Klimaschutz: Atom-Manager rechnen falsch

Klimaschutz durch Kernkraftwerke? Weltweit ist die Atomlobby im Aufwind, Gegner wie die deutsche SPD scheinen in der Defensive. In einem Gastbeitrag auf SPIEGEL ONLINE erklärt Michael Müller, Staatssekretär im Umweltministerium, warum Atomstrom nicht die Antwort auf den Klimawandel ist.

Berlin - Die Atomdebatte, die in den achtziger Jahren unser Land in Bewegung brachte, hat wieder Konjunktur. Sie droht zum großen Streitpunkt der schwarz-roten Koalition zu werden. Um eine Klimakatastrophe abzuwenden und die hohe Energieabhängigkeit zu verringern, müsste das kleinere Übel "Atomkraft" in Kauf genommen werden, so das Credo von Wirtschaft, Union und FDP. Deshalb brauche unser Land den Ausstieg aus dem Atomausstieg.

Michael Müller ist parlamentarischer Staatssekretär im Bundesumweltministerium. Von 1987 bis 1992 war er Sprecher der SPD in der Enquete-Kommission "Schutz der Erdatmosphäre"
MARCO-URBAN.DE

Michael Müller ist parlamentarischer Staatssekretär im Bundesumweltministerium. Von 1987 bis 1992 war er Sprecher der SPD in der Enquete-Kommission "Schutz der Erdatmosphäre"

Ausgerechnet die Ökologie soll der Rettungsanker für die angeschlagene Branche sein. Die Atomindustrie, die in den vergangenen Jahrzehnten die Umweltschützer stets als Hauptgegner ausgemacht hat, will die nicht mehr zu leugnenden Klimagefahren für einen Neuanfang nutzen. Sie verheißen Milliardengeschäfte, erst durch längere Laufzeiten abgeschriebener Atomkraftwerke und dann – so die Hoffnung - durch einen neuen Atomfrühling.

Die Argumentation erscheint auf den ersten Blick einleuchtend: Das Verbrennen von Gas, Kohle und Öl produziert massenhaft CO2. Das schließt die "Atmosphärenfenster" und heizt die Erde auf. Dagegen schütze Strom aus Uran das Klima, denn ein Atomkraftwerk emittiere kein Kohlendioxid. Zudem reduziere er die hohe Abhängigkeit von Energieimporten. Deshalb sei ein breiter Energiemix ein Gebot der Vernunft.

Doch so einfach ist es keineswegs. Tatsächlich geht es beim Klimaschutz nicht um den bloßen Austausch von Kohle durch Atom, sondern vielmehr um die Frage, ob das bisherige Energiesystem überhaupt in der Lage ist, die großen Herausforderungen wie Klimawandel und Ressourcenknappheit zu bewältigen? Oder ist dafür ein neues Denken notwendig, das nicht mehr den Energieeinsatz, sondern seine Vermeidung ins Zentrum stellt?

Die Atomindustrie nimmt die Schreckensszenarien über den drohenden Klimakollaps dankend auf und bietet sich in ganzseitigen Anzeigen ungeniert als Retter an: "Die Wahl ist also die Wahl zwischen dem Restrisiko einer nach menschlichem Ermessen beherrschbaren Kernenergie und dem Hundert-Prozent-Risiko einer nicht mehr beherrschbaren, da das globale Klima gefährdenden Energieversorgung durch fossile Brennstoffe", so der frühere Siemens-Chef Heinrich von Pierer. Den Spieß einfach umdrehen, das ist der durchsichtige Versuch, wieder in die Offensive zu kommen. Brillant scheint die Strategie zu sein, mit der Angst vor der Klimakatastrophe die Angst vor dem GAU beiseite zu drängen.

Dieser "Schwitzkasten" hat jedoch zwei gravierende Fehler: Erstens wurde der Wahrheitsgehalt der Behauptung mehrfach widerlegt. Und zweitens hat die Atomwirtschaft gar nicht die Macht, das Weltklima entscheidend zu beeinflussen. Sie setzt Energie mit Strom gleich, obwohl die Stromerzeugung insgesamt nur einen Anteil von circa 16 Prozent am globalen Energieverbrauch hat. Davon wiederum hat die Atomkraft nur knapp 17 Prozent, was bedeutet, dass die nukleare Stromerzeugung im Weltmaßstab gerade mal auf drei Prozent kommt. Von daher wäre ein gigantisches Ausbauprogramm notwendig - finanziell unvorstellbar, viel zu langsam, um das Klima zu schützen, und hoch riskant.

Atomenergie ist nicht sauber

Zudem gehört zu einer vergleichenden Bewertung, dass die Emissionen "von der Wiege bis zur Bahre" erfasst werden. Bei einer solchen Betrachtung, wie sie im kumulierten Energieaufwand berechnet wird, entpuppt sich die Behauptung von der sauberen Energie schnell als falsch. Bei der Atomkraft sind nämlich die Energieverbräuche bei den vor- und nachgeschalteten Prozessen erheblich, vor allem bei der Urananreicherung und den Abwärmeverlusten im Kraftwerk. Dagegen kann zum Beispiel ein Biogas-Blockheizkraftwerk hoch effizient zugleich Strom und Wärme produzieren. Dies kann ein Atomkraftwerk praktisch nicht. Bezieht die CO2-Bilanz diesen Zusammenhang mit ein, schneidet die Kraft-Wärme-Kopplung häufig ungleich besser ab.

Auch die Abhängigkeit von Importen senkt die nukleare Stromversorgung nicht, denn nach dem Red Book der OECD reichen die Uran-Reserven zwar noch für rund 150 Jahre. Was aber ist, wenn der Anteil der AKW mit einem Milliardenaufwand verfünffacht, verzehnfacht oder noch höher wird, damit er einen, wenn auch immer noch bescheidenen Beitrag zum Klimaschutz leistet? Die Uranreserven würden zusammenschmelzen wie der Schnee in der Sonne. Und dann? Ohne Schnelle Brüter, die zur Stromerzeugung alle bis auf einen in Russland eingestellt wurden, hat die Atomkraft keine Zukunft. Brutreaktoren produzieren jedoch Plutonium, das extrem giftig und besonders atomwaffengeeignet ist.

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