Königshaus vs. Marine: Wehrbeauftragter kritisiert "Gorch Fock"-Bericht

Der Marineführung droht Ärger wegen des Untersuchungsberichts zum Tod einer "Gorch Fock"-Kadettin. In einem Brief, der dem SPIEGEL vorliegt, beanstandet der Wehrbeauftragte Königshaus die mangelnde Aufklärung des Falls. Auch das Verteidigungsministerium distanziert sich.

"Gorch Fock" in Kiel: "Wäscheleine mit Damenschlüpfern" für den Zusammenhalt Zur Großansicht
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"Gorch Fock" in Kiel: "Wäscheleine mit Damenschlüpfern" für den Zusammenhalt

Hamburg - Die Führung der Marine gerät in die Kritik bei der Aufklärung eines Unfalls auf der "Gorch Fock", bei dem im November 2010 die Kadettin Sarah S. zu Tode stürzte. Der zuletzt vorgelegte Marinebericht kläre "den Sachverhalt nicht vollständig auf", schreibt der Wehrbeauftragte des Bundestags Hellmut Königshaus (FDP) in einem Brief an Verteidigungsminister Thomas de Maizière (CDU).

In einem beigefügten achtseitigen Dossier kritisiert Königshaus nach Informationen des SPIEGEL unter anderem, dass beim umstrittenen Zwang zum Aufentern in die Takelage "eine nähere Aufklärung zwingend geboten gewesen wäre". Die Rechtfertigung der an Bord herrschenden Führungsphilosophie, schreibt er weiter, "überzeugt nicht".

Konkret stößt sich der Wehrbeauftragte zum Beispiel an einer "Wäscheleine mit Damenschlüpfern im Maschinenraum". Die Marine hatte die "Trophäen" als "zusammenhaltsförderndes Element" verteidigt. Für Königshaus ist "diese Bewertung der Kommission in keiner Weise nachvollziehbar".

Auch das Verteidigungsministerium ist inzwischen auf Distanz zur Marineführung gegangen. Das Marinepapier sei "kein Bericht der Bundesregierung", erklärte Staatssekretär Wolff. Er sei eher in "etwas ungewöhnlicher Form" ein "Versuch" der Marineführung, "zu einer einvernehmlichen Bewertung der Stimmungslage zu kommen".

Angehörige des Opfers werfen der Staatsanwaltschaft Kiel vor, Ermittlungen wegen fahrlässiger Tötung zu verschleppen. Die Dauer des Verfahrens sei ihm "völlig rätselhaft", sagt ihr Anwalt Thomas Koch. Ermittlungsergebnisse seien ihm für Februar angekündigt worden, bislang habe er nichts gehört.

Kritik äußert auch Daniel Wagner, der Lebensgefährte Sarah von S., die am 7. November 2010 verunglückt war. "In meinen Augen ist Sarah wegen des falschen, sinnlosen Ehrgeizes anderer gestorben", sagt Wagner, "die Ausbildung ist nicht zeitgemäß." In einem Brief an den Verteidigungsminister schrieb der Oberleutnant zur See, die "Gorch Fock" werde von der Mehrheit der Marineangehörigen "als lästige Spielerei maritimer Eitelkeit empfunden". Die "Gorch Fock" ist nach der Affäre inzwischen wieder in ihrem Heimathafen Kiel angekommen.

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Betonia 06.05.2011
Zitat von sysopDer Marineführung droht Ärger wegen des Untersuchungsberichts zum Tod einer "Gorch Fock"-Kadettin. In einem Brief, der dem SPIEGEL vorliegt, beanstandet der Wehrbeauftragte Könighaus die mangelnde Aufklärung des Falls. Auch das Verteidigungsministerium distanziert sich. http://www.spiegel.de/politik/deutschland/0,1518,760941,00.html
Vertuschen, runterspielen, verharmlosen, das ist anscheinend immer noch üblich beim Militär bzw. bei der Marine. Hoffentlich folgt jetzt mal ein nüchterner sachlicher Bericht.
2. ...
plana 06.05.2011
Zitat von sysopDer Marineführung droht Ärger wegen des Untersuchungsberichts zum Tod einer "Gorch Fock"-Kadettin. In einem Brief, der dem SPIEGEL vorliegt, beanstandet der Wehrbeauftragte Könighaus die mangelnde Aufklärung des Falls. Auch das Verteidigungsministerium distanziert sich. http://www.spiegel.de/politik/deutschland/0,1518,760941,00.html
Was für ein hinreichender Grund die Sau erneut durchs Dorf zu treiben. Fantastisch. Wo Argumente fehlen gibt man sich halt schnell der Lächerlichkeit preis.
3. .
RosaHasi 06.05.2011
was zur hölle sucht unterwäsche der frauen auf einer wäscheleine im maschinenraum als trophäe? warum greift bei soetwas kein vorgesetzter ein?
4. Im gleichen Segelverein?
Hugh 06.05.2011
Zitat von sysopDer Marineführung droht Ärger wegen des Untersuchungsberichts zum Tod einer "Gorch Fock"-Kadettin. In einem Brief, der dem SPIEGEL vorliegt, beanstandet der Wehrbeauftragte Könighaus die mangelnde Aufklärung des Falls. Auch das Verteidigungsministerium distanziert sich. http://www.spiegel.de/politik/deutschland/0,1518,760941,00.html
Dass die Aufklärung des Todes der Kadettin nicht voran kommt, sollte vielleicht nicht wundern. Es wäre wohl besser gewesen den Fall einer Staatsanwaltschaft zu übergeben wo die Staatsanwälte auf keinen Fall in dem gleichen Segel- , Tennis-, oder Golfclub wie die Herren Kapitäne und sonstigen Marineoffiziere sein können. Ich will nicht behaupten, dass...... Aber der Verdacht zumindest drängt sich mir sehr stark auf. und die Marineführung? naja, die waren doch mehr oder weniger alle auf der GF. Wer erwartet denn da was anderes. Außerdem hackt eine Krähe der anderen...... Wäre gut wenn die mal von ihrer Marinefolklore der Segelromantik des 19. Jahrhunderts ließen und in den modernen Einsatzstreitkräften des 21. ankämen
5. Titel
Thomas Kossatz 06.05.2011
Zitat von BetoniaVertuschen, runterspielen, verharmlosen, das ist anscheinend immer noch üblich beim Militär bzw. bei der Marine. Hoffentlich folgt jetzt mal ein nüchterner sachlicher Bericht.
Ach was. Hier ist doch nichts anderes gemacht worden, als in eigener Sache zu ermitteln. Niemand ist da überkritisch - Sie auch nicht.
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Schulschiff "Gorch Fock": Riskante Ausbildung

Die "Gorch Fock"
Das Schiff
Das legendäre Segelschulschiff "Gorch Fock" ist das älteste Schiff der deutschen Marine, es gilt als Botschafterin Deutschlands auf den Weltmeeren. Gebaut wurde es auf der Hamburger Werft Blohm & Voss, im August 1958 lief es vom Stapel. Benannt ist das Schiff nach dem Schriftsteller Gorch Fock, der im Ersten Weltkrieg in einer Seeschlacht starb.

Die "Gorch Fock" ist 89 Meter lang und 12 Meter breit, der Tiefgang beträgt 5,25 Meter. Fock- und Großmast sind 45,30 Meter hoch, der Besanmast etwa 40 Meter. Eine Diesel-Antriebsanlage erlaubt eine Geschwindigkeit mit dem Motor von 12 Knoten (etwa 23 Kilometer in der Stunde). Die Höchstgeschwindigkeit unter Segeln liegt bei rund 17 Knoten, bei ihrem Rekord war sie 18,2 Knoten schnell. Die "Gorch Fock" untersteht der Marineschule Mürwik bei Flensburg, Heimathafen ist Kiel.
Die Besatzung
Der Dreimaster hat eine 85-köpfige Stammbesatzung, dazu kommen bis zu 138 junge Lehrgangsteilnehmer. In mehr als 50 Jahren wurden rund 14.500 Kadetten auf der "Gorch Fock" ausgebildet - viele berichteten anschließend von einer extrem harten Ausbildung. 1989 kamen mit fünf Sanitätsoffiziersanwärterinnen erstmals Frauen an Bord.
Die Ausbildung
Offizier- und Unteroffizieranwärter erhalten dort ihre praktische und theoretische Ausbildung für spätere Aufgaben in der Flotte. Laut Marine sollen die Lehrgangsteilnehmer an Bord das "grundlegende seemännische Handwerk" erlernen. "Sie erfahren in der Praxis die Bedeutung von Teamwork und Kameradschaft." Allerdings werde den Lehrgangsteilnehmern und der Crew "sowohl beim Aufentern in bis zu 45 Meter Höhe als auch beim Segelsetzen viel abverlangt", heißt es auf der Marine-Homepage.

Trotz modernster Technik ist der Ausbildungsabschnitt Segelschulschiff nach Ansicht der Marine weiterhin von großer Bedeutung. "Nirgendwo wird der Einfluss des Wetters auf Schiff und Besatzung so intensiv erlebt und zur gesicherten Erfahrung wie auf einem Großsegler", heißt es auf der Internetseite der Marine. Gerade die Ausbildung auf einem Segelschulschiff präge die Charaktereigenschaften und Gemeinschaftssinn, die für einen militärische Vorgesetzten unerlässlich seien.
Die Todesfälle
Während der Lehrgänge kam es mehrfach zu Todesfällen. Seit 2008 verloren gleich zwei Soldatinnen an Bord ihr Leben: Im vergangenen November stürzte eine 25-jährige Offiziersanwärterin aus der Takelage auf das Deck. Im September 2008 war eine 18-jährige Soldatin während ihrer Wache bei rauer See in die Nordsee gefallen und ertrunken.
Der Kommandant
Seit 2006 hatte Kapitän Norbert Schatz, 53, das Kommando über die "Gorch Fock" - im Zusammenhang mit dem Unfalltod der 25-jährigen Sarah wurde er Ende Januar 2011 von Verteidigungsminister Karl-Theodor zu Guttenberg abgesetzt. Die Dreimastbark sei schon immer sein Ziel gewesen, erklärte der 53-Jährige einst. Nach dem Abitur trat er deshalb 1976 in die Marine ein und entschied sich für eine Laufbahn als Fregattenfahrer. Gleich zu Beginn sammelte er erste Erfahrungen auf dem Segelschiff. Von 1997 bis 1999 war er als Erster Offizier an Bord.
Fotostrecke
Schulschiff "Gorch Fock": Stolz der Marine