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Kochs Herausfordererin: Ségolène Ypsilanti

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Mit großem Theaterdonner hat die hessische SPD ihre Spitzenkandidatin gekürt: Landeschefin Andrea Ypsilanti setzte sich in einer Kampfabstimmung durch und wird 2008 gegen Roland Koch antreten. Die Parteilinke inszenierte sich als deutsche Segolène Royal.

Rotenburg - Vielleicht war es der Appell, "wieder klare Kante" und den "Mut zur Zuspitzung" zu zeigen. Oder das Versprechen, neben dem "Klein-Klein des Alltags" auch wieder "das Große Ganze" in den Blick zu nehmen.

Andrea Ypsilanti und ihr unterlegener Gegenkandidat, der SPD-Landtagsfraktionschef Jürgen Walter: Nur sie darf ans Steuer.
DDP

Andrea Ypsilanti und ihr unterlegener Gegenkandidat, der SPD-Landtagsfraktionschef Jürgen Walter: Nur sie darf ans Steuer.

Aber vielleicht war es auch einfach nur der schamlose Vergleich mit Ségolène Royal, mit dem Andrea Ypsilanti die Delegiertenherzen zum Schmelzen brachte. Sie sei eine Mutter "wie Ségolène", sagte die 49-Jährige. Daher könne sie wie die französische Sozialistin sagen: "Ich verstehe was vom Leben und damit auch von der Politik". Die Nachbarn hätten es vorgemacht und eine Frau zur Spitzenkandidatin gekürt. "So mutig wie die französischen Genossen könnt ihr auch sein", rief Ypsilanti in die Meirotels-Halle in Rotenburg an der Fulda.

Der Verweis auf die Pariser Glamour-Politikerin war die Krönung einer sehr raffinierten Bewerbungsrede der hessischen SPD-Landeschefin. Ypsilanti bewies ein feines Gespür für die Stimmungslage ihrer Partei: Denn eine Heilsbringerin wie Royal brauchen die verzweifelten Genossen wohl mindestens, um eine Chance gegen den übermächtig erscheinenden Ministerpräsidenten Roland Koch (CDU) zu haben.

Rund 350 Delegierte waren heute ins nordhessische Rotenburg an der Fulda gekommen, um den SPD-Spitzenkandidaten für die Landtagswahl 2008 zu wählen. Vorausgegangen war eine zweimonatige Bewerbungstour der beiden Kandidaten durch die 26 Unterbezirke. Neben Ypsilanti bewarb sich auch der Vorsitzende der SPD-Fraktion im Landtag, Jürgen Walter. Der 38-jährige Nachwuchsmann galt bei der heutigen Abstimmung als Favorit, weil sich zwei Drittel der Unterbezirke für ihn ausgesprochen hatten.

Skeptiker aber hatten bereits gewarnt, ein Parteitag sei unberechenbar. Und es passierte tatsächlich: Nach der Kampfabstimmung lagen Walter und Ypsilanti gleichauf. Je 172 Stimmen bei drei Enthaltungen, das bedeutete einen zweiten Wahlgang. Ungläubiges Staunen, auch Ärger, machte sich im Walter-Lager breit. "Es kann doch nicht wahr sein, dass die Leute herkommen und sich enthalten", schimpfte ein Delegierter.

Als Ypsilanti dann beim zweiten Wahlgang 175 Stimmen erhielt, Walter aber nur 165, brachen die Jusos, auf deren roten T-Shirts ein großes Y prangte, in Jubel aus. Die Delegierten feierten die Siegerin mit Standing Ovations, Ypsilanti strahlte und nahm die Glückwünsche des Unterlegenen entgegen. Walter sicherte der Siegerin wie versprochen seine Unterstützung zu. Dabei dürfte aus seiner Sicht die Wahl 2008 nun verloren sein: Der reformorientierte Netzwerker sieht in der Agenda-2010-Kritikerin Ypsilanti eine ewiggestrige Linke und hatte sich stets als einziger Herausforderer präsentiert, der eine realistische Chance gegen Koch hätte.

Wie zerstritten die beiden SPD-Flügel in Hessen sind, verriet schon das Motto des Landesparteitags. "Wahlsieg 2008" stand in großen roten Lettern auf der Bühne in. Das ist der kleinste gemeinsame Nenner, auf eine inhaltliche Botschaft konnte man sich offensichtlich nicht einigen. Das Duell zwischen Walter und Ypsilanti war auch nur nötig geworden, weil der ursprüngliche Konsenskandidat für den Posten, der ehemalige Offenbacher Bürgermeister Gerhard Grandke, nach seinem Sommerurlaub im August überraschend seinen Verzicht erklärt hatte.

Walter und Ypsilanti freundeten sich schnell mit ihren neuen Rollen an und setzten ihren ganzen Ehrgeiz ein. Am Ende könnte die Tagesform entscheidend gewesen sein: Ypsilanti schaffte es heute, mit einer teilweise fulminanten Rede den Parteitag zu begeistern.

Absage an den "kleinen Koch"

Schon während der Reden wurde deutlich, welcher der beiden Kandidaten im Saal besser ankam. Walter arbeitete sich vor allem am großen Gegner Koch ab. Es müsse Schluss sein damit, dass Hessens Image durch schwarze Kassen und sonstige Demokratieverstöße geprägt sei. Koch habe Hessen zum "Land der verkümmerten Talente" gemacht. Auch forderte Walter öffentliche Investitionen in Autobahnen, den Flughafen und die innere Sicherheit.

Ypsilanti hingegen hatte in ihrer Rede schon vorweg all dies entwertet. Ein Anti-Koch-Wahlkampf allein reiche nicht aus, sagte sie: Die bittere Erfahrung habe man vor vier Jahren bereits gemacht. Damals hatte Koch trotz Finanz-Affäre die SPD auf das historische Tief von 29,1 Prozent gedrückt. Nötig sei vielmehr eine eigene Vision, warb Ypsilanti. "Wir haben es nicht nötig, dem neoliberalen Zeitgeist hinterher zu laufen", rief sie. Der Appell an die stolze linke Tradition des SPD-Landesverbands Hessen kam an.

"Es muss um den Kontrast gehen, zwischen uns und der Koch-CDU", rief Ypsilanti. Die SPD müsse deutlich machen, wo sie stehe, nämlich an der Seite der Arbeitnehmer. Koch mache Politik für Millionäre, die SPD hingegen für Millionen. Die Ursache der Politikverdrossenheit sei, "dass Politiker und Parteien verwechselbar geworden sind" - ein klarer Seitenhieb gegen ihren Konkurrenten Walter, der auf Grund seiner Stromlinienförmigkeit gelegentlich auch "der kleine Koch" genannt wird. Ypsilanti warb damit, nur sie könne die Stammwähler mobilisieren und verhindern, dass sie zu den Grünen oder der Linkspartei abwanderten.

Die 49-Jährige, die aus einer Arbeiterfamilie in Rüsselsheim stammt und mal als Stewardess bei der Lufthansa gearbeitet hat, stellte immer wieder ihre Lebenserfahrung und persönliche Situation heraus. "Eine Frau, die an die Spitze geht, weiß, was Kampf ist", sagte sie. Neben der besseren Rhetorik dürfte auch Ypsilantis stärkere Vernetzung im Landesverband entscheidend gewesen sein. Die Landeschefin ist die natürliche Kandidatin der Funktionärsebene. Fällt sie, rollen auch andere Köpfe. Walters Kandidatur wurde im Establishment auch als Kampfansage aufgefasst.

Die große Frage ist nun, ob der zerstrittene Landesverband sich hinter der Spitzenkandidatin einen lässt. Viel war heute die Rede von Versöhnung. In seiner Eröffnungsrede mahnte der Bezirksvorsitzende Hessen-Nord, Manfred Schaub, nach der Wahl gehe es darum, "ganz schnell wieder zueinander zu finden". Man dürfe "kein Mitglied auf dem Weg in die Staatskanzlei zurücklassen". In den vierzehn Monaten bis zur Landtagswahl bleibe "keinerlei Zeit für Beschäftigung mit uns selbst".

Letzteres scheint jedoch unvermeidlich. Das Walter-Lager dürfte noch einige Zeit damit verbringen, seine Niederlage zu analysieren - zumal die Unterbezirke sich mehrheitlich für Walter ausgesprochen hatten. Der Parteitag könne nicht einfach über "die Basis" hinweggehen, kritisierten in Rotenburg bereits die ersten. Walter bleibt allerdings ein Trost: Sollte Ypsilanti wie erwartet 2008 gegen Koch verlieren, wäre der Rechtsanwalt wohl endgültig an der Reihe.

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