Bundesjustizministerin Sabine Leutheusser-Schnarrenberger am entsprechenden Engagement der Kirche zurück. Sie habe nicht den Eindruck, dass die Verantwortlichen "ein aktives Interesse an wirklich rückhaltloser und lückenloser Aufklärung gezeigt haben", hatte die FDP-Ministerin zuvor erklärt.

Der CDU-Politiker Wolfgang Bosbach wirft Leutheusser-Schnarrenberger nun überzogene Kritik an der Kirche vor. Er sagte der "Neuen Osnabrücker Zeitung": "Ich kann mich über das Vorgehen der Ministerin nur wundern. Mir ist kein Fall bekannt, in dem ein Justizminister während eines laufenden Ermittlungsverfahrens ähnlich massive Kritik an der Kirche geübt hat." Leutheusser-Schnarrenberger gehe eindeutig zu weit, wenn sie den falschen Eindruck erwecke, die katholische Kirche würde eine Aufklärung der Missbrauchsfälle behindern, sagte Bosbach, der Vorsitzender des Innenausschusses im Bundestag ist.

Zu den umstrittenen Richtlinien der katholischen Kirche über die Zusammenarbeit mit der Staatsanwaltschaft bei Verdacht auf Missbrauch sagte Bosbach: "Ich verstehe die Richtlinien so, dass die Kirche damit zwischen haltlosen Gerüchten und nachvollziehbaren Tatsachen unterscheiden will, ehe sie die Behörden hinzuzieht."

"Schnarrenbergers Kritik geht völlig an Wirklichkeit vorbei"

Der stellvertretende Vorsitzende der CDU/CSU-Fraktion, Günter Krings (CDU) sagte der Zeitung: "Ich kann nicht erkennen, dass die Kirche sich bei der Aufklärung der Missbrauchsfälle ungebührliche Verzögerungen vorwerfen lassen muss." Mit Blick auf Leutheusser-Schnarrenberger sagte er: "Öffentliche Schuldzuweisungen sind einer sachlichen Aufarbeitung der Vorfälle sicher nicht dienlich."

CSU-Innenexperte Hans-Peter Uhl warf der Ministerin vor, "die katholische Kirche in der Öffentlichkeit pauschal auf die Anklagebank gesetzt" zu haben. Damit sei sie weit über das Ziel hinaus geschossen.

Der innenpolitische Sprecher der CSU-Landesgruppe im Bundestag, Stephan Mayer, warf der FDP-Politikerin Respektlosigkeit vor. Mayer sagte der "Süddeutschen Zeitung", die von der Ministerin geäußerte Kritik an der katholischen Kirche sei in der Sache unberechtigt; ihre Unterstellung, der Kirche liege nichts an der Aufklärung schwerster Straftaten, gehe "völlig an der Wirklichkeit vorbei". Anders als von ihr dargestellt habe die Bischofskonferenz mit ihren Leitlinien im Jahr 2002 ihre "rückhaltlose Bereitschaft" gezeigt, "Missbrauchsfälle schnell und umfassend aufzuklären".

Mayer betonte, er sei überzeugt davon, dass "in jedem Fall, in dem sich Verdachtsmomente eines sexuellen Missbrauchs erhärten, eine konstruktive Kooperation der katholischen Kirche mit den jeweils zuständigen Ermittlungsbehörden erfolgen wird".

Bereits am Mittwoch hatte der CSU-Bundestagsabgeordnete Norbert Geis gegenüber SPIEGEL ONLINE erklärt, Leutheusser-Schnarrenberger sei "eindeutig über das Ziel hinausgeschossen". Die Koalition müsse dafür sorgen, dass sie "sich zurücknimmt". "Es geht nicht an, dass eine wichtige Ministerin in solcher Weise der katholischen Kirche entgegentritt", sagte Geis. "Zollitsch musste reagieren."

Dem Streit in der Koalition war ein Konflikt zwischen Erzbischof Robert Zollitsch und Leutheusser-Schnarrenberger vorangegangen. Zollitsch hatte der FDP-Politikerin maßlose Polemik vorgehalten und von ihr eine Richtigstellung binnen 24 Stunden gefordert. Die Justizministerin hatte daraufhin dem Erzbischof am Mittwoch ein Gespräch angeboten. Er erklärte sich dazu bereit.

anr/AFP/dpa/ddp/apn



Forum - Missbrauchsfälle - tut die katholische Kirche genug zur Aufklärung?
insgesamt 3747 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
Pandora's Box, 18.02.2010
1.
Zitat von sysopDie Diskussion über die Missbrauchsfälle in Einrichtungen der katholischen Kirche hält an. Tut die Kirche alles Erforderliche, um sexuellen Missbrauch innerhalb ihrer Institution aufzuklären?
Sie tut m.E. eher alles Erforderliche, Nebelkerzen zu werfen, mit spitzem Finger auf andere zu zeigen, Schuld bzw. Verantwortung abzuwälzen und "Haltet den Dieb!" zu rufen. Verschleierungstaktik.
runzel 18.02.2010
2.
Zitat von sysopDie Diskussion über die Missbrauchsfälle in Einrichtungen der katholischen Kirche hält an. Tut die Kirche alles Erforderliche, um sexuellen Missbrauch innerhalb ihrer Institution aufzuklären?
Nein, tut sie nicht und wird diese Institution auch nicht. Auch nicht morgen, übermorgen oder sonst irgendwann. Einzelne werden sicherlich eine Aufklärung wollen und initieren, wie jetzt geschehen, aber unser geheiligter Stellvertreter Gottes wird es nicht tun und er wird seinen Bischöfen und Kardinälen anordnen eine Aufklärung so gut es geht zu behindern oder zu untersagen. Das höchste der Gefühle wird ein albernes und erbärmliches Gefasel nachdem Motto "Ja, da war die ein oder andere Entscheidung nicht sooooooooooo gut und nicht ganz so nachvollziehbar." Amen. Und dann wird weiter von Werten und Moral gefaselt werden wie seit eh und je. Ohne den eigenen Ansprüchen jemals gerecht zu werden, es zu können geschweige denn dieses zu wollen.
ntholeboha 18.02.2010
3. Aber JA! - zum Selbstzweck
Zitat von sysopDie Diskussion über die Missbrauchsfälle in Einrichtungen der katholischen Kirche hält an. Tut die Kirche alles Erforderliche, um sexuellen Missbrauch innerhalb ihrer Institution aufzuklären?
Leider ist ja das andere, das Mixa-Thema, geschlossen. Damit wird sich wohl auch Cinderella01 als querschiessendes Schneewittchen bald hier einfinden und gegen alle Logik den Kampf pro rkK weiterfuehren. Ob dies jedoch der dieser Heilslehre und deren ( fast weltweitem!)Missbrauch dienlich sein wird?? Wuerde die rkK wirklich Aufklaerung betreiben, saehe dies anders aus. So bleibt es wohl doch bei 'erschuetterten' Mienen und der Notwendigkeit das eigene Haus nicht zu sehr beschmutzen zu lassen. Bleibt die Frage wann eigentlich die Staatsanwaltschaft massiv eingreift, um diesen Suendenpfuhl grundlegend zu reinigen!
Jinen 18.02.2010
4. 2do
Es gibt einfache Wege, diesem Uebel ein Ende zu bereiten: 1. Sofortiger Stop der Verflechtung von Staat und Kirche. Speziell, keinerlei Missbrauch des staatlichen Amtsapparats fuer das Eintreiben der Mitgliedsgelder fuer diese Vereine mehr. Kirchen sollen sich komplett selbst finanzieren. 2. Sofortiges Schliessen von Institutionen, bei denen Missbrauchsfaelle gegenueber Kindern und Jugendlichen glaubhaft bekannt werden bis zur entgueltigen Klaerung der Sachverhalte. Bei Einrichtungen, wo Missbrauch an der Tagesordnung stand/steht, permanente Schliessung wegen Allgemeingefaehrlichkeit. 3. Konsequente Bestrafung der Taeter ohne Wenn und Aber. 4. Konsequente Bestrafung ihrer Vorgesetzten, falls diese ihnen bekannte Faelle intern ignoriert oder vertuscht haben sollten wegen Mittaeterschaft, mindestens unterlassener Hilfeleistung. 5. Pfaendung von Loehnen und Kircheneigentum fuer Opferschadensersatz, die externe Experten via Gericht festlegen. 6. Nichtigkeitserklaerung fuer alle Schweigeerklaerungen, die Opfer abgegeben haben. Bekommenes Geld wird gegen oben genannten Schadensersatz gegengerechnet. 7. Aufhebung der Verjaehrung dieser Verbrechen. Siehe Punkt 3. Nur mal so zum Anfang....
detrius 18.02.2010
5. Verkehrte Frage
Zitat von sysopDie Diskussion über die Missbrauchsfälle in Einrichtungen der katholischen Kirche hält an. Tut die Kirche alles Erforderliche, um sexuellen Missbrauch innerhalb ihrer Institution aufzuklären?
Solange Bischöfe in der katholischen Kirche mit der Verschleierung von sexuellem Missbrauch Karriere machen und ggf. Papst werden, stellt eine Frage wie diese die Realität auf den Kopf.
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
Diskussion geschlossen - lesen Sie die Beiträge! zum Forum...

© SPIEGEL ONLINE 2010
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.