Kochs Rückzug Abschied des Angreifers

Was für eine Überraschung: Hessens Ministerpräsident Roland Koch galt als Paradebeispiel eines Berufspolitikers und Machtmenschen - nun zieht ausgerechnet er sich aus der Politik zurück. Verrückt? Im Gegenteil. Koch wollte weiter nach oben, doch die Kanzlerin stand ihm im Weg.

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Berlin - Der Schlagersänger Udo Jürgens hat aus der Sehnsucht nach New York ein berühmtes Lied gemacht. "Einmal verrückt sein und aus allen Zwängen flieh'n", so geht ein Teil des Refrains.

Der Politiker Roland Koch ist ein Fan des Sehnsuchtsbarden Udo Jürgens. Und dieses Lied mag er besonders gern. Wie der Politiker am Dienstagmittag vor dieser weißen, mit dem hessischen Löwen geschmückten Wand seinen Abschied aus der Politik erklärte, da hätten die Männer am Mischpult der hessischen Staatskanzlei auch Jürgens einspielen können: Aus allen Zwängen fliehen - gewissermaßen als Soundtrack zum Rücktritt.

Was im Lied nur spießbürgerliche Träumerei, das ist bei Koch knallharte Wirklichkeit: Der Mann tritt tatsächlich ab von der politischen Bühne. Nicht infolge einer Wahlniederlage, nicht nach einem Putsch der Partei. Sondern aus freien Stücken.

Wer hätte ihm das zugetraut? Ausgerechnet ihm?

Roland Koch, der ist doch das Paradebeispiel des deutschen Berufspolitikers. Ist das nicht der Mann, der als Minderjähriger von der Mutter in den Siebzigern zur Jungen Union gefahren wurde - im Anzug, mit schwarzem Aktenkoffer, Kohl-Button drauf? Der, von dem sie spotteten, er lerne "auf Kanzler"? Ja, alles richtig. Und trotzdem hört dieser Roland Koch nun freiwillig auf.

Weil er politisch nicht mehr weiterkam? Koch ist erst 52 Jahre alt, aber schon elf Jahre Ministerpräsident in Wiesbaden. Er ist der wohl begabteste Politiker, den die CDU in ihren Reihen hat: Brillante Rhetorik, taktisches Geschick, brennender Ehrgeiz. Doch der logische Schritt nach Berlin ist nie erfolgt. Denn in Berlin hat seit zehn Jahren Angela Merkel die Fäden in der Hand. So lange schon führt sie die Union, seit fünf Jahren ist sie Kanzlerin. Der CDU-Vize Koch hätte wohl Finanzminister werden können im letzten Herbst. Oder Innenminister. Oder EU-Kommissar in Brüssel. Doch immer wäre er all das von Merkels Gnaden gewesen.

Einem, der mit schier unbändigem Willen nach oben will, wäre das nicht genug. Es hätte auch anders laufen können. Wenn es so weitergegangen wäre, wie es sich im Jahr 2003 anließ: Da eroberte Koch die absolute Mehrheit im ach so sozialdemokratisch geprägten Hessen. In Washington gewährte ihm US-Präsident George W. Bush eine 15-Minuten-Audienz. Es war die Zeit, als Eiszeit herrschte zwischen Bush und dem damaligen Kanzler Gerhard Schröder wegen dessen Nein zum Irak-Krieg. Koch in Kanzlerform.

"Brutalstmögliche Aufklärung"

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Doch es kam die Machtmaschine Merkel. Die überwand sie alle: die mächtigen Unionsmänner, ob Edmund Stoiber oder Friedrich Merz. Lange galt auch Koch als ihr Kritiker. Dann wechselte er die Taktik, stellte sich an ihre Seite. Doch auch das fruchtete nicht. Zuletzt gab Roland Koch ein paar sehr herzhafte Interviews, in denen er Merkel frontal anging, ihr das Sparen bei Bildung und Kinderbetreuung nahelegte - bei ihren Lieblingsprojekten. Sie wies das zurück. Koch legte nach. Noch einmal gab er den Bundespolitiker, der Themen setzt. Noch einmal zeigte Roland Koch, dass er der CDU-Ministerpräsident in Deutschland ist, dem darin keiner das Wasser reichen kann.

Doch kein Unionsgrande sagte, dass man jetzt so einen wie Koch in Berlin brauche. Einen mit klarer Kante und konservativem Profil. Wenn Koch gehofft hatte, vielleicht doch noch gerufen zu werden - es war vergeblich.

Parallel hatte er sich schon lange auf seinen Abschied aus der Politik vorbereitet. Ein Geheimnis hat er daraus nie gemacht. Hat immer gesagt, er könne wieder als Anwalt in der Wirtschaft arbeiten. Nur geglaubt hat ihm das keiner. Von wegen verrückt und aus allen Zwängen fliehen.

Auch Angela Merkel war eingeweiht. Seit etwa einem Jahr wusste die Kanzlerin, dass Koch nicht mehr weitermachen werde. Es gab keinen Ausstiegstermin, kein Ausstiegsszenario. Aber Koch hatte mit ihr drüber geredet. Auch seinen Freunden vom Andenpakt, jener berühmt-berüchtigten CDU-Männerrunde um Koch, Christian Wulff, Günther Oettinger und Peter Müller, war klar, dass etwas in der Luft lag. Noch vergangenes Wochenende haben sich einige von ihnen in Barcelona getroffen. Auch Koch reiste an. Und sagte zwar kein Wort über seinen nahenden Rücktritt. Doch "es wurde darüber spekuliert, aber nicht thematisiert", sagt einer aus dem Kreis. Seit längerem sei klar gewesen, dass Koch in die Wirtschaft wechseln wolle.

Das ist für den Politikertypus Koch tatsächlich alles andere als verrückt. Denn Roland Koch hat Politik nicht aus Idealismus betrieben, sondern sich als Prozessmanager verstanden. Er ist angetreten, um zu reformieren, zu optimieren, zu expandieren. Auf seiner Rückzugspressekonferenz sagte Koch, er sei Ministerpräsident eines "der spannendsten Bundesländer". So etwas kann man auch über ein Unternehmen sagen.

"Jüdische Vermächtnisse" und "brutalstmögliche Aufklärung"

Und Roland Koch ist immer auch für sich selbst angetreten. Für sein Fortkommen. Das erklärt seinen unwiderstehlichen Drang zur Macht, seine fehlenden Selbstzweifel, seine politische Überlebenskunst.

Es ist die Ironie von Kochs Geschichte, dass ausgerechnet er freiwillig zurücktritt. Er, der so oft am Sturz vorbeigeschrammt ist.

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Roland Koch: Alphatier aus Hessen
Schon als er sich 1998 anschickt, als CDU-Spitzenkandidat gegen Rot-Grün in Hessen anzutreten, setzt Koch, der eigentlich Chancenlose, alles auf eine Karte: die Unterschriftenkampagne gegen den von der Bundesregierung geplanten Doppelpass. Er bedient sich ausländerfeindlicher Stimmungen. Es funktioniert, Koch siegt.

Für ein paar Monate ist er der neue CDU-Star, dann schlägt die Parteispendenaffäre auf die hessische CDU durch. Deren Schatzmeister erfindet die Legende von den angeblichen jüdischen Vermächtnissen, aus denen das Geld stamme. Koch verspricht "brutalstmögliche Aufklärung", die Opposition bezichtigt ihn der Lüge. "Es gab Morgen, da war vom Machtwillen nicht mehr viel übrig, da wusste ich nicht, ob ich diesen Tag politisch überlebe", vertraut Koch seinem Biografen Hajo Schumacher an. Doch Koch überlebt.

Irgendwann tritt eine Frau namens Andrea Ypsilanti auf die hessische Bühne. Gegen alle Erwartung macht sie Koch im Wahlkampf 2008 zu schaffen. Der flüchtet sich wie neun Jahre zuvor in die altbekannte Thematik: "Wir haben zu viele kriminelle junge Ausländer." Am Wahltag fällt seine CDU auf 36,8 Prozent. Doch Koch überlebt dank des Ungeschicks der Sozialdemokratin. Es gibt Neuwahlen, Koch kann eine schwarz-gelbe Regierung bilden.

Dies, so sagt Roland Koch an diesem Dienstag, habe er noch erledigen wollen: "Ich wollte eine langfristige bürgerliche Mehrheit in Hessen. Die war in Gefahr. Jetzt ist sie stabil." Das war's. Mehr war für Roland Koch aus Sicht von Roland Koch in der Politik wohl nicht mehr drin.

Mitarbeit: Severin Weiland

Forum - Roland Koch - Ihre Bilanz seiner Amtszeit?
insgesamt 1539 Beiträge
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Seite 1
kdshp 25.05.2010
1.
Zitat von sysopPaukenschlag in Wiesbaden: Roland Koch legt laut ZDF seine Ämter als Ministerpräsident und als CDU-Vize zum Jahresende nieder. Er wolle sich ganz aus der Politik zurückziehen. Ihre Bilanz seiner Amtszeit?
Hallo, zu schön um wahr zu sein. Na ich werde herrn koch (CDU) als brutsalstmöglichen aufklärer im kopf behalten den wir uns hätten sparen können siehe unterdückung der steuerfahndung in hessen usw.
chrissey 25.05.2010
2. Woooow
Das waehre zu schoen, um wahr zu sein!
Lexington67 25.05.2010
3. Schon interessant
wie unsere "Demokratie" funktioniert. Der Mann bleibt in Amt und Würden, obwohl er eigentlich die Wahl verloren hat, aber nimmt er sein demokratisches Recht wahr und macht einen (zugegeben umstrittenen und aus meiner Sicht auch bescheuerten) Vorschlag zur Lösung eines gewaltigen Problems ist er plötzlich nicht mehr tragbar. Das zeigt doch nur wie Merkel ihre Macht sichert. "Umgib dich mit Pfeifen, die können dir nicht so schnell gefährlich werden, sollte einer davon aufmüpfig werden, ersetze ihn durch ne neue Pfeife"
Spacemop 25.05.2010
4. Endlich!
Zitat von sysopPaukenschlag in Wiesbaden: Roland Koch legt laut ZDF seine Ämter als Ministerpräsident und als CDU-Vize zum Jahresende nieder. Er wolle sich ganz aus der Politik zurückziehen. Ihre Bilanz seiner Amtszeit?
Ein wahrer Segen, für Hessen und die ganze Republik!
danielitinho 25.05.2010
5.
Zitat von sysopPaukenschlag in Wiesbaden: Roland Koch legt laut ZDF seine Ämter als Ministerpräsident und als CDU-Vize zum Jahresende nieder. Er wolle sich ganz aus der Politik zurückziehen. Ihre Bilanz seiner Amtszeit?
you made my day ;) die beste nachricht seit tagen. endlich tritt dieser brutalstmögliche aufklärer zurück. ich krieg das grinsen nicht mehr aus dem gesicht.
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