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11. Juni 2012, 17:45 Uhr

Debatte über Betreuungsgeld

Ramsch für Kinder

Ein Kommentar von

Ex-Schlecker-Mitarbeiterinnen als Erzieherinnen, laxere Baustandards für Kitas: Die Regierung setzt beim Ausbau der Kinderbetreuung auf Billigmodelle, statt die Qualität zu fördern. Eine Steilvorlage für Fans der "Herdprämie", die ihre düsteren Warnungen vor "Aufbewahrungsanstalten" bestätigt sehen.

Berlin - Familienministerin Kristina Schröder hat ein hehres Ziel. Sie will das Vertrauen der Eltern in die Qualität der Kinderbetreuung in Deutschland steigern. Das Kindeswohl müsse gefördert werden. So steht es unter Punkt neun im Zehn-Punkte-Plan für den Kita-Ausbau, den die CDU-Politikerin jüngst vorstellte.

Schröders Qualitätsversprechen klingt angesichts der neuesten Pläne der Bundesregierung zumindest widersprüchlich. Zurzeit kommen aus Berlin immer neue Vorschläge, um den stockenden Kita-Ausbau zu beschleunigen. Denn 2013 tritt der Rechtsanspruch auf einen Kita-Platz für Ein- und Zweijährige in Kraft, bis dahin muss das Ziel erreicht sein, sonst droht eine Klagewelle.

Jedes Mittel ist recht

160.000 Betreuungsplätze fehlen, es mangelt an mehr als 14.000 Erzieherinnen. Der Regierung scheint plötzlich jedes Mittel Recht.

Deutsche Ausbildungsstandards sind eh schon niedrig

Um Missverständnissen vorzubeugen: Vielleicht sind unter den arbeitslosen Schlecker-Mitarbeiterinnen viele, die auch gute Erzieherinnen abgeben würden. Dass sie, nur weil sie verzweifelt nach einem neuen Job suchen und Frauen sind, dafür geeignet sind, Kleinkinder zu betreuen, zu erziehen und zu fördern, ist jedoch ein Trugschluss. Eine gute Erzieherin muss nicht einfach nur Kinder mögen - es handelt sich um einen sehr anstrengenden Job mit einer Verantwortung nicht nur für das körperliche Wohlergehen, sondern auch für die seelische Entwicklung der Kinder, die kaum hoch genug einzuschätzen ist.

In Deutschland ist der Ausbildungsstandard von Erzieherinnen ohnehin schon niedrig - nur ein Bruchteil der "Kindergärtnerinnen" hat eine akademische Ausbildung. Forscher kritisieren das seit langem. In anderen Ländern sieht es ganz anders aus. Etwa in Dänemark, wo 60 Prozent der Erzieher einen Hochschulabschluss haben.

Wenn es im Streit darum, ob und warum Kleinkinder besser bei ihren Eltern oder in der Kita aufgehoben sind, einen kleinen gemeinsamen Nenner gibt, dann ist es der: Es kommt nicht nur darauf an, ob und wann ein Kind in die Kita geht, sondern vor allem in was für eine Kita es geht. Der renommierte dänische Kinderpsychologe Jesper Juul etwa fordert einen Betreuer für je vier ein- bis dreijährige Kinder.

All das ist in Deutschland nicht geplant - statt Kitas besser zu machen, werden in den nächsten Jahren Milliarden an Eltern gezahlt, die ihre Kinder privat zu Hause betreuen.

Das Fatale daran ist, dass Merkel, Schröder und Co. mit ihren überhasteten Offensiven all den Warnungen von Konservativen erst Nahrung geben. Nämlich, dass Kinder in der Kita "aufbewahrt" werden, dass sie dadurch Schaden nehmen könnten.

Die neue Merkelsche Familienpolitik sendet das Signal aus: Uns ist das Wohlergehen der Kita-Kinder nicht so wichtig.

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