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"Körper, Liebe, Doktorspiele": Von der Leyen stoppt umstrittene Aufklärungsbroschüre

Von Franziska Badenschier

Das Bundesfamilienministerium hat die Broschüre "Körper, Liebe, Doktorspiele" aus seinem Repertoire entfernt. Bei der Kölner Staatsanwaltschaft war zuvor eine Anzeige eingegangen - die Klägerin findet die Ratschläge zweideutig und zweifelhaft.

Hamburg - Der Titel des Elternratgebers klingt verrucht. Doch sechs Jahre lang hat sich niemand wirklich daran gestört: "Körper, Liebe, Doktorspiele", herausgegeben von der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BZgA). Ein Band widmet sich der frühkindlichen Entwicklung während des ersten bis dritten Lebensjahrs, ein zweiter der vorschulischen Entwicklung vom vierten bis sechsten Lebensjahr.

Umstrittener Elternratgeber: Anzeige wegen öffentlicher Aufforderung zum sexuellen Missbrauch von Kindern
BZgA

Umstrittener Elternratgeber: Anzeige wegen öffentlicher Aufforderung zum sexuellen Missbrauch von Kindern

Jetzt aber wurde gegen Autorin Ina-Maria Philipps und die BZgA bei der Staatsanwaltschaft Köln Anzeige erstattet - wegen öffentlicher Aufforderung zum sexuellen Missbrauch von Kindern. "Ich habe die Broschüre von Bekannten bekommen und gelesen - und war der Meinung, dass das so nicht geht", sagte Ulla Lang SPIEGEL ONLINE, die die Anzeige erstattet hat. Die 64-jährige Mutter von zwei erwachsenen Töchtern beanstandet mehrere Passagen.

Etwa diese: Es ist "nur ein Zeichen der gesunden Entwicklung Ihres Kindes, wenn es die Möglichkeit, sich selbst Lust und Befriedigung zu verschaffen, ausgiebig nutzt". Oder diese: Wenn Mädchen - nicht einmal drei Jahre alt - "Gegenstände zur Hilfe nehmen", dann sollte man das nicht "als Vorwand benutzen, um die Masturbation zu verhindern". Oder diese: "Scheide und vor allem Klitoris erfahren kaum Beachtung durch zärtliche Berührung (weder durch Vater noch Mutter) und erschweren es damit für das Mädchen, Stolz auf seine Geschlechtlichkeit zu entwickeln."

"Einige Formulierungen missverständlich und zweideutig"

Gerade die letzte Passage erregt nun Ärger: Für Kritiker klingt sie nach einer versteckten Aufforderung, Eltern sollten die Tochter zwischen den Beinen berühren. Irene Johns vom Kinderschutzbund sagte gar, dass, "obwohl die Broschüre ganz anders gemeint ist, Pädophile sie als Rechtfertigung nutzen könnten".

Das Bundesfamilienministerium hat nun reagiert: Die Broschüre wurde aus dem Repertoire seiner Aufklärungsarbeit gestrichen, auch auf der Internet-Seite des BZgA ist sie verschwunden. Ministerin Ursula von der Leyen (CDU) habe bestimmte Aussagen als "grenzwertig" bezeichnet, sagte ihre Sprecherin heute. "Einige Formulierungen sind missverständlich und zweideutig."

Autorin Ina-Maria Philipps war bis zum Abend für eine Stellungnahme nicht zu erreichen. BZgA-Direktorin Elisabeth Pott zeigt sich überrascht, dass nun nach sechs Jahren erstmals Missverständnisse aufkommen und Kritik laut wird - aber: "Wir nehmen die Kritik ernst." Eine Dozentin des Instituts für Sexualpädagogik ist über den Stopp erschüttert: "Das darf ja wohl nicht wahr sein", sagt sie. Schließlich, argumentieren die Befürworter der Broschüre, habe man ein wichtiges Ziel gehabt, als die Hefte 2001 erstmals erschienen: Die Sexualentwicklung von Säuglingen und Kleinkindern sollte nicht mehr tabuisiert werden.

"Ein schwieriges, hochsensibles Gebiet"

Pott sagt, die Broschüre solle zeigen, wo Grenzen sind, und deutlich machen, dass der Kontakt mit den Kindern auf keinen Fall der eigenen sexuellen Erregung oder Befriedigung dienen darf. Pott: "Frühkindliche Sexualentwicklung ist ein schwieriges, hochsensibles Gebiet." Deshalb habe man die Broschüre mit großer Sorgfalt entwickelt und evaluiert. Bisher habe es nur positive Rückmeldungen gegeben; der Schweizer Kinderschutzbund habe sogar angefragt, die Ratgeber zu übernehmen.

"Die Broschüren informieren darüber, wie Eltern ihre Kinder beim Entdecken des eigenen Körpers und bei der Erfahrung der Sexualität begleiten können", stand seinerzeit in einer Pressemitteilung zu den Aufklärungsheften. Eine Evaluierung hatte den Ratgeber für gut befunden: Das Institut für Marktforschung befragte im Auftrag der BZgA kurz nach der Herausgabe 60 Mütter, 30 Väter und 15 Erzieherinnen. Das Ergebnis der Elterninterviews sei "überaus positiv, sowohl hinsichtlich der Bewertung des Inhalts auch der Gestaltung. (...) Eine spontane Kritik am Inhalt wurde nicht geäußert." 89 Prozent der Eltern hätten angegeben, für die Grenzen und die Intimsphäre der Kinder sensibilisiert worden zu sein. Auch die Erzieherinnen hätten - mit einer Ausnahme - spontan positiv geurteilt.

In Internet-Foren wird schon länger über die Studie diskutiert. Die einen sehen in der Studie einen Tabubruch - die anderen argumentieren, die Zitate seien komplett aus dem Zusammenhang gerissen. Mittlerweile sind beide Bände der Broschüre vergriffen. In ganz Deutschland wurden insgesamt 650.000 Hefte verteilt, sie gingen an Kindergärten, Familienbildungsstätten, Kinderärzte - und liegen dort wohl noch heute aus. Außerdem wurden die Ratgeber ungezählte Male von den BZgA-Webseiten heruntergeladen. Wegen der Kritik wurde aber mit dem Familienministerium vereinbart, auch die PDF-Dokumente der beiden Ratgeber nicht weiter zu verbreiten.

Die Anzeige, die Ulla Lang erstattet hat und SPIEGEL ONLINE vorliegt, ist bei der BZgA noch nicht eingegangen. Zurzeit werden beide Ratgeber überarbeitet. Es wird eine Neuauflage geben, sagt Pott - vielleicht sogar schon in diesem Herbst.

Anmerkung der Redaktion: Der Kölner "Express" hatte Irene Johns vom Kinderschutzbund damit zitiert, "dass Pädophile solche amtlichen Anleitungen als Rechtfertigung nutzen könnten". Sie legt Wert darauf, sie habe von der Broschüre nicht als einer "amtlichen Anleitung" gesprochen. SPIEGEL ONLINE hat das Zitat in diesem Text korrigiert.

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