Klima-Buch Schröder mimt den Klima-Altkanzler

Gerhard Schröder nutzte die Vorlage. Bei der Vorstellung eines Buches über den Uno-Weltklimabericht lobt der Altkanzler die rot-grüne Umweltschutzpolitik - und damit auch sich selbst. Seiner Partei rät er, mit Blick auf das Wahljahr 2009 am Atomausstieg festzuhalten.

Von


Berlin - Sie haben so manchen Strauß miteinander ausgefochten. Michael Müller, heute parlamentarischer Staatssekretär im Bundesumweltministerium. Und Gerhard Schröder, einst Kanzler und SPD-Chef. Jetzt sitzen sie einträchtig in einem Raum im Haus der Bundespressekonferenz nebeneinander.

Ex-Kanzler Schröder in Berlin: "Respekt vor der intellektuellen Brillanz"
AP

Ex-Kanzler Schröder in Berlin: "Respekt vor der intellektuellen Brillanz"

Der Altkanzler setzt ein schelmisches Lächeln auf hinter seinen Brillengläsern. Er weiß natürlich, was die Journalisten vor ihm in den vollbesetzten Reihen denken. Müller und Schröder - wie passt das nun wieder zusammen? Und so kommt Schröder sehr schnell auf den entscheidenden Punkt zu sprechen. Trotz "gelegentlich auseinandergehender Meinungen" über aktuelle Politik, sagt er, habe er doch stets "Respekt vor der intellektuellen Brillanz" von Michael Müller gehabt. Und dann folgt ein Lob auf das andere. Tenor: Müller habe wie kein anderer auf Klimaschutz und nachhaltige Politik hingewiesen.

Es klingt wie ein nachträglicher Ritterschlag. Denn Schröder und Müller, das war zu Zeiten von Rot-Grün auch immer ein Spannungsbogen. Hier der Autokanzler, dort der Warner und Mahner. Müller hat, lange bevor das Thema in die Schlagzeilen drängte, sich für Umweltpolitik interessiert. Er schrieb Reden für den damaligen SPD-Chef Willy Brandt, er war lange Zeit in Bonn Vorsitzender der Enquete-Kommission "Vorsorge zum Schutz der Erdatmosphäre".

Müller hat mitunter darunter gelitten, dass seine Partei die Ökologie vernachlässigte und in den achtziger Jahren an die Grünen verlor. Er wirkte wie ein Einzelkämpfer. Jetzt stellt die SPD mit Sigmar Gabriel, einem Niedersachsen, den Bundesumweltminister. Und mit Schröder stellt ein anderer Niedersachse an diesem Dienstag in Berlin das Buch "Der Uno-Weltklimareport - Bericht über eine aufhaltsame Katastrophe" vor, zu deren Mitherausgebern Müller zusammen mit den Autoren Ursula Fuentes und Harald Kohl gehört.

Für Schröder ist der Auftritt auch Gelegenheit, seine Kanzlerschaft in ein helles Licht zu rücken. In der Klima- und Energiepolitik habe Rot-Grün eine "wirkliche Wende vollzogen". Es lohne "gelegentlich" auch darauf hinzuweisen, dass sie gegen den Widerstand der Union erfolgte. Und dann zählt Schröder alle Erfolgspunkte auf: Ökosteuer, Energieeinspeisegesetz, nationaler Klimaschutz und europaweiter Emissionshandel. Und nicht zuletzt den Atomausstieg. Den rückgängig zu machen, halte er für einen "falschen Weg". An dieser Stelle zitiert Schröder aus dem CDU-Grundsatzprogramm, wonach die Laufzeiten sicherer Atomkraftwerke verlängert werden sollten. Und weil er schon einmal an dieser Stelle ist, stichelt er auch noch ein bisschen nach: Man sei ja schon froh, dass die CDU nicht noch die Laufzeiten "unsichererer" Meiler verlängern wolle.

Beim Thema Atomkraft wird Schröder für einen Moment ganz grundsätzlich und zum Visionär. Nicht nur, dass der Altkanzler, der heute für den russischen Energieriesen Gasprom tätig ist, ein Plädoyer für regenerative Energien und effizientere Energieanwendung hält. Den Blick hat er schon auf den nächsten Urnengang gerichtet. Was die kommenden Bundestagswahl angeht, rate er seiner Partei, beim Atomausstieg zu bleiben. Denn er glaube nicht, dass sich das Thema im Wahljahr 2009 "heraushalten lässt". Es sei "schon ganz hilfreich" wenn man an einer "klaren Position festhält", sagt Schröder.

IPCC - der Klimarat der Vereinten Nationen
Ziele
ESA 2004
Der Intergovernmental Panel on Climate Change, zu Deutsch der zwischenstaatliche Ausschuss für Klimaveränderungen mit Sitz in Genf, wurde 1988 vom Umweltprogramm der Vereinten Nationen (Unep) und der World Meteorological Organization (WMO) gegründet, die ebenfalls zur Uno gehört. Der Inder Rajendra Kumar Pachauri ist seit Mai 2002 Vorsitzender des IPCC.

Der auch als Weltklimarat bezeichnete IPCC soll umfassend, objektiv und ergebnisoffen die wissenschaftlichen, technischen und sozioökonomischen Informationen über den von Menschen verursachten Klimawandel bewerten. Das Gremium, dem Hunderte von Wissenschaftlern in aller Welt zuarbeiten, soll die Folgen und Risiken der Klimaveränderung abschätzen und ausloten, wie man sie abschwächen oder sich an sie anpassen kann.

Der IPCC führt keine eigenen Forschungsprojekte durch, sondern analysiert die Ergebnisse wissenschaftlicher Veröffentlichungen, die dem Peer-Review-Verfahren - der Prüfung von Fachartikeln durch unabhängige Gutachter - gefolgt sind. Mehr auf der Themenseite...
Arbeitsgruppen
Der IPCC hat bisher 1990, 1995, 2001 und 2007 Berichte über den Stand der Klimaforschung abgegeben. An dem Bericht sind drei Arbeitsgruppen beteiligt: Arbeitsgruppe I stellt den Stand der Klimaforschung dar, fasst Daten und Computersimulationen zusammen und trifft Aussagen über die künftige Entwicklung. Arbeitsgruppe II berichtet über die möglichen Folgen der Erwärmung für Mensch und Umwelt, Arbeitsgruppe III über mögliche Gegenmaßnahmen.
Ergebnisse bisher
Im ersten Klimareport des IPCC von 1990 war noch von einem natürlichen Treibhauseffekt die Rede, der von Emissionen des Menschen verstärkt werde. Der Bericht von 2007 aber gab die Verantwortung eindeutig dem Menschen - und sorgte so weltweit für Schlagzeilen.

Der Report basiert auf Hunderten Modellrechnungen, ausgefeilten Computermodellen, zahllosen Studien und Messreihen. 450 Hauptautoren liefern die bisher genaueste Beschreibung dessen, was die Temperatur der Atmosphäre etwa seit dem Jahr 1800 in die Höhe treibt. Am letzten Bericht des IPCC haben 2500 Experten sechs Jahre lang gearbeitet.

Das Buch, um das es an diesem Tag geht, empfiehlt Schröder natürlich auch. Es räume mit den Legenden auf, wonach die wissenschaftlichen Fragen des Klimawandels ungeklärt seien. Nein, betont der Altkanzler, was da vorgelegt werde sei "keine Übertreibung hysterischer Umweltschützer".

Und dann erzählt Schröder von der peruanischen Hauptstadt Lima, deren Wasserversorgung zu hundert Prozent vom Gletscher-Wasser der Anden abhängig sei. Was ein Klimawandel bewirke, könne sich ja jeder ausmalen. Oder dass die Erhöhung der Temperatur um zwei Grad Celsius in Afrika eine Verringerung der Ernteerträge um 50 Prozent bedeute. Er gestehe, dass ihm die Dimension der Auswirkungen "so auch nicht bekannt war". Je länger Schröder redet, umso mehr klingt er nach Michael Müller. Niemand komme mehr daran vorbei, dass es einen Zusammenhang zwischen "sozialer und ökologischer Frage" gebe, sagt Schröder. Auch das klingt wie eine Mahnung an die eigenen Genossen.

Michael Müller referiert anschließend über steigende Temperaturen, schmelzende Gletscher, steigende Meerespegel. Er hat die Zahlen parat. Es ist sein Thema. Wenn es einen dritten Weltkrieg geben sollte, zitiert er die US-Politiker James Schlesinger und Henry Kissinger, dann "um die Ressourcenknappheit". Da ist er wieder, der Umweltschützer Müller. Man stehe vor einem "Jahrhundert der Ökologie", die Berichte über den Klimawandel zeigten, dass die "Jahrhunderlüge", man könne auf Kosten der Natur sowohl Wohlstand als auch Beschäftigung halten, in sich "zusammengebrochen" sei.

Schröder hört zu, geduldig. An einer Stelle blitzt dann doch noch einmal der alte Gegensatz auf. "Ich will nicht verhehlen, wir hätten von 1998 bis 2005 mehr tun können", sagt Müller. Da raunt der Altkanzler: Klar, man hätte "immer mehr tun können".



© SPIEGEL ONLINE 2007
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.