"Klartext" mit SPD-Kanzlerkandidat Ein Lebenszeichen von Martin Schulz

90 Minuten lang stellte sich Martin Schulz im ZDF den Fragen von Bürgern - und am Ende gab's eine Überraschung: Er forderte von der Kanzlerin ein zweites TV-Duell. Und sein Auftritt bis dahin?

SPD-Kanzlerkandidat Schulz, Moderatoren Schausten (r.) und Frey
DPA/ ZDF/ Jule Roehr

SPD-Kanzlerkandidat Schulz, Moderatoren Schausten (r.) und Frey

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Beim TV-Duell mit Angela Merkel vor anderthalb Wochen hat SPD-Kanzlerkandidat Martin Schulz sein Schlusswort ziemlich versemmelt. An diesem Dienstagabend ist das anders. 90 Minuten lang ist er im ZDF von Bürgern aus der ganzen Republik zu verschiedensten Themen befragt worden, die Sendezeit ist schon überschritten, die Moderatoren drängen zum Ende - aber Schulz will noch etwas loswerden: Er habe der CDU-Chefin und Amtsinhaberin per Brief ein zweites TV-Duell vorgeschlagen.

Eine echte Überraschung. Ein kleiner Coup.

Ob Schulz und seine Partei davon etwas haben werden, ist erst mal egal. Dass Merkel wohl nicht auf die Forderung eingehen wird, ebenfalls. Aber für den SPD-Kanzlerkandidaten und die Sozialdemokraten ist es ein Lebenszeichen, das manchen verzagten Genossen aufbauen wird.

Viele Themen, die auch von den Bürgern in der "Klartext"-Sendung angesprochen wurden, seien im TV-Duell am vorvergangenen Sonntag unter den Tisch gefallen, sagt Schulz. "Deshalb habe ich Frau Merkel heute einen Brief geschrieben und Sie aufgefordert, ein nächstes Duell mit mir zu machen, damit all diese Punkte auch diskutiert werden können", sagt er unter dem Beifall des Publikums im Studio.

Die 150 Bürger erleben im Foyer des ZDF-Hauptstadtstudios in Berlin einen SPD-Kanzlerkandidaten, der sich nicht anmerken lässt, wie mies für ihn die Lage knapp zwei Wochen vor der Bundestagswahl ist. Und der mit seiner Schlusspointe zeigt, dass er jedenfalls weiterkämpfen wird - schlechte Umfragen und mangelnde Machtperspektive hin oder her.

Klar, das Format, eine Art Wählersprechstunde, liegt ihm als langjährigem Bürgermeister. "Jemanden anschulzen", lästert ein CDU-Mitarbeiter während der Sendung auf Twitter - der Begriff müsse ab 2018 im Duden als "sich jemandem auf plump-vertrauliche Weise nähern" stehen. Dabei zeigt auch die Kanzlerin in solchen Runden unerwartete Annäherungsversuche mit den Bürgern, zuletzt in der ARD-"Wahlarena" am Abend zuvor. Nähe zum Bürger zeigen - das ist schließlich das Ziel des Politikers in solchen Sendungen.

Wie lief die Sendung bis zum überraschenden Ende?

Um diese Themen ging es: Explodierende Mieten, Rente - vor allem aus Sicht von Müttern, Pflege (Personalmangel und Qualitätsdefizite), Innere Sicherheit (zu wenig Polizisten, Antisemitismus als Strafbestand), Junge Leute und Politik, Bildung - insbesondere der Mangel an Handwerkslehrlingen, arme Kommunen, Dieselskandal (auch gesundheitliche Aspekte), Flüchtlinge (Angst vor Gewalt, Lage im Mittelmeer). Wie am Abend zuvor in der ARD halten sich auch die ZDF-Moderatoren Bettina Schausten und Peter Frey sehr zurück und lassen vor allem die Bürger fragen und reden. Nur wenn es zu langatmig wird, greifen sie ein. Auch gegenüber dem Kanzlerkandidaten.

Die beste Frage: Der grauhaarige Herr mit Krawatte und Jackett stellt sich als Lungenfacharzt aus Leverkusen vor, er hat Bedrückendes aus seiner Praxis und deren Nachbarschaft zu berichten: Da gebe es eine stark befahrene Autobahn mitten durch Leverkusen, erzählt er, die seine Patienten reihenweise krank mache. "Alleine 200 Tote hat es da in den vergangenen Jahren durch Stickoxide gegeben", sagt er. Und zwar vor allem unter sozial schwachen Menschen, die nämlich in der Nähe dieser Autobahn wohnen müssten, weil sie sich die teuren Gegenden weiter weg nicht leisten könnten. Ihm geht es um den Dieselskandal und die getürkten Schadstoffwerte.

"Gesundheit spielt in der Debatte keine Rolle", sagt er, "aber die Leute sterben". Was also würde Schulz bei diesem Thema als Bundeskanzler tun? Natürlich redet der Sozialdemokrat, der die Lage in Leverkusen seinen Worten zufolge gut kennt, erstmal über das große Ganze, dass man den Diesel natürlich noch brauche, aber endlich auch mehr E-Mobilität, über die bösen Manager, die Versäumnisse der Kanzlerin. Am Schluss sagt er: "Und auch auf die Gefahr hin, dass ich mich da unbeliebt mache: Da muss ein Tunnel gebaut werden." Der Lungenfacharzt hört das gerne.

Schulz mit Moderator Frey
DPA

Schulz mit Moderator Frey

Schulz' bester Moment: Renate Braun wohnt mit ihrem Mann in einer Hamburger Wohnung für 230 Euro Kaltmiete pro Monat - nach der Renovierung will der Vermieter auf 850 Euro erhöhen. Das Rentner-Ehepaar Braun ist verzweifelt und Schulz empört. "Das ist sittenwidrig und Wucher", sagt der SPD-Politiker. Und erklärt Frau Braun, dass ein solcher Sprung selbst mit der aktuell geltenden und aus sozialdemokratischer Sicht zu laschen Mietbremse ausgeschlossen sein müsste. Hinweis von Moderator Frey: Beim Vermieter handele es sich um eine öffentliche Wohnungsbaugesellschaft im SPD-regierten Hamburg. Aus Schulz' Sicht ist das völlig egal. Er werde der Sache nachgehen und mit den Verantwortlichen sprechen, kündigt der Kanzlerkandidat an, "und werde sie fragen, ob sie 'nen Knall haben".

Schulz' schwächster Moment: Zum Thema Flüchtlinge haben sich mehrere Bürger mit verschiedenen Anliegen gemeldet. Ein Afghane und eine Hotelbesitzerin aus dem Allgäu, die unter anderem einen afghanischen Flüchtling beschäftigt, beklagen sich über die Handhabe mit Menschen aus diesem Land. Warum man erfolgreich integrierte Menschen abschieben wolle - und dann ausgerechnet in ein Land wie Afghanistan, in dem fast täglich Menschen durch Anschläge getötet würden?

Ja, sagt da der SPD-Kanzlerkandidat und erzählt eine komplizierte Geschichte von dem Sicherheitsgutachten zu dem Land am Hindukusch, das derzeit vom Auswärtigen Amt erarbeitet werde. Dass es in Afghanistan ja im Moment nicht mal eine deutsche Botschaft gebe, weil die kürzlich bei einem Anschlag nahezu komplett zerstört wurde. Und dass man mit Abschiebungen dorthin im Moment sehr zurückhaltend ist. Aber eine befriedigende Antwort für die Fragesteller ist das nicht.

Antwort mit Streitpotential: Die Rede kommt auf die AfD und die Frage, wie man eigentlich mit einer Partei umgehen solle, die demnächst wohl im Bundestag sitzt und die deutsche Erinnerungskultur mit Blick auf den Zweiten Weltkrieg umschreiben möchte. Klare Antwort von Schulz: "Ich schmeiß' die raus." Das habe er in Straßburg auch gemacht. Damit bezieht sich Schulz auf seine vorherige Funktion als Präsident des Europaparlaments, wo er Abgeordnete wegen rechtsradikaler Äußerungen des Saales verwies. Aber wie soll das im Bundestag funktionieren? Ein Bundeskanzler Schulz könnte Parlamentarier nicht aus dem Plenum werfen, das könnte höchstens der Parlamentspräsident. Ist es also dieses Amt, das Schulz in Wahrheit anstrebt? Oder will er die Verfassung ändern?

Fazit: Seine Bürgersprechstunde absolviert Schulz sehr ordentlich, die meisten Fragesteller scheinen mit den Antworten zufrieden zu sein. Das Beste hat er sich aber diesmal mit der Forderung nach einem zweiten TV-Duell wirklich für den Schluss aufgehoben.



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insgesamt 148 Beiträge
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Seite 1
fpa 13.09.2017
1. Das war eine Sendung, die Hoffnung macht ...
Nein, nicht auf Martin Schulz als kommenden Kanzler, sondern auf unsere Jugend. Die letzte halbe Stunde, wirklich gut. Diese jungen Leute zeigten Seele, Herz und Verstand, den (laut Grünewald bei Markus Lanz) die Bevölkerung angeblich längst verloren hat.
ichwillauchpost 13.09.2017
2. Was ist denn mit...
...dem Thema "soziale Gerechtigkeit", das schon bei der letzten Sendung quasi ignoriert wurde? Das wird in der Zukunft von der Regierungspartei (SPD und CDU) genauso ausgeblendet, wie in der Vergangenheit? Wozu noch ein weiteres "Duell"? Um die Wähler nochmehr mit "Fake-News" einzulullen?! Und ihr wundert Euch über Politikerverdrossenheit...
thequickeningishappening 13.09.2017
3. Der Duden wird größer
Der Waehler wird "angeschulzt" und in Berlin wird weiter "gemerkelt".
Matze38 13.09.2017
4.
Schulz hätte ja bereits vor oder nach dem ersten Duell oder während des Duell 's ein zweites Duell fordern können, direkt die Kanzlerin damit konfrontieren und nicht erst jetzt, wo er weiß, das in den Medien kritisiert wurde, das nicht alle Themen dran waren. Das ist jetzt Populismus vom Schulz
emmillie 13.09.2017
5. Schulz war besser als Merkel, doch ...
sollte er das Thema Hartz-IV angehen und den verprellten SPD-Wählern zusagen, dass er Hartz-IV im wesentlichen oder noch besser ganz abschaffen will. Ich würde aber jedem raten, dem soziale Politik wichtig ist, die Nachfolgepartei der SPD zu wählen: Die Linken. Diese Partei hat überzeugendere Konzepte in der Innenpolitik und vor allem im sozialen Bereich.
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