Kita-Streik Schluss mit Kuscheln

11.000 Erzieherinnen haben in sechs Bundesländern gestreikt - und das ist erst der Anfang: Die Gewerkschaften kündigen weitere Proteste an. In Kiel lag ein Schwerpunkt des Ausstands. 250 wütende Erzieherinnen ließen die Kinder vor verschlossenen Türen stehen und griffen zur Trillerpfeife.

Aus Kiel berichtet


Simon trägt die rote Fahne voller Stolz - wenn auch mühsam. Die Holzstange ist länger als er selbst, das etwa ein Quadratmeter große Stofftuch mit dem weißen Schriftzug ver.di gebärdet sich widerspenstig im starken Wind, wickelt sich abwechselnd um Beine und Kopf. Aber er verteidigt sie tapfer gegen alle begehrlichen Blicke der Kinder um ihn herum - die haben nämlich bloß kleine Papierfähnchen abbekommen.

Der Vierjährige ist mit seiner Mutter und seiner zweijährigen Schwester Anna zur Demo in Kiel gekommen. Er findet es "guuut", dass an diesem Freitag der Kindergarten ausfällt, dass er einen Tag mit Mama gewonnen hat und dass ein echtes Polizeiauto direkt hinter ihm im Schritttempo fährt.

Christiane Kerlen, 40, hat sich am Morgen ihre beiden Kinder geschnappt und der Demonstration der Erzieherinnen angeschlossen, weil sie findet, dass deren Forderungen berechtigt sind. "Es geht darum, dass dieser Beruf mehr Anerkennung erhält." Sie hat Glück, dass der Streik ausgerechnet an diesem Tag stattfindet: Freitags arbeitet die wissenschaftliche Mitarbeiterin eines Instituts nicht. Kein organisatorisches Problem also für sie, dass der Kindergarten geschlossen ist. Christiane Kerlen, die sich auch im Kreiselternverband engagiert, marschiert mit einer Handvoll anderer Mütter am Ende des Demonstrationszuges.

Vor ihnen ziehen mehr als 250 Erzieherinnen und auch ein paar Erzieher unter strahlend blauem Himmel durch die Innenstadt Kiels, einem der Schwerpunkte des von den Gewerkschaften Ver.di und GEW zunächst in sechs Bundesländern organisierten Streiks. Sie pusten in ihre Trillerpfeifen, schleppen Transparente mit der Forderung nach mehr Lohn, viele tragen kämpferisch rote T-Shirts mit dem Aufdruck "Zukunftsgestalterin".

Insgesamt haben sich laut Ver.di am Freitag rund 11.000 Erzieherinnen an Aktionen in Schleswig-Holstein, NRW, Rheinland-Pfalz, Hessen, Bremen und Baden-Württemberg beteiligt. Ab Montag sollen Streiks in Bayern, Saarland und Niedersachsen hinzukommen. Ziel ist ein Tarifvertrag zum Gesundheitsschutz - aber eigentlich auch mehr Geld, mehr Personal.

36 kommunale Kitas gibt es in Kiel. Das entspricht laut GEW etwa einem Drittel aller Kitas der Stadt. 25 der kommunalen Kitas haben an diesem ersten Streiktag komplett geschlossen - was 3000 Kinder betrifft.

Carola Pasch ist mit ihren Kolleginnen von der Kita "Woltersweg" hierhergekommen. Sie ist seit 15 Jahren im Beruf und spürt seitdem eine stetig zunehmende Arbeitsbelastung. Der Bildungsauftrag an die Kitas ist gewachsen, gleichzeitig verlagern viele Eltern die Erziehung ihrer Kinder komplett an die Profis, und nicht selten ist eine Erzieherin mit 23 Kindern allein. Jetzt wollen viele von ihnen nicht mehr dem Klischee der braven Kindergärtnerin entsprechen. Die Zeit des Kuschelkurses ist vorbei - stattdessen zeigen sie sich kämpferisch. "Ich wünsche mir, dass wir mehr Gehör kriegen", formuliert Carola Pasch ihre Hoffnungen auf den Effekt der Streiks. "Es muss auch Überlegungen geben, wie ältere Erzieherinnen im Beruf gehalten werden können." Eine ihrer Kolleginnen fordert schlicht mehr Zeit. "Wir kriegen ja immer mehr Aufgaben dazu, bis hin zum Berichte schreiben. Wann sollen wir das erledigen?" Und sie machen sich Sorgen, wie sich junge Leute für den Beruf entscheiden sollen. "Sicher gehört Leidenschaft zu dem Job, aber er muss auch anständig bezahlt werden."

In Wahrheit geht's ums Geld

Der jetzt von den Gewerkschaften geforderte Tarifvertrag zur betrieblichen Gesundheitsförderung soll dazu beitragen, die körperliche Belastung der Erzieherinnen zu verringern. Der Lärm, das ewige Bücken wie etwa beim Schuhezubinden, das zusammengefaltete Sitzen auf 22 Zentimeter niedrigen Stühlen an 47 Zentimeter kleinen Tischen.

Aber eigentlich ist das nur ein Vehikel, ein Nebenkriegsschauplatz.

Denn in Wahrheit geht's ums Geld, um die finanzielle Anerkennung für die geleistete Arbeit. Für Lohnerhöhungen können Erzieher aber bis zum Jahresende nicht streiken, weil der Tarifvertrag bis dahin noch gilt. Hintergrund ist die Umstellung im Jahr 2005 vom Bundesangestelltentarif auf den Tarif des Öffentlichen Dienstes. Wer danach eingestellt wurde, verdient mit gut 2000 Euro weniger Geld als die Kolleginnen. Die kommunalen Arbeitgeber sagten den Erzieherinnen zu, deren Gehaltsstufen zu überprüfen - doch seitdem hat sich nichts geändert. Von einer Höhergruppierung keine Spur.

Die Gewerkschaften haben die Verhandlungen über den Gesundheitstarifvertrag für die rund 220.000 Beschäftigten im Sozial- und Erziehungsdienst Ende April für gescheitert erklärt. Die Vereinigung der kommunalen Arbeitgeber - in der öffentlichen Wahrnehmung hier eindeutig der bad guy - beschwert sich dagegen, dass die Verhandlungen noch gar nicht stattgefunden hätten. Die Stadt Kiel beantragte inzwischen beim Arbeitsgericht, dass der Streik per einstweiliger Verfügung verboten werden soll. Die Entscheidung soll am Montag fallen.

Geplant ist der nächste Streik in Kiel für Dienstag. Simon bekommt dann vielleicht einen Tag mit seinem Vater geschenkt, wenn der sich frei nehmen kann, oder er muss mit zur Tagesmutter seiner Schwester. Die Planung läuft noch.



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