Bertelsmann-Studie Im Osten fehlen Erzieherinnen, im Westen Kita-Plätze

Deutschland hat großen Nachholbedarf bei der Kinderbetreuung. Das zeigt eine Studie der Bertelsmann Stiftung. Die Defizite im Westen des Landes unterscheiden sich von denen im Osten der Bundesrepublik.

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Kinder im Garten einer Kita: Nachholbedarf für alle Bundesländer
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Kinder im Garten einer Kita: Nachholbedarf für alle Bundesländer


Hamburg/Gütersloh - Artur Schmitt könnte eigentlich mit seinem Job zufrieden sein. Der 27-Jährige arbeitet als Erzieher in einer Hamburger Kita, seine Chefin schätzt sein Engagement, mit den Kollegen versteht er sich bestens. Und doch klagt Schmitt: "Ich habe einfach nicht genügend Zeit für alle Kinder." Auf dem Papier muss sich Schmitt um neun Jungen und Mädchen kümmern, alle im Alter zwischen drei und sechs Jahren. Tatsächlich aber sind es oft deutlich mehr, etwa wenn eine Erzieherin krank wird oder Urlaub macht.

Zwar sind männliche Erzieher in Kitas noch immer die Ausnahme. Und auch Artur Schmitt heißt eigentlich anders - doch seine Geschichte ist kein Einzelfall. Dass auf neun Kinder eine Vollzeitkraft kommt, ist in dieser Alterklasse der Durchschnitt in Westdeutschland: 8,6 hat die Bertelsmann Stiftung für die alten Bundesländer in ihrem jährlichen "Länderreport frühkindliche Bildungssysteme" ausgerechnet, den sie am heutigen Donnerstag veröffentlicht. Im Osten der Republik sieht es noch schlechter aus: Eine Erzieherin betreut hier etwa 11,8 Kinder. Für ganz Deutschland ergibt sich daraus ein Schnitt von 9,1.

Sachsen-Anhalt ist Letzter, Bremen Erster

Diese Zahlen stehen stellvertretend für das Gefälle, das sich durch den gesamten Bericht zieht: In den neuen Bundesländern ist eine Erzieherin für weitaus mehr Kinder verantwortlich als in den alten. "Im Osten muss hauptsächlich mehr in Qualität investiert werden", sagt deshalb Jörg Dräger, Mitglied im Vorstand der Bertelsmann Stiftung.

Das zeigt insbesondere die Statistik bei den unter Dreijährigen: Während in westdeutschen Krippen eine Erzieherin 3,7 Kinder betreut, sind es in Ostdeutschland sechs. Im Vergleich der Bundesländer liegt Sachsen-Anhalt am Ende der Liste mit einem Verhältnis von eins zu 6,5. Spitzenreiter ist Bremen, dort folgen auf eine Erzieherin 3,1 Kinder. Für die Ergebnisse hat die Stiftung Daten des Statistischen Bundesamts, der Landesämter, der Kinder- und Jugendhilfsstatistik ausgewertet und Fachministerien in den Bundesländern befragt.

Auf eine Erzieherin sollten drei Kinder kommen

Keines der Länder erfülle demnach das Verhältnis, das die Bertelsmann Stiftung empfiehlt: ein Angestellter, drei Kinder. Dieses berücksichtige einerseits die tatsächliche Zeit einer Erzieherin bei den Kindern. Jedoch würden Elterngespräche, Teamsitzungen und Fortbildungen ebenfalls ein Viertel der Arbeit ausmachen. "Nur bei einem Personalschlüssel von eins zu drei können alle Kinder ausreichend gefördert werden", erklärt Anette Stein, Expertin der Stiftung für frühkindliche Bildung.

Doch dieser Idealfall wird noch seltener, wenn Jungen und Mädchen unter drei Jahren keine Krippe besuchen - sondern auf Ältere treffen. Das ist etwa der Fall bei Gruppen für Kinder unter vier Jahren oder bei solchen mit allen Altersklassen bis hin zum Schuleintritt. Dann nämlich ist eine Erzieherin abermals für mehr Kinder verantwortlich, wie aus dem Länderreport hervorgeht. "Wir müssen aufpassen, dass die Jüngsten nicht zu kurz kommen", sagt Dräger. Zudem seien auch hier die neuen Bundesländer stärker betroffen.

"Der Westen hat nicht genug Krippenplätze."

Der große Ost-West-Unterschied ist laut Bildungsexpertin Stein vor allem historisch gewachsen. In den neuen Bundesländern hätten seit jeher mehr Eltern ihre Kinder betreuen lassen. Etwa 72 Prozent aller ostdeutschen Kinder besuchten heute ihre Kita für mehr als 35 Stunden pro Woche. Im Westen seien es gerade einmal 44 Prozent, bei den über Dreijährigen sogar nur 34 Prozent.

Jörg Dräger kennt noch einen weiteren Grund: "Der Westen hat nicht genug Krippenplätze." Insgesamt fehlen in Deutschland etwa 220.000 Plätze, die Mehrzahl davon im Westen, wie das Statistische Bundesamt zum Stichtag 1. März 2012 vorgerechnet hatte. Das Kinderförderungsgesetz von 2008 sieht jedoch vor, dass alle Ein- bis Dreijährigen vom 1. August dieses Jahr an einen Kita-Platz bekommen sollen.

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insgesamt 41 Beiträge
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Seite 1
blauer-planet 04.07.2013
1. Qualität
Inteteressant waere zu dem die Qualitaet in Bezug Oeffnungszeiten, Ferienzeiten u.d nicht wie haufig v. 08:00uhr - 12:00uhr geoeffnet.. Denn Arbeitszeiten und Fahrwege verkuerzen doch rasant die Nutzungsmoeglichkeiten... Hier sind so meine Erfahru.g noch große luecken..da die Preise Krippe/Kindergarten im Bezug zum erzielten Einkommen nicht in einem realistischen Verhältnis stehen.
Growling Mad Scientist 04.07.2013
2. Hat die Geschlechterdiskriminierung hier einen Grund?
Zitat von sysoppicture alliance/ ZBDeutschland hat großen Nachholbedarf bei der Kinderbetreuung. Das zeigt eine Studie der Bertelsmann-Stiftung. Die Defizite im Westen des Landes unterscheiden sich von denen im Osten der Bundesrepublik. http://www.spiegel.de/politik/deutschland/kita-studie-in-ostdeutschland-fehlen-erzieherinnen-a-909250.html
Warum werden explizit nur Erzieherinnen gesucht? Da der Job noch nicht für Männer verboten wurde und es auch nicht gerade eine Schwämme an Erziehern gibt, sollte hier keine Geschlechterdiskrimierung durchgeführt werden. Im Gegenteil, Erziehungswissenschaftler kritisieren die hohe Frauenquote in der Kinderbetreuung, wegen der einseitigen Erziehung. Deswegen sollte gerade in diesen Berufen auch eine Männerförderung stattfinden.
Schlumperli 04.07.2013
3. Oje
Zitat von sysoppicture alliance/ ZBDeutschland hat großen Nachholbedarf bei der Kinderbetreuung. Das zeigt eine Studie der Bertelsmann-Stiftung. Die Defizite im Westen des Landes unterscheiden sich von denen im Osten der Bundesrepublik. http://www.spiegel.de/politik/deutschland/kita-studie-in-ostdeutschland-fehlen-erzieherinnen-a-909250.html
Ich kann es nicht mehr hören ! Während der gesamten Menschheitsgeschichte war es selbstverständlich, daß die Eltern ihre Kinder selbst aufziehen. Heutzutage wird es als naturgegeben verkauft, die Kleinen, kaum sind sie aus dem Mutterleib draussen, anderen Leuten in die Hand zu drücken. Sind Kita-Plätze wirklich so erstrebenswert ?
mielforte 04.07.2013
4. Da bedarf es nicht der Denkfabrik Bertelsmann,
um das Dilemma zu sehen. Der politische Unwille gepaart mit katholischer Militanz haben zu klaren Resultaten geführt. Eine Republik, die (wir wir jetzt wissen) ihre wichtigen Impulse von außen bekommt, will und kann auch garnichts ändern. Immer nur das allernötigste, damit der Laden irgendwie am Laufen gehalten wird.
morloc007 04.07.2013
5. warum...
wird wie selbstverständlich ständig von "Erzieherinnen" gesprochen, wärend es im ersten Fallbeispiel ein "Erzieher" ist?
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