Studie zu Kinderarmut In der Kita sollte Arm auf Reich treffen

Arme Kinder sind schon zu Beginn der Schule benachteiligt. Ein früher Kita-Besuch könnte laut einer neuen Studie zwar helfen - aber nur, wenn auch reiche Eltern ihren Nachwuchs dort hinschicken.

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Kinder in Mülheim spielen Fußball: Nur wenige arme Kinder treiben Sport im Verein
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Kinder in Mülheim spielen Fußball: Nur wenige arme Kinder treiben Sport im Verein


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Hamburg - In Mülheim an der Ruhr lebt knapp ein Drittel der Kinder unter sechs Jahren von Hartz-IV-Leistungen. In der Innenstadt und im Stadtteil Styrum liegen die Armutsquoten bei bis zu 50 Prozent, in manchen Kitas sind mehr als 70 Prozent der Kinder arm. Die Bertelsmann-Stiftung hat die Ruhrgebietsstadt als Fallbeispiel analysiert und kommt zu dem Schluss: "Kinderarmut ist kein Randphänomen, sondern betrifft jedes fünfte Kind unter drei Jahren in Nordrhein-Westfalen."

Für die Studie "Der Einfluss von Armut auf die Entwicklung von Kindern" haben die Ruhr-Universität Bochum und Mülheim an der Ruhr im Auftrag der Bertelsmann-Stiftung die Daten von 4802 sogenannten Schuleingangsuntersuchungen ausgewertet.

Demnach sind arme Kinder bei ihrer Einschulung häufig auffällig in ihrer Hand-Augen- sowie der Körperkoordination. Außerdem können sie sich schlechter konzentrieren, sprechen schlechter Deutsch und können nicht so gut zählen wie Kinder, deren Familien nicht durch Hartz-IV-Leistungen unterstützt werden.

Für die Mehrheit dieser Kinder sei der Bezug der staatlichen Grundsicherung ein Dauerzustand. Das Fazit der Experten: "Diese Kinder sind in einem hohen Maße unterstützungsbedürftig, wenn sie nicht dauerhaft zurückgelassen werden sollen."

Wichtig für die Bildungschancen der Kinder sei der Besuch einer Kindertagesstätte. Doch ganz so einfach funktioniere das nicht. "Ein früher Kita-Besuch kann negative Folgen von Kinderarmut verringern", heißt es in der Studie. "Allerdings ist das kein Automatismus." Positive Effekte für die Entwicklung der Kinder treten demnach nur dann ein, wenn die Kita-Gruppen sozial gemischt sind.

Weil die Armut jedoch höchst unterschiedlich verteilt sei, könnten Kitas eine Durchmischung oftmals nicht gewährleisten. Ein "Gießkannenprinzip" bei der Verteilung von Fördergeldern sei demnach nicht sinnvoll: "Kitas in sozialen Brennpunkten brauchen mehr Geld, mehr Personal und andere Förderangebote", sagte Brigitte Mohn, Vorstand der Bertelsmann Stiftung.

Weitere Ergebnisse der Studie:

  • NRW ist besonders betroffen: Während bundesweit laut den Zahlen der Bundesagentur für Arbeit jedes sechste Kind unter drei Jahren in Armut aufwächst, gilt dies in dem Bundesland für jedes fünfte Kind - und zwar als Dauerzustand. Besonders hoch ist die Kinderarmutsquote mit 28,3 Prozent im Ruhrgebiet, und sie nimmt weiter zu.

  • Kinderarmut ist regional ungleich verteilt: Am niedrigsten war sie mit 2,3 Prozent in Pfaffenhofen an der Ilm, am höchsten mit 40,3 Prozent in Bremerhaven. Stark betroffen sind neben NRW auch Teile Ostdeutschlands, Großstädte sowie altindustrialisierte Regionen, etwa im Saarland.
  • Arme Kinder wachsen laut der Studie häufiger ohne Vater auf. Ein großer Teil von ihnen hat einen Migrationshintergrund und Eltern mit geringer schulischer und beruflicher Bildung.
  • Die Analyse der Schuleingangsuntersuchung und von Daten über Hartz-IV-Bezieher zeigt, dass Kinderarmut ein nachweisbares Risiko für die Entwicklung von Kindern ist.

  • Sowohl der frühe Besuch einer Kita als auch der Besuch einer sozial gemischten Kita wirken positiv auf die Entwicklung von Kindern.
  • Das Bildungsangebot kommt nicht bei armen Kindern an: Nur wenige gehen früh zur Kita, treiben Sport im Verein oder genießen musische Bildung.

Die Studienergebnisse stützen die Ziele eines Projekts, das die Bertelsmann-Stiftung selbst in NRW gestartet hat. Gemeinsam mit der Landesregierung will die Stiftung in 18 Städten und Kreisen die Entwicklung armutsgefährdeter Kinder frühzeitig fördern. Hartz-IV-Familien sollen so gezielt angesprochen und motiviert werden, ihr Kind in eine Kita zu schicken. Brennpunkt-Kitas sollen stärker mit sozialen Diensten, Sport- und Kulturvereinen vor Ort zusammenarbeiten.


Zusammenfassung: Die Bertelsmann-Stiftung hat Mülheim an der Ruhr als Fallbeispiel analysiert und kommt zu dem Schluss, dass Kinderarmut kein Randphänomen ist, sondern jedes fünfte Kind unter drei Jahren in NRW betrifft. Wichtig für die Bildungschancen der Kinder sei der Besuch einer Kindertagesstätte. Positive Effekte treten jedoch laut Studie nur dann ein, wenn die Kita-Gruppen sozial gemischt sind.

Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 158 Beiträge
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Seite 1
kimmberlie67 13.03.2015
1. Diese Studie hat bestimmt viel Geld gekostet
ist aber so Sinnvoll wie ein Kropf.
egal 13.03.2015
2. Nee iss klar
Gutbehütete Kinder sind nicht dafür verantwortlich, kindern aus bildungsfernen Schichten auf die Sprünge zu helfen. Unglaublich, was in diesem Land für ein Schwachsinn abgesondert werden darf.
question2001 13.03.2015
3. Migrationshintergrund
Ohne polemisch sein zu wollen: dass ein Großteil dieser in der Entwicklung zurück gebliebenen Kinder Migrationshintergrund haben hat nicht gerade überrascht. Die verantwortungslose Bedenkenlosigkeit mit der weite Kreise einer völlig ungeregelten Immigration das Wort sprechen wird auch an diesem Beispiel deutlich. Immer wird behauptet dass sei eine Bereicherung. Manche scheinen zu glauben dass"wir" alle Defizite quasi magisch ausgleichen. Das ist aber nicht so. Wenn es jetzt schon nicht funktioniert dann wird es noch viel schlimmer, inklusive Ghetto-Bildung, wenn man wie gefordert "Herzen und Türen" weit öffnet. Leider müssen diejenigen die sich an ihrer eigenen Philanthropie berauschen mal KONZEPTE vorlegen, auch für die Finanzierung. Sind diese Leute, meist Gutverdiener, bereit mehr Steuern zu bezahlen und ihre verwöhnten Kinder als "Förderer" der anderen in die Kitas zu schicken? Denn wenn die Mischung den zurück gebliebenen nützt, wäre ja zumindest denkbar dass es für die anderen nicht vorteilhaft ist....
fernossi 13.03.2015
4. Gegenfrage
Wurde auch untersucht, welche negativen "Mitnahmeeffekte" auftreten, wenn Kinder aus bildungsaffinen Häusern in "Problemkitas" kommen?
marthaimschnee 13.03.2015
5.
"Die Analyse .. zeigt, dass Kinderarmut ein nachweisbares Risiko für die Entwicklung von Kindern ist." Wahnsinn, Armut schadet den Menschen! Gebt den Bertelsmännern den Nobelpreis für diese bahnbrechende Erkenntnis! PS: War es nicht gerade Bertelsmann, die all die Reformen hochgejubelt oder selber inszeniert haben, die diesen Zustand herbeiführten?
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