Klimaschutz Mehrheit der Deutschen für Tempolimit auf Autobahnen

Wenn es dem Klima dient, sind die Deutschen zu Einschränkungen bereit: Einer Umfrage zufolge sind 58 Prozent für ein Tempolimit auf der Autobahn. Umweltexperten und -politiker wollen dem Bürger aber noch ein anderes Opfer abverlangen: Urlaub in Deutschland statt Fernreisen.


Hamburg - Die Mehrheit der Bundesbürger würde eine Begrenzung der Geschwindigkeit auf maximal 130 Stundenkilometer begrüßen. Das ergab eine Umfrage des Leipziger Instituts für Marktforschung im Auftrag der "Leipziger Volkszeitung". Deutlich mehr Menschen sehen aber vor allem die Industrie in der Pflicht: 91 Prozent fordern die Automobilbranche auf, Fahrzeuge mit geringeren Abgaswerten zu produzieren. Damit erhält die Bundesregierung Unterstützung, die sich für eine Reduktion des CO2-Ausstoßes einsetzt.

Autobahn A5 bei Frankfurt am Main: Mehrheit für Tempo 130
AP

Autobahn A5 bei Frankfurt am Main: Mehrheit für Tempo 130

Drei Viertel der Befragten sind dem Bericht zufolge dafür, mit Steuermitteln die Fahrpreise in öffentlichen Verkehrsmitteln zu senken, um mehr Bürger zu bewegen, das eigene Auto stehen zu lassen. Von einem hohen Benzinpreis von fünf Euro pro Liter halten die Deutschen dagegen nichts: Nur sechs Prozent wären dafür. Das Institut für Marktforschung befragte im Februar 1002 repräsentativ ausgewählte Bürger ab 18 Jahren.

Die Bundesregierung will einem Zeitungsbericht zufolge radikale Ziele vorgeben, um den Ausstoß des Klimagases CO2 zu reduzieren. Bis 2050 sollen die Industrienationen ihre Emissionen um 60 bis 80 Prozent reduzieren, meldet das "Handelsblatt". Das sieht ein Entwurf vor, den die Regierung auf dem EU-Gipfel am Freitag vorstellen möchte. Deutschland hat derzeit die EU-Ratspräsidentschaft inne. Wenn der EU-Gipfel diesem Ziel zustimmt, werde die deutsche G8-Präsidentschaft diese Forderung auch auf dem Weltwirtschaftsgipfel im Juni vertreten, berichtet die Zeitung weiter.

Bis 2020 soll die EU ihren Ausstoß an Treibhausgasen gegenüber 1990 um 30 Prozent senken, heißt es weiter. Allerdings habe sich Berlin nicht mit der Forderung durchgesetzt, zumindest eine 20-prozentige Senkung für alle EU-Staaten verbindlich festzuschreiben. Nun ist laut "Handelsblatt" in dem Entwurf nur noch von einer "entschiedenen Festlegung" die Rede. Etliche EU-Staaten hatten gegen verpflichtende Reduktionsziele sowie eine genaue nationale Zuweisung protestiert.

Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) bekräftigte, der Plan sei "nicht irgendeine Absichtserklärung". Vielmehr sei er "so konkret, wie es das in der Geschichte der Europäischen Union noch nicht gegeben hat", sagte sie der "Süddeutschen Zeitung".

In Deutschland wird die Klimadebatte derweil immer heftiger geführt. Vertreter aller Parteien überschlagen sich in diesen Tagen mit Forderungen zur Rettung des Weltklimas. Von Söder bis Künast, von Gabriel bis Verheugen: Alle reden mit – und machen zum Teil Aufsehen erregende Vorschläge. Weit oben auf der Liste steht der Verzicht auf Fernreisen. Urlaub in Deutschland oder im benachbarten Ausland sei sehr schön, sagt der Vizefraktionschef der SPD Ulrich Kelber in der "Bild am Sonntag". "Und man kommt überall gut mit der Bahn ans Ziel." Ins gleiche Horn bläst die Grünen-Fraktionsvorsitzende Renate Künast: "Auch in Deutschland gibt es schöne Urlaubsregionen".

Dabei sind es nicht nur die Verbündeten aus alten rot-grünen Tagen, die den Bundesbürgern ins Gewissen reden. Auch die konservativste der im Bundestag vertretenen Parteien schlägt sich auf die Seite des Klimas. "Es schadet uns Deutschen nicht, wenn wir zwischendurch mal einen Urlaub im eigenen Land verbringen", empfiehlt der Tourismusbeauftragte der Bundesregierung, Ernst Hinsken, seines Zeichens Mitglied der CSU. "Wir brauchen eine Veränderung im Lebensstil", ergänzt sein Parteifreund Werner Schnappauf, Umweltminister in Bayern.

Nach dem Flugzeug gilt das Auto als der Umweltverpester Nummer zwei. Gleich von allerhöchster Stelle wurde der Deutschen liebstes Gefährt kritisiert. Bundespräsident Horst Köhler mahnte, die deutsche Autoindustrie habe "mit Blick auf die ökologische Entwicklung kein Ruhmesblatt" verdient. Auch Bundesumweltminister Sigmar Gabriel forderte die Branche auf, Fahrzeuge mit geringerem Schadstoff-Ausstoß zu bauen. "Die Vorstände in den Unternehmen müssen akzeptieren, dass sie nicht nur der Börse, sondern auch dem Gemeinwohl verpflichtet sind. Sie haben eine ökologische Verpflichtung", sagte der SPD-Politiker der "Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung".

Verbot für konventionelle Autos

Verkehrsminister Wolfgang Tiefensee plant sogar eine Ökoplakette für Autos, damit Verbraucher auf Anhieb den Energieverbrauch erkennen können.Den originellsten Vorschlag machte allerdings kein Roter und kein Grüner, sondern der Generalsekretär der CSU, Markus Söder. Er will die Deutschen per Gesetz dazu zwingen, nur noch klimafreundliche Kraftfahrzeuge zu fahren. "Ab dem Jahr 2020 dürfen nur noch Autos zugelassen werden, die über einen umweltfreundlichen Antrieb verfügen", sagte er dem SPIEGEL. Von diesem Zeitpunkt an müssten herkömmliche Verbrennungsmotoren durch Wasserstoff- und Hybridtechnik abgelöst werden.

Bei so viel Engagement für die Umwelt lässt die entsprechende Gegenbewegung nicht auf sich warten. Deren Motto: der Status quo muss bewahrt werden. Wie auf der Seite der Ökologen finden sich auch hier Vertreter der unterschiedlichsten Parteien. So widerspricht der bayerische Innenminister Günther Beckstein seinem CSU-Kollegen Schnappauf vehement: "Rücksichtnahme auf die Schöpfung ist gut, aber durch Verzicht auf Flugreisen werden die weltweiten Klimaprobleme nicht gelöst", sagte er dem "Tagesspiegel am Sonntag". Auch die Branche selbst wehrt sich: "Der Luftverkehr ist nur für drei Prozent der Emissionen verantwortlich", sagte die Geschäftsführerin des Bundesverbands deutscher Fluggesellschaften, Tanja Wielgoß, dem "Handelsblatt".

Warnung vor Hysterie

Natürlich findet auch die Autoindustrie ihre Fürsprecher in der Politik. Der deutsche EU-Kommissar Günter Verheugen (SPD) warnte in der "Bild am Sonntag" davor, in "hysterischen Aktionismus zu verfallen".Immerhin: Die ersten Hersteller kündigen bereits sparsamere Autos an. Porsche-Chef Wendelin Wiedeking zum Beispiel will bis zum Ende des Jahrzehnts einen Cayenne mit Hybridmotor auf den Markt bringen. Die Technik gilt als besonders umweltfreundlich. Und Volkswagen-Chef Martin Winterkorn sagte dem SPIEGEL, sein Unternehmen wolle eine Öko-Variante des Golf anbieten.

Weitere Ratschläge aus der Politik haben sich die Hersteller allerdings verbeten. "Politiker kritisieren gern andere. Für uns verbietet es sich aber meist, mit gleicher Schärfe zurückzuschießen", sagte Winterkorn dem SPIEGEL. "Denn Politiker zählen zu unseren besten Kunden. Und sie fahren in der Regel nicht die verbrauchsgünstigsten Modelle."

wal/AP/Reuters/dpa/ddp

Forum - Klimawandel - denken Sie um beim Autokauf?
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DELAN, 06.02.2007
1.
Da melden sich sicherlich gleich ganz viele, die so ein Auto sofort kaufen würde. Es gab solche Autos schon - und zwar aus Deutschland! Aber kaum jemand hat sie gekauft: Der Lupo 3L und der Audi A2, der ebenfalls nur 3l verbrauchte, sind eingestellt worden. Der Audi Q7, ein spritfressender Dinosaurier, verkauft sich wie warme Semmeln. Was wir brauchen, sind nicht andere Autokäufer, sondern ist eine grundlegende Wende in der Energiepolitik. Weg vom Öl, heißt für mich die Devise und da sehe ich kein Land in Sicht. Gruß DELAN
langsamer 06.02.2007
2.
Wer ein "sparsames" Auto kauft, um zu sparen, begeht gleich den ersten Irrtum: die Energiemenge, welche bei der Herstellung eines Autos aufgewendet werden muss, ist viel höher als jene, die dieses Auto jemals bis zu seiner Verschrottung in Form von Kraftstoff verbrauchen wird.
Klo, 06.02.2007
3.
---Zitat von langsamer--- Wer ein "sparsames" Auto kauft, um zu sparen, begeht gleich den ersten Irrtum: die Energiemenge, welche bei der Herstellung eines Autos aufgewendet werden muss, ist viel höher als jene, die dieses Auto jemals bis zu seiner Verschrottung in Form von Kraftstoff verbrauchen wird. ---Zitatende--- Das schreit ja geradezu nach Belegen. Was bitte macht die Herstellung eines Lupo oder Golf zum Energiefresser? Und wieso ist die Herstellung eines 3 Tonnen schweren Maybach da besser? Fragen über Fragen.
Dr.Strangelove, 06.02.2007
4.
Ich erinnere mich noch an meine Suche nach Elektroautos, in die ich in der regel nicht einmal einen Einkauf für 2 Personen bekomme und deren Batterien im Winter nur noch die Hälfte der Energie speichern, weil es für diese weder eine Isolation, noch eine Aufwärmung gibt. Zu sShluss fand ich noch ein experimentelles Fahrzeug mit einer gut isolierten Batterie, die bei 300Grad Celsius Betrieb gefahren wird und im Winter die volle Leistung abgibt. Nur gibt es kein Fahrzeug mit einer solchen Batterie am Markt. Die meisten Bastler haben nicht das Kapital um etwas vernünfitges zu industrialisieren und die Konzerne sind mit sich selbst beschäftigt. Schade eigentlich.
Zeichenkunde, 06.02.2007
5. Umdenken auch von oben
Der Tesla Roadster kostet 100000 ist ein Elektroauto und - ausverkauft. Einfache Logik: Wenn umweltfreundliche Autos nicht aussehen wie Seifenkisten und Alltagstauglich sind (in diesem fall die Reichweite) werden sie auch gekauft. Mein nächstes Wunschauto wäre dann der Loremo. Zweite einfache Logik: wenn der Gesetzgeber beschließt wird auch gehandelt. Siehe Kalifornien: Gesetz da Elektroautos da. Gesetz weg - Autos weg. (Who killed the electrical car) So einfach wäre das!
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