Kirchenstreit in der Union: Kardinal Meisners Helfer mischen die CDU auf

Eine Analyse von Gerd Langguth

Ärger für Angela Merkel: Die Gründung eines "Arbeitskreises Engagierter Katholiken in der CDU und CSU" weckt böse Erinnerungen an frühere Grabenkämpfe zwischen Katholiken und Protestanten. Entzückt ist allein der erzkonservative Kölner Kardinal Meisner.

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Kardinal Meisner: "Froh über die Initiative einiger katholischer CDU- und CSU-Freunde"

In der Union herrscht Unruhe. Unzufriedene CDU- und CSU-Mitglieder haben eine "Marktlücke" in der eigenen Partei entdeckt und ohne rechtzeitige Information der Parteivorsitzenden Angela Merkel eine Initiative namens "Arbeitskreis Engagierter Katholiken in der CDU und CSU (AEK)" ins Leben gerufen. Das klingt harmlos, ist aber brisant. Denn der überkonfessionellen Union droht eine Debatte über die Rolle der Kirchen und der Konfessionen innerhalb der Partei. Bei Merkel und ihrem Generalsekretär Hermann Gröhe müssen die Alarmglocken klingeln.

Jetzt hat Joachim Kardinal Meisner, Kölns katholischer Oberhirte, endlich einmal an einer Entwicklung in der CDU Wohlgefallen: Jahrelang geißelte er die CDU, sie habe die Prinzipien der katholischen Glaubenslehre verlassen; er predigte, ihr müsse das "C" in ihrem Namen entzogen werden. Die Gründung des "AEK" ließ den Oberfundamentalisten der katholischen Amtskirche frohlocken: Er sei "sehr froh über die Initiative einiger katholischer CDU- und CSU-Freunde", teilte er mit.

Der Namenskürzel "AEK" orientiert sich an dem "Evangelischen Arbeitskreis" (EAK) von CDU und CSU - weshalb spöttisch schon von einer "Buchstabentravestie" gesprochen wird.

Schon seit langem gibt es ein Grummeln bei manchen katholischen Parteimitgliedern, etwa als Angela Merkel in aller Öffentlichkeit den Papst wegen seiner Entscheidung in Sachen "Piusbrüder" kritisierte. Die ostdeutsche Protestantin Merkel hatte wohl die Wirkung dieser Papstkritik in Teilen ihrer Partei unterschätzt. Ihre zahlreichen Gespräche, Vorträge vor katholischen Akademien und sogar ein Anruf beim Papst ließen die Kritik von Fundamentalisten an der CDU-Parteibasis nicht verstummen.

Die Protestanten antworteten prompt

Mitten in der Wahlkampfzeit veröffentliche das CDU-Mitglied Martin Lohmann, der eigentliche Organisator des AEK, eine Schrift, die direkt auf Angela Merkel zielte: "Eine wiederverheiratete geschiedene protestantische Frau ist halt auch im Blick auf das 'C' nicht mit Ansprüchen zu konfrontieren, die für Konrad Adenauer noch selbstverständlich waren." Meisner, der einst kritisierte, dass Merkel - seinerzeit noch Generalsekretärin ihrer Partei - ohne Trauschein mit einem Mann zusammenlebte, wird auch das mit Wohlgefallen gelesen haben.

In der "Evangelischen Verantwortung", dem Organ des EAK, folgte eine zornige Replik auf Lohmann: "Hier schreibt sich einer gleichsam alles vom Leibe, was sein schöngefärbtes und heiles Weltbild ins Wanken zu bringen droht." Hier werde einer an der CDU irre, "weil er selber letztlich einen irregeleiteten Zugang zur Grund- und Gesamtproblematik hat und alles nur noch durch eine einseitige Brille der eigenen, milieugebundenen Befangenheiten zu sehen vermag". Das ist zweifellos starker Tobak - Vorbote einer neuen, interkonfessionellen Auseinandersetzung innerhalb der Union?

Den "AEK"-Gründern ist ein Dorn im Auge, dass es einen Evangelischen Arbeitskreis gibt, eine vergleichbare katholische Repräsentanz aber fehlt. Doch das erklärt sich aus der Geschichte der Union: Der EAK wurde im Einvernehmen mit der Parteispitze 1952 gegründet, als die CDU noch den Ruf einer "katholischen Partei" hatte. Gründunginitiator war der ehemalige Bundestagspräsident Hermann Ehlers, ein Mann der Bekennenden Kirche und damit Gegner des Nazi-Regimes. Nachdem der führende protestantische Politiker Gustav Heinemann, der im ersten Kabinett Adenauer Innenminister war, von diesem Amt bereits 1950 zurück- und 1952 aus der CDU austrat, dann die "Gesamtdeutsche Volkspartei" (GVP) gründete, bestand für die Unionsparteien die Gefahr, dass dieses Signal Heinemanns eine Sogwirkung auf viele evangelische Wähler entfalten könnte. Er wurde 1969 für die SPD Bundespräsident.

Gründung ohne Absprache mit der Führung

Die AEK-Gründung hingegen ist eine Initiative ohne Absprache mit der CDU-Parteiführung. Wenige Stunden vor einer Pressekonferenz fand ein Gespräch des CDU-Generalsekretär Gröhe mit dem AEK-Gründer Lohmann statt, der seinem verdutzten Parteifreund die Planungen mitteilte.

Lohmann beklagt, inzwischen dominiere nicht mehr der "rheinische Katholizismus" die Union, sondern es gebe heute "eher das umgekehrte Gefühl", dass die CDU "zu sehr vom Protestantismus dominiert" sei. Auf den ersten Blick wird er sogar bestätigt: Angela Merkel, ihr Parteigeneralsekretär Hermann Gröhe und der Fraktionsvorsitzende Volker Kauder sind evangelisch. Die Lohmann-Anwürfe lassen eine längst verloren geglaubte Konfessionszählarithmetik wieder aufleben: So sind aber alle vier Stellvertretenden CDU-Bundesvorsitzenden Roland Koch, Christian Wulff, Jürgen Rüttgers und Annette Schavan katholisch.

Geht man auf die Ebene der Ministerpräsidenten, so sind es fünf, die evangelisch sind, nämlich Ole von Beust (Hamburg), Peter Harry Carstensen (Schleswig-Holstein), Wolfgang Böhmer (Sachsen-Anhalt), Günther Oettinger bzw. bald Stefan Mappus (Baden-Württemberg) und die neue Ministerpräsidentin Thüringens, Christine Lieberknecht. Katholisch sind die bereits genannten Ministerpräsidenten Koch, Wulff und Rüttgers sowie Peter Müller (Saarland), Stanislaw Tillich (Sachsen), ferner Horst Seehofer (Bayern). 49,4 Prozent der CDU-Mitglieder sind katholisch. 31 Prozent evangelisch, in der CSU sind etwa 85 Prozent katholisch. Im nordrhein-westfälischen Landeskabinett beispielsweise sind mit Ausnahme der Kultusministerin Barbara Sommer alle Unionsminister katholisch.

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Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 314 Beiträge
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    Seite 1    
1. Die Katholiken in der CDU
mooringman 25.12.2009
Ich wußte es doch,Gefahr droht Angie nicht vom politischen Gegner,nein gefährlich wird die eigene Partei.Wenn Typen wie der berühmt berüchtigte Kardinal M. mitzureden haben,dann ist es schlecht bestellt um die Demokratie nicht nur in der CDU sondern in ganz Deutschland. Die Katholiken haben in ihrer glorreichen Geschichte nicht nur in der CDU genug Schaden angerichtet. Was wäre eigentlich,wenn der Hamburger Bürgermeister katholisch wäre????? Frohe Weihnachten allerseits!
2. Die Säkularisierung selbst der christlichen Milieus ist ein Segen
MonaM 25.12.2009
Zitat von sysopÄrger für Angela Merkel: Die Gründung eines "Arbeitskreises Engagierter Katholiken in der CDU und CSU" weckt böse Erinnerungen an frühere Grabenkämpfe zwischen Katholiken und Protestanten. Entzückt ist allein der erzkonservative Kölner Kardinal Meisner. http://www.spiegel.de/politik/deutschland/0,1518,667126,00.html
Sollen sie doch. Wen interessieren ein paar frömmelnde Wichtigtuer, denen es letztlich doch nur um Wählerstimmen geht. Seien wir froh, dass die Meisners & Co. auch in der "christlichen" Union nichts mehr zu melden haben und nur noch am erzkonservativ-fundamentalistischen Rand Gehör finden. In diesem Sinne: Frohe Weihnachten!
3. Wie unwichtig...
Jott 25.12.2009
Gibt es in Zeiten von Klimawandel und Wirtschaftskrise etwas belangloseres als Religionzugehörigkeit? Die jüngeren Generationen stehen so etwas mit Unverständnis gegenüber...
4. Ist das denn schlimm?
Iggy Rock 25.12.2009
Jedem sein Grüppchen, mir egal was die Katholiken innerhalb der Union anstellen, sollen sie doch, wenn's glücklich, bzw. seelig, macht. Das C vermisse ich ebenfalls schon lange in der Union, ich frage mich regelmäßig was es in dem Parteinamen noch verloren hat, wenn es ohnehin modernem Gedankengut gewichen ist. Eine Sache würde mich, als bekennenden Protestanten, aber trotzdem interessieren. Was sagt der AEK eigentlich zum Privatleben von Herrn Seehofer?
5. Zweierlei Maß
Populist 25.12.2009
Wenn islamische Verbände gegründet werden, wird mn nicht müse, sie zu hofieren und täglich zu fragen, ob ihe Interessen und sie selbst auch gebührend gewürdigt werden. Dieselben Leute, die dem Islam mit vorauseilender Huldigung begegnen, haben für christliche Vereinigungen, die ihre Interessen gewahrt sehen wollen, nur Hohn und Spott übrig. Das erkläre mir einer. Ich bin froh, dass die Beliebigkeitskanzlerin, die langsam aber sicher alle traditionellen Werte schleift, nun einen Widerpart bekommt. Wenn sie meint, nach Kohlscher Art alles aussitzen zu können, wird sie sich täuschen.
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Zum Autor
DPA
Gerd Langguth, Jahrgang 1946, lehrt Politische Wissenschaft an der Universität Bonn. Er ist ehemaliges Mitglied des Bundestags und des CDU-Parteivorstands. Von 1988 bis 1993 leitete er die Vertretung der Europäischen Kommission in Deutschland.