Wowereits Berlin-Buch Alles Wowi, alles paletti

Kein neuer Flughafen, zu wenig Kitaplätze, allerorten Mangel - in einem Wort: Berlin. Der Ex-Regierende Klaus Wowereit findet in seinem neuen Buch trotzdem ziemlich viel ziemlich dufte.

Klaus Wowereit mit neuem Buch
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Klaus Wowereit mit neuem Buch

Von Timo Lehmann


Mehr als 13 Jahre regierte Klaus Wowereit Berlin. "Arm, aber sexy", nannte er die Stadt. Und die Berliner finden das eigentlich ein ganz prima Motto.

Außer, wenn sie mal wieder auf irgendeinem Amt Schlange stehen, es zeitnah weder einen Pass noch einen Termin beim Standesamt noch sonst etwas gibt. Oder keinen Kitaplatz. Oder der Putz in den Schulen bröckelt. Oder dieser Flughafen nicht fertig wird. Oder der Schrott einfach auf der Straße liegen bleibt. Oder oder oder.

Die Liste lässt sich beliebig fortsetzen. Und dabei kassiert das Land Berlin jährlich rund vier Milliarden Euro aus dem Länderfinanzausgleich - das ist mehr als ein Drittel der Gesamtsumme im Topf.

Dennoch gilt für die Stadt: (Fast) nichts funktioniert, alle wollen hin. Und Wowereit selbst findet seine Bilanz keineswegs mau. Ganz im Gegenteil. "Sexy, aber nicht mehr so arm: mein Berlin", so heißt das neue Buch des Ex-Regierenden. 254 Seiten voller Lob für die Stadt und für sich. Wowereit macht jedes Problem so klein, dass letztendlich doch alles nicht so schlimm ist wie angenommen. Oder?

Dies sind die acht besten Zitate:

  • Wowereit über Kriminalität in der Hauptstadt oder: Anderswo gibt es das - etwas weniger - auch: "Sprichwörtlich sind in Berlin seit Jahren die Libanesen-Clans, auch Libanesen-Mafia genannt. Diese Großfamilien treiben zwar nicht nur in Berlin ihr Unwesen, sondern auch im Ruhrgebiet und in Bremen, aber allein in Berlin schätzt man, dass es zwölf bis vierzehn solcher Clans mit mehreren Tausend Familienmitgliedern gibt." Und: "Die Clans entziehen sich dem Zugriff der Ordnungskräfte, und alle weiteren Anwohner spielen das Spiel irgendwie mit. Im Grunde muss man nur den Film (oder den Roman) 'Der Pate' kennen, dann weiß man, wie und großteils auch warum das so läuft."
  • Ecken und Kanten? Sind in der Politik leider problematisch: "Denn kaum hattest du was gesagt, was andere jetzt vielleicht gerade nicht so toll fanden, stand das auch schon bei SPIEGEL ONLINE oder sonst irgendwo. Sodass Kommentatoren und Kritiker schon die Messer gewetzt hatten, wenn du aus dem Raum kamst."
  • Berlins schwache Wirtschaft? Es gibt für alles eine Erklärung: "Wenn eine Millionenmetropole eine derartige Rosskur des Strukturwandels durchmachen muss, wenn es in ihr überdies an vielem mangelt, aber gewiss nicht an sozialen Nischen und an städtebaulichen Lücken, Brachen und Ruinen, dann weht dieser Wind halt nicht als Erstes aus der Richtung reifer Industrien, erprobter Hightechbranchen oder arrivierter Dienstleistungsunternehmen."
  • Führung kann Wowereit: "Selbst hartnäckigste Lobbyisten, aufmüpfige Fraktionen, schrullige Hinterbänkler, mächtige Senatoren oder selbstbewusste Spitzenbeamte erwarten irgendwann eine klare Ansage vom Oberhäuptling."
  • Die Sache mit dem Flughafen? Das ist alles nicht so einfach: "Das Thema ist natürlich hochkomplex, weshalb man ihm mit einfachen Schuldzuweisungen nicht beikommen kann."
  • Aber lustig ist es dann natürlich irgendwann auch nicht mehr. Wowereit über den 8. Mai 2012, an dem die offizielle Eröffnungsfeier abgesagt wurde: "Was für eine Blamage! Ich muss zugeben, das war die dunkelste Stunde meiner Amtszeit, ja der mit Abstand schlimmste Moment meines Berufslebens überhaupt."
  • Ein Hoch auf die Stadtverwaltung: "Wer sich entscheidet, für den Geldgeber 'Gesellschaft' tätig zu werden, der denkt - ob Sie es glauben oder nicht - fast immer über den Tellerrand des Homo oeconomicus hinaus. Das gilt übrigens auch für Politiker, Beamte und andere Führungskräfte im öffentlichen Dienst."
  • Über seinen Nachfolger Michael Müller schreibt Wowereit nicht allzu viel. Deshalb ein Zitat aus einem aktuellen Interview mit der "Berliner Morgenpost": "Ich würde mich freuen, wenn er ab und zu mal ein bisschen mehr lächelt. Das kann er auch."
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