Ex-Umweltminister Töpfer zur Auto-Krise "Die Art, wie wir uns fortbewegen, muss sich verändern"

Die Grünen wollen Angela Merkel in der Dieselaffäre aus der Reserve locken - mit einer Zukunftskommission zur Verkehrswende. Die soll ein CDU-Politiker leiten: Ex-Umweltminister Töpfer. Er wäre dazu bereit.

Ex-Umweltminister Klaus Töpfer
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Ex-Umweltminister Klaus Töpfer

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Von der Bundeskanzlerin gibt es dieser Tage nur Urlaubsbilder aus Südtirol, während die ganze Nation in heller Aufregung über den schmutzigen Diesel ist. Jetzt wollen die Grünen Angela Merkel aus der Reserve locken - sie haben ihr ein Angebot unterbreitet, das sie eigentlich nicht ablehnen kann.

Im Mittelpunkt steht Klaus Töpfer, Bundesumweltminister a.D. und so etwas wie das grüne Gewissen der schwarzen Partei. Grünen-Chef Cem Özdemir ist es gelungen, den späteren Direktor der Uno-Umweltbehörde als möglichen Leiter für eine "Zukunftskommission saubere Mobilität" zu gewinnen.

Eine solche Kommission solle "schnellstmöglich noch vor der Bundestagswahl" berufen werden und schon Anfang des kommenden Jahres solle sie Ergebnisse vorlegen, forderte Özdemir jüngst in einem Gastbeitrag auf "Zeit Online". Töpfer sagt dem SPIEGEL zu dem Vorstoß: "Mir ist es wichtig, dass es einen breiten Konsens darüber gibt, dass ich das machen soll. Wenn das so ist, dann bin ich dazu bereit."

Der CDU-Politiker hat Erfahrung mit Kommissionen dieser Art. Nach der Atomkatastrophe von Fukushima leitete er die "Ethikkommission für eine sichere Energieversorgung". Das Ergebnis war eine breite Übereinkunft, aus der Atomkraft in Deutschland auszusteigen.

Eine Analogie zwischen den Energie-Großkonzernen, die im Zuge der Energiewende ins Wanken gerieten, und den deutschen Autokonzernen will Töpfer nicht unbedingt ziehen. Doch immerhin sieht er Gesprächsbedarf, welche Rolle Autokonzerne bei der Mobilität der Zukunft spielen werden: "Wir müssen klären, wie diese Mobilität in Zukunft aussehen wird, und wir müssen die Frage stellen, wie die deutsche Industrie, die sich vornehmlich mit Automobilität beschäftigt hat, weiter auf diesem Weg mitgehen kann", sagt Töpfer.

Es dürfe keinen Abbruch, sondern müsse einen Übergang geben. Treibende Kraft sei dabei China, wo "aufrüttelnde Entscheidungen" etwa über die Elektromobilität gefallen seien. "Das urbane Zeitalter der Mobilität erfordert, dass wir keine Emissionen mehr aus dem Verkehr haben", sagt Töpfer.

 Angela Merkel und Klaus Töpfer (im April 2011 )
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Angela Merkel und Klaus Töpfer (im April 2011 )

Er will damit nicht das Ende des Verbrennungsmotors ausrufen. In der Kommission solle vielmehr über das Ziel eines emissionsfreien Verkehrs offen diskutiert werden. Töpfer ist überzeugt davon, dass das Auto nur noch eine Rolle als ein Verkehrsmittel unter vielen spielen wird: "Es ist doch klar: Die Art, wie wir uns fortbewegen, muss sich verändern. Das sehen wir doch auch schon in unseren Städten und dem revolutionären Verhältnis der Bürger dort zum Fahrrad."

Töpfer hat erkannt, dass die Grünen mit ihrem Werben um ihn politische Ziele verfolgen. Deshalb warnt er davor, eine mögliche Zukunftskommission zum Spielball des Wahlkampfes zu machen. Peinlich vermeidet er Festlegungen auf Ziele oder Personen. Und er äußert sich auch nicht öffentlich zur Frage, was mit dem Diesel passieren soll.

Nur so viel: "Die Diskussion um den Diesel führt zu einer Entwertung der Fahrzeuge, und das trifft nicht irgendwelche anonymen Großkonzerne, sondern das trifft den Bürger." Deshalb wünscht sich Töpfer von dem heutigen Dieselgipfel entschlossene Maßnahmen, die sowohl die Schadstoffemissionen der Fahrzeuge reduzieren als auch den Bürgern ihre Pkw erhalten.



insgesamt 105 Beiträge
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danreinhardt 02.08.2017
1. Das Problem
Unserer Umwelt sind nicht die vergleichsweise Abgasfreundlichen deutschen Autos, sondern die Bedingungen in über 70% der bewohnten Landmasse unseres Planeten. Verbrennung westlichen PC Mülls, Plastik en Masse und Waldrodung vernichten unsere Erde stärker als alle Autos zusammen. Nur: Arbeitsplätze hängen dort wenige dran und Abhilfe ist im Verhältnis günstig. Wieso wir uns jetzt wieder Probleme machen, wo wir gemeinsam an anderer Ecke anpacken können versteht nur ein Deutscher. Verrückte Welt...
burgundy 02.08.2017
2.
Töpfer weiss doch ganz genau, dass es eine "saubere Mobilität" nicht geben kann, jedenfalls nicht nach dem heutigen Stand der Technik. Alles Andere ist doch nur Augenwischerei und Interessenpolitik. Die einzige saubere Mobilität ist frei nach Zatopek: Vogel fliegt, Fisch schwimmt, Mensch läuft. Alles Andere sind Kompromisslösungen. Und es wäre schön, wenn man sie abseits neudeutscher Hysterie und Hypokrisie optimieren könnte.
keine Zensur nötig 02.08.2017
3. Prima Ideen -
leider halt nicht praxistauglich. Das normale deutsche Arbeitstier - sorry der deutsche Arbeitnehmer - darf bis zu 50 km zu seinem Arbeitsplatz fahren. Selbstredend nur für eine einfache Fahrt. Wohnt dieser arme Tropf ausserhalb eines Ballungsgebietes - also mit etwas sehr ausgedünntem ÖPNV - ereilt ihn großes Glück: Da kann eine einfache Fahrt gern mal 2 Stunden dauern, aber nur tagsüber. Spätschicht und Nachtschicht? Gern mit dem Fahrrad die 50 km radeln. Das macht fit und schont die Umwelt. Und man fällt dann zu Hause nur noch ins Bett - und kommt nicht auf den Gedanken mal über diesen Irrsinn nachzudenken. Wer bezahlt den ganzen Quatsch einer verfehlten Politik? Richtig, der deutsche Michel.
catcargerry 02.08.2017
4. Das reicht nicht
Das Ende des Verbrennungsmotors ist ein erster Schritt. Ich bin leidenschaftlicher Autofahrer, gern schnell. Aber das Mobilitätskonzept und der Individualverkehr der letzten 100 Jahre, mit denen ich sozialisiert worden bin, haben sich überlebt. Wenn wir unsere Mobilität verträglich erhalten wollen, müssen systematisch saubere Verbundkonzepte aufgezogen werden. Car Sharing ist ein Anfang. Aber wenn ich von einer Einöde über hunderte Kilometer in eine andere will, gibt es heute keine attraktiven Angebote neben dem PKW. Bei der Intelligenzia ist zumindest schon ein Bewusstseinswandel erkennbar; in der Generation meiner Söhne hat das Auto lange nicht mehr die Bedeutung wie ich es kenne. Aber wie wir wissen, dauern blühende Landschaften etwas.
waswoasi 02.08.2017
5. Breite Übereinkunft für Atomausstieg?
Schönes Märchen! Bestimmt nicht beim Otto Normalbürger der die Zeche für das Ökostrommassacker mit seiner monatlich völlig überhöten Stromrechnung finanziert. Und die Mobilität der Zukunft liegt sicherlich nicht in der reinen E Mobilität. Die Produktion der schweren Akkus und das herumfahren der Selbigen ist ökologischer Irrsinn. Noch dazu haben E Fahrzeuge keine alltagstaugliche Reichweite. Und bei dem katastrophalen Zustand des ÖPNV in Bezug auf Klientel, Pünktlichkeit und Platzangebot wird keiner vom Auto auf diesen Umsteigen...
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