Kirchentag Love Parade mit Gendebatte und Gebeten

Beifall für Thierse, Pfiffe für Koch, katholische Würstchen für evangelische Bäuche, Sommerferien für die Schüler. In Frankfurt hat der 29. Evangelische Kirchentag begonnen. Mit 250.000 Besuchern.


Dolde, Thierse, Koch und Oberbürgermeisterin Petra Roth
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Dolde, Thierse, Koch und Oberbürgermeisterin Petra Roth

Frankfurt im Westen - Der Kapuzinermönch am Liebfrauenkloster in der Frankfurter Innenstadt brachte die praktizierte Ökumene auf den Punkt: "Katholische Würste für evangelische Bäuche" pries er am Stand des Klosters den Kirchentagsbesuchern seine original aus dem Vatikanstaat importierten "Salsicce di Papa" vom Rost an. Die Szene war typisch für den Auftakt des Christentreffens in der Main-Metropole: Fröhlichkeit und ökumenischer Geist prägten sowohl den Eröffnungsgottesdienst auf dem Römerberg als auch den von 250.000 Menschen besuchten "Abend der Begegnung" in der City am Mittwoch.

Ökumenische Fronleichnamsprozession vor dem Römer
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Ökumenische Fronleichnamsprozession vor dem Römer

So erhielten schon bei den Ansprachen im Anschluss an den Auftaktgottesdienst unter freiem Himmel ausgerechnet zwei Katholiken den größten Beifall: Bundestagspräsident Wolfgang Thierse (SPD) und der Limburger Bischof Franz Kamphaus. Pfiffe erntete dagegen der hessische Ministerpräsident Roland Koch (CDU). Dabei trugen alle drei wie auch Kirchentagspräsident Martin Dolde und die Frankfurter Oberbürgermeisterin Petra Roth demonstrativ den weißen Schal, der Kirchentagsbesuchern als Zeichen gegen Gewalt, vor allem die von rechts, verkauft wird.

Mit diesen Schals, aber auch den typischen lila Kirchentagsbändern, Rucksäcken, kurzen Lederhosen und oft Stadtplänen in der Hand prägen die allein rund 100.000 angemeldeten Dauerbesucher aus ganz Deutschland noch bis Sonntag das Frankfurter Stadtbild. S- und U-Bahnen sind oft überfüllt, Angestellte der Stadtwerke müssen als Ordnungsdienst Sonderschichten einlegen. Als einzige in Hessen haben die Frankfurter Schüler bereits schon jetzt Sommerferien, denn ihre Aulen und Turnhallen werden als Quartiere für die meist jungen Christen von auswärts benötigt.

Auf dem Römerberg während des Eröffnungsgottesdienstes
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Auf dem Römerberg während des Eröffnungsgottesdienstes

Nur in Berlin war die von Harald Schmidt als "christliche Variante der Love Parade" verspottete Veranstaltung noch öfter als in Frankfurt, wo die Massenveranstaltung nach 1956, 1975 und 1987 bereits zum vierten Mal zu Gast ist. Und für Themen wie Geld, Globalisierung und Migration, die neben der Gentechnik zu den wichtigsten des Kirchentags gehören, ist Frankfurt ja prädestiniert. Doch auch in dieser Stadt, "wo die Globalisierung aller Lebensbereiche mit Händen zu greifen ist, einer Stadt, in der der Umgang mit Geld und seiner Macht und Anziehungskraft zum Alltag gehört", stehe der "segnende Christus zu Recht über den Dächern und Brücken", sagte der hessische Kirchenpräsident Peter Steinacker in der Eröffnungspredigt. Freilich heiße das nicht, dass er auch den Missbrauch wirtschaftlicher Freiheit absegne, Verstöße gegen die Menschenwürde oder die Benachteiligung der südlichen Länder beim Handel.

Von Rock zu "Komm Herr, segne uns"

Nur bedingt profitieren wird die Frankfurter Wirtschaft jedenfalls von dem "Abend der Begegnung", der nach Eröffnung des Kirchentags zum größten Volksfest in der Stadt seit langem wurde. Stand an Stand präsentierten sich zwischen Eisernem Steg, Römerberg und Hauptwache die evangelischen Dekanate aus ganz Hessen. Sie boten Kulinarisches aus der jeweiligen Region zum Selbstkostenpreis. Oder machten Musik, wie die Alphornbläser aus Waldeck und die Rocker aus verschiedenen Dekanaten. Letzteren fiel es nicht einmal schwer, vor dem Abendsegen um 22 Uhr auf das Lied "Komm, Herr, segne uns" umzuschalten.

Tausende kamen zum gemeinsamen Gebet zusammen.
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Tausende kamen zum gemeinsamen Gebet zusammen.

Eine ausgelassene Stimmung herrschte sowohl beim Abend der Begegnung als auch dem allein von 25.000 Menschen besuchten Eröffnungsgottesdienst auf dem Römerberg. Angeheizt von der Bluesstimme der Sängerin Joy Fleming und den Klängen des jüdischen Klarinettisten Giora Feidman sangen sie beschwingt-fröhliche Lieder wie eine Neuvertonung des Kirchentagsmottos "Du stellst meine Füße auf weiten Raum" aus dem 31. Psalm. Und selbst, als die Professorin Nadia Kevan von der Essener Folkwang-Schule zum "Bewegungsgebet" rief, machten alle mit: Auch Koch, Thierse, Roth und die Kirchenoberen hoben und senkten die Hände immer wieder wortlos im angegeben Rhythmus.

Thierse wurde dann für seine Mahnung beklatscht, es müsse auch weiter Werte geben, die nicht an der Börse gehandelt würden. Der katholische Bischof Kamphaus schließlich machte schon mit der Anrede "Liebe Geschwister im Glauben" den vorausgegangenen Streit über das Feierabendmahl vergessen und nahm die Herzen der evangelischen Kirchentagsbesucher erst recht mit dem Wort von den Christen als "erste Global Player", aber auch "Global Prayer" ein.

Gerhard Kneier, AP



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