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24. Februar 2008, 22:23 Uhr

Koalitionspoker in Hamburg

Die grüne Basis pfeift auf schwarze Offerten

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Rot oder Grün können regieren - aber nur als Juniorpartner der CDU. Und das schmeckt der Basis noch gar nicht. Bei der SPD sieht man kaum Schnittmengen mit der Union, und die Grünen buhen und pfeifen sogar, als Umfragen zu Schwarz-Grün über die Bildschirme flimmern.

Hamburg - Christa Goetsch sieht müde aus. "Ja", sagt die Spitzenkandidatin der Hamburger Grünen geduldig in das x-te Mikro an diesem Abend, "wenn Ole von Beust uns zu Gesprächen einlädt, dann kommen wir natürlich". Alles andere werde man in den nächsten Tagen sehen. Wahre Begeisterung sieht anders aus: Zu groß sind die inhaltlichen Differenzen.

Den Verhandlungen über eine mögliche schwarz-grüne Koalition sieht Goetsch gelassen entgegen. "Wir wollen nicht auf Teufel komm raus an die Macht", sagt sie SPIEGEL ONLINE. Wenn bei Themen, die den Grünen wichtig seien, kein gemeinsamer Nenner zu finden sei, "dann gehen wir eben hoch erhobenen Hauptes in die Opposition." Das umstrittene neue Kohlekraftwerk in Moorburg sei mit den Grünen "nicht zu machen", und auch die Elbvertiefung - welche die CDU umsetzen will, die Grünen aber strikt ablehnen - könnte eine Zusammenarbeit verhindern. Der Wille, Zugeständnisse zu machen, ist laut Goetsch begrenzt. "Wir wollen schließlich unsere Glaubwürdigkeit nicht verlieren", sagt sie. Eine Anspielung?

Der Kritik der vergangenen Tage nach zu urteilen, ist die Glaubwürdigkeit ein Problem, das der Hamburger SPD zum Verhängnis geworden sein könnte. Nachdem Parteichef Kurt Beck laut über eine Kooperation mit der Linkspartei in Hessen nachgedacht hatte, machte der Vorwurf des Wortbruchs die Runde - und das in der Endphase des Wahlkampfs. Da half es auch herzlich wenig, dass der Spitzenkandidat in der Hansestadt, Michael Naumann, immer wieder betonte, eine wie auch immer geartete Zusammenarbeit mit den Linken komme für ihn nicht in Frage.

Dabei bleibt er auch, als er am Abend in der Hamburger SPD-Zentrale vor seine Anhänger tritt. Eine Zusammenarbeit mit der Linkspartei schließt er aus: "Wir haben mit denen nichts zu tun", ruft er. "Wir werden nicht mit ihnen kooperieren, und wir werden uns auch nicht tolerieren lassen." Die Menge jubelt. "Naumann! Naumann! Naumann!"-Sprechchöre werden laut.

Über Kurt Beck spricht er nicht, über eine Große Koalition auch nicht. Später, im Vorbeigehen auf die Wahrscheinlichkeit einer Zusammenarbeit mit der CDU angesprochen, sagt er nur: "Wir müssen abwarten."

Die CDU wird ohnehin zunächst auf die Grünen zugehen - das jedenfalls glaubt Hamburgs früherer Erster Bürgermeister Ortwin Runde (SPD). Eine Große Koalition hält er für unwahrscheinlich. Die "inhaltlichen Schnittmengen" zwischen SPD und CDU seien in Hamburg einfach "zu gering", meint Runde.

Ob die Suche nach Schnittmengen mit den Grünen allerdings einfach ist? Selbstbewusstsein ist es jedenfalls, was der Grünen-Bundesvorsitzende Reinhard Bütikofer der Hamburger GAL in der Diskussion mit Ole von Beust rät. "Wenn er reden will, reden wir. Aber wir reden über grüne Politik in Hamburg", sagte Bütikofer bei der Wahlparty seiner Partei in einer Kneipe auf der Reeperbahn. Zu reden bedeute nicht, sich anzubiedern. Er rate den Hamburger Grünen "erstens zu Gelassenheit, zweitens zu Geradheit und drittens zu Selbstbewusstsein", sagte Bütikofer. Die GAL habe als "mit Abstand dritte Kraft" eine strategisch einflussreiche Position, die sie nutzen müsse. Bürgermeister Beust habe bei der Wahl keine Bestätigung für seine Politik bekommen.

Und wie sieht die grüne Basis das Ganze? Äußerst missmutig. Als bei der Wahlparty mit den ersten Hochrechnungen auch die ersten möglichen Konstellationen für eine Mehrheit in der Bürgerschaft auf den Leinwänden zu sehen sind, kommt Bewegung in die Menge. "Nur eine Große Koalition ist möglich", ist da zu hören, allen Zahlenspielen zum Trotz. Und als die Sitzverteilung für eine schwarz-grüne Koalition auf der Leinwand flimmert, gellen Pfiffe und Buh-Rufe.

Die Stimmverluste bei den Grünen tun das Übrige für die gedrückte Stimmung. "Wir haben immerhin eins geschafft", sagte Christa Goetsch. "Wir haben die absolute Mehrheit von Ole von Beust gebrochen - auch wenn uns eine rot-grüne Mehrheit nicht gelungen ist." Durchhalteparolen auch bei der SPD: "Die Sozialdemokratie in Hamburg ist wieder da", sagt Michael Naumann.

Nur eins, sagt Naumann, betrübe ihn sehr an diesem Abend: die geringe Wahlbeteiligung. "Den Nichtwählern rufe ich zu: Ihr kriegt immer genau die Regierung, die ihr nicht haben wolltet." Er verzieht das Gesicht ein wenig, die Augen funkeln. "Und das ist Pech für euch."

Mit Material von ddp/Mitarbeit: Maike Jansen

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