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Wortwahl in der Flüchtlingsdebatte: Gabriels Weg der Eskalation

Ein Kommentar von Stefan Berg

Er spricht von "Pack" oder von "Arschlöchern". In der Flüchtlingsdebatte wählt Vizekanzler Gabriel den falschen Ton. Wer für die Würde des Menschen eintritt, darf selbst den Anstand nicht verlieren.

Sigmar Gabriel (Archivbild): Handeln, nicht blöken Zur Großansicht
DPA

Sigmar Gabriel (Archivbild): Handeln, nicht blöken

Sigmar Gabriel, Vorsitzender der Sozialdemokratischen Partei Deutschlands und Nachfolger des Friedensnobelpreisträgers Willy Brandt, beschädigt die politische Kultur des Landes. Vor wenigen Wochen hat Gabriel Menschen als "Pack" bezeichnet, nun hat er andere als "Arschlöcher" tituliert. In beiden Fällen hat er auf Menschen, die sich unzivilisiert verhielten, unzivilisiert reagiert. Er wählte den Weg der verbalen Vergeltung. Er wählt den Weg der Aufrüstung, nicht der Abrüstung. Willy Brandt kann sein Vorbild nicht sein.

Mit "Pack" meinte Gabriel Menschen, die auf ungehörige Weise gegen Asylbewerber hetzten, mit "Arschlöcher" meinte er die Täter, die in Köln auf ungehörige Weise Frauen misshandelten. (Lesen Sie hier die Titelgeschichte im aktuellen SPIEGEL zu dem Thema). In beiden Fällen sind Strafverfolgung und öffentliche Ächtung angebracht, aber keine Herabwürdigungen.

Wer für die Würde des Menschen eintritt, darf selbst den Anstand nicht verlieren. Verbalinjurien sind genug im Umlauf. Den Wettbewerb "Wer schimpft am lautesten im ganzen Land" wird Gabriel nicht gewinnen. Er soll dies auch nicht. Von einem Vizekanzler kann man konkrete Taten erwarten. Er soll handeln, nicht blöken. Er könnte etwa zum Thema Fluchtursachen etwas konkreter werden. Als Wirtschaftsminister ist er quasi Waffenexportminister.

Die politische Auseinandersetzung in Deutschland ist im Zustand rasanter Verrohung. In dieser Situation brauchen wir Politiker, die den inneren Frieden im Blick haben, ihn fördern. Man darf ruhig an Willy Brandt erinnern. Dessen Erbe aber agiert nicht wie der Vorsitzende der Sozialdemokratischen Partei Deutschlands, sondern wie der Vorsitzende der Vereinten Stammtische. Wo Mäßigung nötig wäre, bedient er die Maßlosigkeit.

Welcher Lehrer soll noch auf dem Schulhof zu Anstand und Sitte mahnen, wenn ein Vizekanzler und Parteivorsitzender schon nicht mehr die Form wahrt?

Zum Autor

Stefan Berg, 1964 in Ost-Berlin geboren, ist seit 1996 beim SPIEGEL. Seine Laufbahn als Journalist begann er bei Kirchenzeitungen in der DDR.

E-Mail: Stefan_Berg@spiegel.de

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Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 161 Beiträge
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1. Was sind wir für eine Nation von Waschlappen....
roby 16.01.2016
…..die Angst vor einer Herausforderung haben. Wir sind Exportweltmeister, wir waren, was weiß ich wieviele Male, Fußball-Welt- und Europameister, wir sind eines der reichsten Länder der Welt, haben die stärkste Industrie aus den Trümmer des zweiten Weltkriegs gestampft; wir haben 14 Millionen Ostvertriebene aufgenommen und die Wiedervereinigung geschultert. Hat sich Deutschland je vor einer Herausforderung gedrückt? Aber wir jammern in aller Öffentlichkeit und in aller Härte und beklagen uns, wie arm wir sind, wie schwach wir sind, wie unfähig wir sind. Auf was wollen wir jemals wieder stolz sein können, wenn wir uns nicht auch der Herausforderung stellen, die flüchtende Menschen, die Krieg, Terror und Tod entkommen wollen, mit sich bringen?
2. Ist halt nur der untaugliche Versuch..
competa1 16.01.2016
..eines Politikers die Sprache des Volkes zu sprechen.Halb so wild!
3.
schmidtwr 16.01.2016
Es ist nicht fair, Maßstäbe mal von rechts, mal von links, mal von gebildet, mal vom Stammtisch her bei Politikern anzulegen. Besser wäre es, das zu analysieren, was gemeint sein könnte und in welchem Kontext etwas gesagt wird. Dann könnte sich bei Gabriel herausstellen, dass er anders als andere das sagt, was er wirklich meint, während andere schweigen, sich zurückziehen, unverständlich oder auch mal arrogant daher kommen. Und was die Verrohung betrifft, da sollten sich einmal die Medien selbst an die Nase fassen. Selbst die so beliebte und ansonsten anspruchsvolle heute-show lässt keine Nummer aus, ohne die Fäkaliensprache von oben bis unten über die derzeitige Politikerriege niederrieseln zu lassen
4.
meimic29 16.01.2016
Sigmar Gabriel und Willy Brandt zu vergleichen ist, wie eine Kuh mit einem Kuhfladen zu vergleichen.
5. Die Reaktion von Gabriel ist völlig richtig...
scooby11568 16.01.2016
manchmal muss man Dinge auch beim Namen nennen.
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