Kleiner Zuschlag: Koalition will Hartz-IV-Satz um fünf Euro erhöhen

Es ist ein Mini-Plus: Arbeitsministerin Ursula von der Leyen hat der Koalition beim Spitzentreffen im Kanzleramt vorgeschlagen, den Regelsatz für Hartz-IV-Empfänger leicht zu erhöhen. Der Aufschlag liegt demnach bei fünf Euro - die Sätze für Kinder sollen unverändert bleiben.

Umstrittene Vorhaben: Demonstranten protestieren gegen Hartz-IV (2007) Zur Großansicht
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Umstrittene Vorhaben: Demonstranten protestieren gegen Hartz-IV (2007)

Berlin - Die Regelsätze für Hartz-IV-Empfänger sollen geringfügig um fünf Euro im Monat angehoben werden. Dies habe Arbeitsministerin Ursula von der Leyen (CDU) den Koalitionären von Union und FDP vorgeschlagen, teilte der FDP-Verhandlungsführer Heinrich Kolb am Sonntag mit. Von der Leyens Sprecher bestätigte, dass die Ministerin mit diesem Vorschlag in die Verhandlungen der Koalitionsspitzen am Mittag im Kanzleramt gegangen sei.

Hartz-IV-Empfänger sollen demnach statt bisher 359 nun 364 Euro im Monat erhalten. Der Regelsatz für Kinder zwischen 14 und 18 Jahren soll nicht verändert werden. Diese bekommen bislang 80 Prozent des Regelsatzes, 287 Euro.

Für Kinder müssten die Hartz-IV-Sätze nach Angaben Kolbs und weiterer Koalitionspolitiker eigentlich sinken. Das ergebe sich aus der Einkommens- und Verbrauchsstichprobe (EVS) des Statistischen Bundesamts. Von der Leyen habe aber einen "Vertrauensschutz" vorgeschlagen. Die Zahlbeträge sollen somit auf bisheriger Höhe erhalten werden, aber bei künftigen Erhöhungen müssten die verschobenen Senkungen verrechnet werden.

Das Bundesverfassungsgericht hatte vor allem die Berechnungsmethode für die Leistungen für Kinder bemängelt. Das Gericht hatte die Regierung im Februar aufgefordert, eine Neubemessung der Hartz-IV-Bezüge zu ermitteln. Derzeit erhalten gut 6,7 Millionen Erwachsene und Kinder Zahlungen aus der Grundsicherung für Arbeitsuchende, dem sogenannten Hartz IV. Der Regelsatz soll die Lebenshaltungskosten decken; Heiz- und Mietkosten werden separat davon erstattet.

Alkohol, Tabak, Internet

Alkohol und Tabak sollen nach den Plänen von der Leyens aus der Berechnung des Grundbedarfs herausgenommen werden. Der Bedarf für alkoholfreie Getränke sei dafür im Gegenzug in der entsprechenden Größenordnung gegengerechnet worden. Auch ein Internet-Zugang soll künftig berücksichtigt werden.

Kolb begrüßte die Vorschläge von der Leyens. Es handele sich erstmals um ein transparentes Verfahren, bei dem der Bedarf der Hartz-IV-Empfänger konkret festgestellt worden sei. Auch die Teilhabe der Kinder an Bildungsangeboten sei zu begrüßen.

Eine Spitzenrunde von Union und FDP berät am Sonntag im Kanzleramt über die künftige Hartz-IV-Hilfe für Langzeitarbeitslose. Am Samstag hieß es noch aus Koalitionskreisen, die Spanne für eine Anhebung bewege sich "grob in Richtung 10 Euro". Ein einstelliger Betrag sei wahrscheinlich.

Finanzminister Wolfgang Schäuble (CDU) hatte es kurz vor dem Treffen erneut abgelehnt, für die Neuregelung der Hartz-IV-Sätze mehr Geld auszugeben. Im Deutschlandfunk bekräftigte Schäuble am Sonntag, dass Arbeitsministerin von der Leyen alle Mehrkosten selbst erwirtschaften müsse, die über die eingeplanten 480 Millionen Euro hinausgingen. "Das ist völlig unstreitig mit der Arbeitsministerin gewesen, und dabei bleibt es", sagte er.

Protest aus der CSU

CSU-Generalsekretär Alexander Dobrindt zeigte sich optimistisch: "Wir werden uns heute einigen." CSU-Chef Horst Seehofer will einer Erhöhung nur zustimmen, wenn es verfassungsrechtlich nicht anders geht. Aus der CSU im Bundestag hieß es aber, plus 5 Euro könnten mitgetragen werden.

Die CSU wollte eine Erhöhung der Hartz-IV-Regelsätze nach Möglichkeit verhindern. Der CSU-Vorsitzende und bayerische Ministerpräsident, Horst Seehofer, sagte am Samstag der "Bild am Sonntag": "Der Sozialstaat darf nicht aus dem Ruder laufen, er muss bezahlbar bleiben. Die CSU wird einer Regelsatzerhöhung nur zustimmen, wenn es verfassungsrechtlich überhaupt nicht anders geht."

"Verfassungsbruch"

Linken-Chef Klaus Ernst hält eine Erhöhung der Hartz-IV-Bezüge um fünf Euro hingegen für zu gering. Eine solche Regelsatzerhöhung sei ein "Verfassungsbruch" und "mit dem Grundrecht auf ein menschenwürdiges Existenzminimum unvereinbar", erklärte der Vorsitzende der Partei Die Linke am Sonntag in Berlin. Die Regierung verwehre Millionen Menschen auf Dauer die gerechte Teilhabe an der Gesellschaft und ignoriere höchstrichterliche Urteile. Eine Verfassungsklage sei "unvermeidlich", erklärte Ernst. Die Opposition sollte dies gemeinsam in Angriff nehmen; dazu lade er SPD und Grüne "ausdrücklich" ein.

Am 20. Oktober soll der Gesetzentwurf zu den neuen Hartz-IV-Sätzen im Bundeskabinett beraten werden. Für die Neuerungen ist auch die Zustimmung des Bundesrats erforderlich. Von der Leyen will am Montag Einzelheiten zu der Reform darlegen.

boj/suc/dpa/Reuters/dapd/AFP

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Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 785 Beiträge
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1. .. sind Schall und Rauch
MissingLink 26.09.2010
Das BVG wird auch hier wieder eine ordentliche Klatsche verteilen!
2.
beliyana 26.09.2010
Jetzt mal ganz ehrlich,was soll das? Dafür haben die jetzt eine Menge an Kohle rausgeschmissen um so etwas auszurechnen? Ich kann das alles nicht mehr glauben,was in unserem Staat passiert!!!!
3. ...
aggroberliner36 26.09.2010
Würde man den ganzen arbeitsunwilligen Hartz IV Empfängern alle Sozialleistungen streichen könnte man der breiten Masse der Hartz IV Empfänger, die sich wirklich um Arbeit bemühen auch mehr als lächerliche 5€ mehr im Monat zahlen.
4. soziale Offenbarung
openklaus 26.09.2010
... Gott steh uns allen bei !
5. Hui...
qur3 26.09.2010
.. diese Erhöhung zieht den Neid auf die römisch-dekadente Lebensweise geradezu auf sich. Feiern wir also weiter die HRE-Bankster, Steuerhinterzieher( Zumwinkel & Consorten) und Peter Hartz sowie Phillip Mißfelder ab. Dafür gebe ich den 5er gerne aus.
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Wer bekommt Hartz IV?
Die Politik führt eine heftige Debatte über die Weiterentwicklung von Hartz IV - doch wer bezieht die Arbeitslosenhilfe eigentlich? SPIEGEL ONLINE hat demografische Merkmale zusammengetragen.
Schulbildung
Schulabschluss Anteil in Prozent
Noch Schüler 4,2
Schule beendet ohne Abschluss 8,4
Sonder-/ Förderschule 1,2
Hauptschule 47,2
Realschule 29
Fachhochschule 1,9
Abitur 7,5
Werte gerundet, fehlende Anteile zu 100 Prozent: keine oder falsche Angaben; Quelle: IAB "Panel Arbeitsmarkt und soziale Sicherung"
Berufsbildung
Berufsbildung Anteil in Prozent
Schüler an allgemeinbildender Schule 4,4
Kein beruflicher Abschluss 37,5
Anlernausbildung, Hilfsjob 4,3
Lehre, betriebliche Ausbildung 36,6
Berufsfachschule 6,4
Meister, Techniker 3,2
Berufsakademie 0,8
Diplom (FH), Bachelor 2,2
Diplom (Uni) oder BA 3,0
Werte gerundet, fehlende Anteile zu 100 Prozent: keine oder falsche Angaben; Quelle: IAB "Panel Arbeitsmarkt und soziale Sicherung"
Migrationshintergrund
Migrationshintergrund Anteil in Prozent
Kein Migrationshintergrund 60
Selbst zugezogen 29,8
Mindestens ein Elternteil zugezogen 6,1
Mindestens ein Großelternteil zugezogen 2,2
Werte gerundet, fehlende Anteile zu 100 Prozent: keine oder falsche Angaben; Quelle: IAB "Panel Arbeitsmarkt und soziale Sicherung"
Behinderung
Behinderung Anteil in Prozent
Amtlich festgestellt 10,3
Nicht amtlich festgestellt 86,7
Antrag gestellt 2,9
Werte gerundet, fehlende Anteile zu 100 Prozent: keine oder falsche Angaben; Quelle: IAB "Panel Arbeitsmarkt und soziale Sicherung"
Schwerwiegende gesundheitliche Einschränkung
Schwerwiegende gesundheitliche Einschränkung Anteil in Prozent
Ja 27,8
Nein 71,9
Werte gerundet, fehlende Anteile zu 100 Prozent: keine oder falsche Angaben; Quelle: IAB "Panel Arbeitsmarkt und soziale Sicherung"
Verweildauer
Viele Arbeitslose beziehen laut einer Studie des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung über einen längeren Zeitraum Hartz IV. Im Dezember 2007 waren demnach 78 Prozent der Leistungsempfänger mindestens zwölf Monate ununterbrochen im Leistungsbezug. Bei rückläufigen Empfängerzahlen sank die Zahl der Langzeitbezieher kaum. ssu

"Spätrömische Dekadenz"

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Die Hartz-Reformen
Arbeitslosengeld I
Anspruch auf Arbeitslosengeld hat, wer
- arbeitslos ist,
- der Arbeitsvermittlung zur Verfügung steht,
- die Anwartschaftszeit erfüllt,
- sich bei der Agentur für Arbeit arbeitslos gemeldet und
- Arbeitslosengeld beantragt hat.
- Die Dauer des Anspruchs hängt von der Länge der versicherungspflichtigen Beschäftigung und vom Alter ab. Die Höchstgrenze sind 24 Monate.
Arbeitslosengeld II
Nach dem Arbeitslosengeld I bekommt man das Arbeitslosengeld II (ALG II) - eine Grundsicherung für erwerbsfähige Arbeitsuchende. Sie ersetzte 2005 die frühere Arbeitslosenhilfe und die Sozialhilfe, sofern es sich um erwerbsfähige hilfsbedürftige Personen handelt. Nichterwerbsfähige oder in sogenannten Bedarfsgemeinschaften lebende Hilfsbedürftige erhalten das geringere Sozialgeld. ALG II und Sozialgeld sind Sozialleistungen, keine Versicherungsleistungen. Sie werden aus Bundesmitteln finanziert.
Hartz IV/SGB II
Mit Hartz IV wird das "Vierte Gesetz für moderne Dienstleistungen am Arbeitsmarkt" bezeichnet, das zum 1. Januar 2005 in Kraft getreten ist. Die Grundsicherung wird durch das Zweite Buch Sozialgesetzbuch (SGB II) geregelt, das am 1. Januar 2005 in Kraft getreten ist. Beide zusammen regeln das Arbeitslosengeld - im Volksmund wird das Arbeitslosengeld II "Hartz IV" genannt.
ARGE/Jobcenter
Die Arbeitsgemeinschaften (Argen) sind ein Zusammenschluss der Arbeitsagenturen und kommunaler Träger. Sie werden auch Jobcenter genannt und sind für die Betreuung der Hartz-IV-Empfänger zuständig.
Peter Hartz
Peter Hartz wurde 2002 von der damaligen Bundesregierung unter Gerhard Schröder mit der Erarbeitung von Reformen für den Arbeitsmarkt beauftragt.

Hartz IV
Seit Jahren gibt es Streit über die Betreuung von Hartz-IV-Empfängern. Organisatorisch zuständig sind seit 2005 Arbeitsgemeinschaften von Bundesagentur für Arbeit (BA) und kommunalen Sozialämtern - abgekürzt als Arge bezeichnet.

Verankert wurde diese Mischverwaltung im Hartz-IV-Gesetz über die Zusammenlegung von Arbeitslosen- und Sozialhilfe. Derzeit gibt es 353 Argen, in denen sich 55.000 Mitarbeiter um 5,2 Millionen Hilfsbedürftige kümmern. Daneben gibt es das sogenannte Optionsmodell, bei dem in 69 Kreisen und Gemeinden die Kommunen die alleinige Verantwortung haben.

Von Beginn an gab es Reibereien in den Arbeitsgemeinschaften. Nach Feststellungen des zuständigen Ombudsrats krankt die Organisationsform an dem "ständigen, oft zeitaufwendigen Abstimmungsbedarf" zwischen den Beteiligten. Dabei konkurrieren Kommunen und BA um das Ausmaß ihrer Zuständigkeiten. Die Zusammenarbeit vor Ort leidet auch darunter, dass die Argen kein eigenes Personal haben und die dort tätigen Mitarbeiter von Bundesagentur und Kommune unterschiedlich bezahlt werden.